Für den Alltag

Gott widersteht den Hochmütigen

Bertolt Brecht bringt es auf den Punkt: »Ja, renn nur nach dem Glück, doch renne nicht zu sehr! Denn alle rennen nach dem Glück, das Glück rennt hinterher«.

Er wusste schon, wie hoffnungslos lächerlich das ist: Da hetzen sich die Menschen ab, um Glück zu ergattern – und das Glück wackelt atemlos hinterher. Das Glück will ja zu den Menschen, und der Mensch will zum Glück. Aber weil er scheinbar hinter dem Glück her rennt, verpassen sie einander, das Glück und der Mensch. Woran das liegt? Bertolt Brecht kennt die Antwort: »Denn für dieses Leben ist der Mensch nicht anspruchslos genug, drum ist all sein Streben nur ein Selbstbetrug.«

Damit trifft sich der atheistische Dramendichter mit einem der profiliertesten Christen des britischen Weltreiches, Gilbert Keith Chesterton (1874–1936). Er wurde weltberühmt mit seinem Pater Brown, dem geistlichen Detektiv. Er schrieb: »Dem Demütigen, und ihm allein, ist die Sonne wirklich Sonne; dem Demütigen, und ihm allein, ist das Meer wirklich Meer.«

Überraschung!

Was Brecht Anspruchslosigkeit nennt, ist im Sprachgebrauch Chestertons Demut. Nur wer die Demut kennt, empfindet Glück beim Betrachten eines Sonnenuntergangs oder der Weite des Meeres. Wer in diesen kostbaren Augenblicken gleichgültig bleibt, mit anderen Sonnenuntergängen vergleicht, gerät in den Verdacht, hochmütig zu sein. Alle Dinge nach ihrem Geldes- oder Erlebniswert zu taxieren ist geradezu ein Kennzeichen für den Hochmut. Der Hochmütige »kennt vielleicht von allem den Preis, aber von nichts den Wert«, sagt Oscar Wilde. Mit dieser Haltung kann man sich zwar die Reise an die Steilküste des Mittelmeeres kaufen.

Vor Glück aber sprachlos werden, Tränen der Ergriffenheit weinen, sich vor seligem Lachen den Bauch halten: das alles könnte derjenige wohl verpassen, der das Glück planen oder kaufen will. Denn das Glück lässt sich nicht bannen, es lässt sich nicht willentlich herbeiführen, es kommt immer überraschend – aber nur für den, der sich überraschen lässt.

Dann aber steigert sich das Glücksempfinden manchmal vor Dingen, die man allzu leicht alltäglich nennt und in ihrer Würde nicht mehr wahrnimmt. Nur wer sich bis zum Boden niederbeugt, kann über die Schönheit des Löwenzahns Glück empfinden. Dag Hammarskjöld (1905–1961), der erste und wohl bedeutendste Generalsekretär der Vereinten Nationen, war ein tief glaubender Christ und schrieb: »Demut vor den Blumen der Baumgrenze öffnet den Weg zum Gipfel.« Und auf dem Gipfel stehen, das ist Glück.

Das Glück der Gnade

Demut, das heißt nicht Unterwürfigkeit, wie sie so oft missverstanden wird, sondern Staunen über das Leben, die Welt und über Gott. Demut heißt, sich die weit aufgerissenen Augen des Kindes zu bewahren und in dem, was uns widerfährt, immer wieder das Heilige und Göttliche zu erleben. Darin will uns Gott begegnen. Kann es größeres Glück geben als die Begegnung mit Gott? Wohl kaum. Dieses Glück nennt der Glaubende Gnade. »Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade«.

Diederich Lüken