Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Grenzenloses Mitgefühl

Am Tag der deutschen Einheit hat Bundespräsident Joachim Gauck betont, dass Deutschland keine Insel ist. Gleichzeitig schottet sich Europa gegen Flüchtlinge ab.

Dabei ist Europa längst ein Einwanderungsgebiet, sagt Bischöfin Rosemarie Wenner. Sie fordert uns dazu auf, mit den Menschen, die in Deutschland Hilfe suchen, solidarisch zu sein.

Es war ein schönes Fest zum »Tag der deutschen Einheit« am 3. Oktober in Stuttgart. Ich war eingeladen, beim Ökumenischen Gottesdienst in der Stiftskirche mitzuwirken. Wunderbare Musik, fröhlicher Gesang und eine gute Predigt weckten Dankbarkeit. Erzbischof Zollitsch sagte, dass Menschen, die sich von Gott getragen wissen, einander tragen können. Bundespräsident Joachim Gauck mahnte in seiner Rede zum Festakt: »Unser Land ist keine Insel. Wir sollten uns nicht der Illusion hingeben, wir könnten verschont bleiben von den politischen und ökonomischen, den ökologischen und militärischen Konflikten, wenn wir uns an deren Lösung nicht beteiligen.«

Danach besuchte ich die EmK-Hoffnungskirche in Stuttgart. Dort fand das Stichwort »Solidarität«, das sich wie ein roter Faden durch die Feierlichkeiten zog, einen praktischen Ausdruck: Die Gemeinde lädt zweimal im Jahr Menschen mit und ohne Wohnsitz zu einem »Feiertag« ein. 200 Menschen nahmen die Einladung an. Auch dort herrschte eine fröhliche Stimmung, man genoss festliches Essen, ein Konzert, und ich fand aufgeschlossene Gesprächspartner.

Am Abend sah und hörte ich die Schreckensmeldungen von der Insel Lampedusa: Hunderte Menschen starben am 3. Oktober, weil ein Flüchtlingsboot im Mittelmeer kenterte. Große Betroffenheit und Trauer allenthalben. Politiker mahnten, es müsse sich etwas ändern in der Flüchtlingspolitik der Europäischen Union.

Seither sind noch mehr Menschen bei dem Versuch ums Leben gekommen, übers Mittelmeer der Hoffnungslosigkeit in Somalia oder Eritrea zu entkommen. Am 10. Oktober beschloss die Europäische Union, durch das Programm »Eurosur« die Sicherheit an den Außengrenzen zu erhöhen – sprich: Flüchtlingsboote frühzeitig zu erkennen und ihren Eintritt in europäische Gewässer zu verhindern. »Wir müssen Menschen in Afrika helfen«, heißt es zu Recht. Aber was geschieht dafür? Wie stärken wir Nichtregierungsorganisationen, die in Somalia und anderen Krisenländern beim Aufbau stabiler Strukturen mitwirken können?

Wie der Einsatz für Unterdrückte konkret wird

Aus dem Gottesgeschenk der Einheit erwächst die Verpflichtung, sich für Menschen einzusetzen, die in Deutschland Zuflucht suchen und die anderswo Gewalt und Unfreiheit erdulden müssen. Das sagte der württembergische evangelische Landesbischof Frank July bei seiner Begrüßung im Gottesdienst am »Tag der deutschen Einheit«. Was könnte das bedeuten?

Etliche EmK-Gemeinden pflegen Kontakte zu Flüchtlingen, die in Unterkünften in ihrer Nachbarschaft leben. Andere vermitteln Asylbewerbern Rechtsbeistand oder sie fördern Kinder aus Migrantenfamilien. Darüber hinaus versuchen wir, unsere internationalen Verbindungen zu nutzen, um die Lebensbedingungen der Menschen auf dem so reichen und gleichzeitig so geschundenen afrikanischen Kontinent zu verbessern. Und wir machen unseren Einfluss geltend, damit menschenwürdigere Asyl- und Einwanderungsgesetze zustande kommen, die der Tatsache Rechnung tragen, dass Europa Einwanderungsgebiet ist.

»Solidarität« darf auf jeden Fall kein Schlagwort bei Feiertagsreden bleiben – weil sich Gott mit den Schwächsten solidarisiert.

Bischöfin Rosemarie Wenner

Foto: Gottfried Hamp / © Medienwerk der EmK