Wort auf den Weg

Die Kunst des Sterbens ist die Kunst des Lebens

»Ars moriendi«, die Kunst des Sterbens, nannte man im Mittelalter eine Reihe von Schriften, die den Leser auf das Sterben vorbereiten wollten.

Es ging darum, wie ein Christ im Sterben das Himmelreich ererben könne. Diese Art Erbauungsliteratur ist ziemlich aus der Mode gekommen, weil sich die Menschen unserer Zeit nicht mehr gern mit dem Sterben und dem Tod befassen. Jedoch ist der Tod eine Realität wie eh und je. Und der Mensch ist wahrscheinlich das einzige Wesen im Weltall, das weiß, dass sein Dasein vom Tod begrenzt ist.

Das fängt schon früh an. Mein Sohn und meine Tochter, beide noch nicht schulpflichtig, saßen beim Frühstück und sprachen über ihre Wüstenrennmaus, die am Tag davor verendet war. Mein Sohn, zwei Jahre älter als seine Schwester, sagte: »Wir müssen alle sterben. Du auch.« Meine Tochter war ganz erschrocken und meinte mit belegter Stimme: »Aber das dauert noch ganz lange!«

Wir wissen alle, dass wir sterben müssen, aber wir hoffen, dass wir bis dahin noch viel Zeit haben, so viel Zeit, dass wir den Gedanken an den Tod zumindest für eine Weile vergessen können. Der Alltag ist ja auch wirklich dazu angetan. Da sind einerseits die Pflichten, die unsere Gedanken und Gefühle in Beschlag nehmen, sodass für andere Gedanken gar keine Zeit bleibt. Andererseits sind da die Freuden, die uns das Leben schmackhaft machen und den Gedanken an den Tod unerträglich werden lassen.

Der Tod im Nacken

Doch sitzt uns allen der Tod trotzdem im Nacken. Sogar ein höherer Geburtstag, so heiter er begangen werden mag, ist insgeheim bestimmt durch das Wissen: Wieder ist ein Jahr Lebenszeit vergangen, wieder bin ich ein Jahr näher am Tod. So stiftet der Tod ständig Unruhe in unseren Gedanken und Gefühlen. Rainer Maria Rilke hat dies unübertrefflich so gesagt: »Der Tod ist groß. Wir sind die Seinen lachenden Munds. Wenn wir uns mitten im Leben meinen, wagt er zu weinen mitten in uns.«

Die Bibel rät uns deshalb, den Tod nicht zu verdrängen, sondern im Gegenteil: »Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden« (Psalm 90,12). Wie in einer Nussschale ist darin zusammengefasst, was die Kunst des Sterbens ausmacht. Dabei scheint der Gedanke, dass das Sterben eine Kunst ist, zunächst absurd. Bislang hat es noch jeder Mensch geschafft zu sterben, gleichgültig, ob er von der Kunst des Sterbens eine Ahnung hatte oder nicht. Es geht natürlich nicht um den Augenblick des Sterbens selbst, sondern darum, wie ich leben kann oder doch leben sollte, wenn am Ende der Tod das Leben beschließt.

Das heißt: Wenn wir die Kunst des Sterbens erlernen wollen, müssen wir leben lernen. Die beste Vorbereitung auf den Tod ist das gute Leben.

Das gute Leben lernen

Was das aber ist, das gute Leben, dazu gibt uns Christian Fürchtegott Gellert (1715–1769) einen Hinweis: »Lebe, wie du, wenn du stirbst, wünschen wirst, gelebt zu haben!« Das leuchtet unmittelbar ein. Wer auf dem Sterbebett zurückschaut und erkennen muss, dass er sein Leben vertan oder verfehlt hat, wird es sehr schwer haben, den Abschied zu ertragen. Wer aber dankbar auf sein Leben schauen und sagen kann: Es hat sich gelohnt zu leben, stirbt anders, leichter. Dankbarkeit und Verzweiflung schließen einander aus.

Wie aber werde ich wünschen, gelebt zu haben, wenn ich sterbe? Jörg Zink gibt darauf eine Antwort: »Was bleibt, stiften die Liebenden.« Wir werden nicht wünschen, mehr Geld verdient und mehr konsumiert zu haben, wenn wir sterben. Wir werden aber sehr wohl wünschen, mehr geliebt zu haben. Denn die Liebe bleibt, vor allem, wenn sie mit dem Glauben und der Hoffnung gemeinsam auftritt.

Die Liebe im umfassenden Sinn ist damit gemeint, die Liebe zum Leben, zum Ehepartner, zu den Kindern, zu den Menschen, die mir die Nächsten und die Fernen sind, die Liebe zu Gott. Und damit auch Zeit für die Liebe. Und umgekehrt, das was bleibt, ist ebenso die Liebe, die ich empfangen habe. Die Kunst des Sterbens besteht also darin, Liebe zu üben, dann, wenn es noch Zeit ist. Das heißt aber auch, dass die Liebe nicht nur so ein diffuses Gefühl ist, sondern Arbeit, Übung. Liebe kann man einüben.

Was aber wird sein, wenn der Tod das Leben beendet? Für jemanden, der keine Hoffnung hat, ist der Tod das radikale Ende. Es gibt keine Erinnerung mehr, keine Gedanken mehr, kein Bewusstsein mehr. Alles, was der Gestorbene getan und erlitten hat, ist vorbei, als wäre es nie gewesen. Das Leben ist vergangen wie ein Traum, den man vergessen hat. Selbst dann, wenn man in den Herzen seiner Lieben weiterlebt, wie es in mancher Todesanzeige heißt, entkommt man nicht dem ewigen Vergessen. Denn auch die Hinterbliebenen werden eines Tages tot sein. Angesichts des Todes wird das Leben in seiner Gänze sinnlos. Wenn ich tot bin und die Menschen um mich herum tot sind, ist es völlig gleichgültig, wie ich gelebt habe. Es gibt niemanden mehr, den das interessiert. Damit muss man sich abfinden, wenn man leben will angesichts des Todes und keine Hoffnung hat über den Tod hinaus. Die christliche Hoffnung jedoch orientiert sich an Jesus Christus. Da tönt es wie mit Posaunenschall in unsere todverfallene Welt: »Der Herr ist auferstanden!«

So wie Christus auferstanden ist, werden die auferstehen, die sich im Leben hier und jetzt ihm anvertraut haben. Die anderen auch; doch während die Christen bereits das ewige Ja Gottes zu ihrem Leben gehört haben, müssen die anderen ihr Tun und Lassen noch einmal rechtfertigen vor dem Thron der Gnade. So ist die christliche Hoffnung zusammengefasst in dem Jubelruf, den Siegfried Fietz in einem seiner Lieder ausstößt: »Halle, Halleluja, wir werden auferstehn!«

Wenn ich sterbe, werde ich wünschen, im Vertrauen auf Jesus gelebt zu haben und wie Jesus gelebt zu haben. Das gehört zusammen, Leben mit Jesus und Leben wie Jesus. Die Kunst des Sterbens besteht mithin darin, dass ich mich anrühren lasse von der Liebe Jesu, dass ich mich von ihm zur Liebe führen lasse, seine Liebe erfahre und mich selbst immer wieder in der Liebe übe. Die Kunst des Sterbens ist die Kunst des Lebens in der Liebe Jesu.

Diederich Lüken

Foto: Ralf Würtz