Christenverfolgung

Christenverfolgung: Es gibt Wichtigeres als Zahlen

Seit 2010 ist er Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für Religions- und Weltanschauungsfreiheit: Heiner Bielefeldt, Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik an der Universität Erlangen-Nürnberg.

Benjamin Lassiwe hat mit ihm gesprochen.

Herr Professor Bielefeldt, wie steht es weltweit um die Religionsfreiheit?

Heiner Bielefeldt: Die Religions- und Weltanschauungsfreiheit ist völkerrechtlich verbindlich im Internationalen Pakt über bürgerliche und politische Rechte verankert. Nach wie vor wird sie jedoch vielfach verletzt. In zahlreichen Staaten haben religiöse Minderheiten Schwierigkeiten, einen angemessenen Rechtsstatus zu erhalten, so dass sie keine dauerhafte Infrastruktur für ihr Gemeindeleben aufbauen können. Anträge für den Bau von Kirchen, Tempeln, Synagogen oder Moscheen gestalten sich unnötig kompliziert; manchmal werden sie über Jahre oder gar Jahrzehnte hin verschleppt. Glaubenswechsel und Missionstätigkeit stehen in manchen Staaten unter Strafdrohung. Das Familienrecht verbaut für manche religiösen Minderheiten sogar die Möglichkeit legitimer Eheschließung. Am schlimmsten sind natürlich die Akte direkter Gewalt, die bis hin zur Massenvertreibung reichen können. Betroffen können ganz unterschiedliche Gruppierungen sein, Christen, Muslime, Juden, Bahai, aber auch Atheisten. Es kommt übrigens auch vor, dass Christen gegen Christen und Muslime gegen Muslime vorgehen – letztere Konstellation zeigt sich vor allem in den wachsenden Spannungen zwischen Sunniten und Schiiten.

Wie bewerten Sie die Lage im Nahen Osten?

Heiner Bielefeldt: Das wäre von Land zu Land unterschiedlich zu bewerten. Im September habe ich eine UN-Visite in Jordanien durchgeführt. Dort steht es um die Religionsfreiheit, vor allem um die Koexistenz von Muslimen und Christen derzeit relativ gut. Vor allem in den Städten lebt man mit großer Selbstverständlichkeit interreligiös zusammen, und auch die Schulen werden vor Muslimen und Christen gemeinsam besucht. Es besteht aber die Befürchtung, dass die in Nachbarländern – wie Irak und Syrien – ausgetragenen Konflikte auf Jordanien durchschlagen und längerfristig das Klima vergiften können. Außerdem gewinnt die in Saudi-Arabien propagierte radikale Variante des Islamismus über die Medien immer mehr Einfluss. Insgesamt haben die Umwälzungen in der arabischen Welt zu einer weiteren Politisierung des Islams geführt. Die Auswirkungen richten sich keineswegs nur gegen Christen und andere nicht-muslimische Minderheiten, sondern vielfach auch gegen liberal eingestellte Muslime.

Findet dort religiöse Verfolgung statt?

Heiner Bielefeldt: Da wo Menschen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit entführt, erpresst, vertrieben oder von Staats wegen systematisch schikaniert werden, muss man in der Tat von Verfolgung sprechen.

In Ägypten brennen regelmäßig Kirchen und Gemeindehäuser, koptische Christen sprechen aber immer wieder bewusst nicht von Verfolgung. Wie bewerten Sie diese konkrete Situation?

Heiner Bielefeldt: Als ich vor zwei Jahren in Ägypten war und mit Vertretern der Kopten sprach, fiel mir auf, dass die meisten großen Wert darauf legen, gleichberechtigte ägyptische Bürgerinnen und Bürger zu sein. »We all are citizens«, war ein Spruch, den man immer wieder hörte. Bei manchen Christen besteht daher eine gewisse Zurückhaltung, sich in erster Linie über die Religion zu definieren. Wenn man näher mit den Menschen in Kontakt kommt, berichten sie gleichwohl über Erfahrungen von religiös motivierter Diskriminierung und Zurücksetzung, die im Übrigen ja keineswegs neu sind. Die Situation von Schutzlosigkeit gegenüber gewaltsamen Übergriffen, die auch in der Mubarak-Ära beklagt wurde, hat sich in den letzten Jahren sicherlich verschlimmert.

Evangelikale Organisationen behaupten regelmäßig,das Christentum sei die am stärksten verfolgte Religion der Welt. Teilen Sie diese Einschätzung?

Heiner Bielefeldt: Ich habe keine gegenteiligen Erkenntnisse. Wenn man in absoluten Zahlen rechnet, mag es sein, dass die Christen, die ja nach wie vor mit Abstand die weltweit größte Religionsgemeinschaft bilden, auch bei Verletzungen der Religionsfreiheit an erster Stelle stehen. Oft sind aber kleine Religionsgemeinschaften – wie Bahais, Ahmadis oder Zeugen Jehovas – weit überproportional betroffen. Innerhalb der Christen trifft es oftmals evangelikale Gruppen, weil sie – zu Recht oder zu Unrecht – verdächtigt werden, aktive Missionstätigkeit zu betreiben. Missionstätigkeit ist übrigens von der Religionsfreiheit gedeckt.

Lässt sich religiöse Verfolgung überhaupt zahlenmäßig belegen?

Heiner Bielefeldt: Wirklich aussagekräftige Zahlen über das Gesamtmaß religiöser Verfolgung weltweit gibt es nicht. Gegenüber den öffentlich immer wieder genannten Angaben bleibe ich zurückhaltend. Ich glaube im Übrigen, dass es wichtigere Fragen zu klären gilt.

Wo sind in den letzten Jahren die größten Fortschritte auf dem Gebiet der Religions- und Weltanschauungsfreiheit geschehen?

Heiner Bielefeldt: Die guten Nachrichten kommen in den Medien leider wenig vor, und deshalb möchte ich zwei Beispiele dafür geben, dass sich eben doch ab und zu auch etwas zum Positiven hin bewegt. In Zypern fanden kürzlich Gespräche zwischen den Religionsgruppen statt, wie sie bislang noch nie möglich waren. Das könnte dazu beitragen, auch dem festgefahrenen Aussöhnungsprozess innerhalb Zyperns wieder Dynamik zu geben. Eine geradezu großartige Rolle spielen die Religionsgemeinschaften in Sierra Leone, einem der ärmsten Länder der Welt, das bis vor zehn Jahren von einem fürchterlichen Bürgerkrieg heimgesucht war. Muslime und Christen arbeiten miteinander am Wiederaufbau des Landes. Interreligiöse Ehen in allen Konstellationen und auch Glaubenswechsel in alle Richtungen werden mit großer Selbstverständlichkeit respektiert. So etwas gibt es auch.

Wo sehen Sie konkrete Ergebnisse Ihrer eigenen Arbeit?

Heiner Bielefeldt: Meine eigene Arbeit kann nur im Konzert vieler Organisationen wirksam sein. Menschenrechtsarbeit ist langfristig und auf breite Bündnisse angelegt. Immerhin haben wir auch in der UNO jüngst ein paar Durchbrüche erreicht, etwa einen Aktionsplan für den Umgang mit Religionshass, den ich für sehr sinnvoll halte.

Zur Person: Dr. Heiner Bielefeldt ist Professor für Menschenrechte und Menschenrechtspolitik der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seit Juni 2010 ist Bielefeldt Sonderberichterstatter für Religions- und Weltanschauungsfreiheit des UN-Menschenrechtsrats. Dieses Mandat wurde im März um weitere drei Jahre verlängert.

Fotos: United Nations OHCHR, Claus Arnold