Interview

Was ist Glück?

Und wie wird man glücklich? Diese Fragen bewegen viele Menschen, und glaubt man den zahlreichen Ratgebern, dann ist Glück machbar.

Ganz anders klingt das in der neuen Jahreslosung: »Gott nahe zu sein ist mein Glück« (Psalm 73,28). Aber ist es so einfach? Ja, sagt Iris Bollerhoff. Im Gespräch mit Volker Kiemle erzählt sie vom Glück in schweren Zeiten.

Frau Bollerhoff, wie viele glückliche Menschen kennen Sie?

Iris Bollerhoff: Das ist eine sehr schwierige Frage! Ich habe den Eindruck, dass sich gerade die Deutschen viel lieber mit Problemen befassen als mit den schönen Seiten des Lebens. Deshalb fallen mir zuerst viel mehr Menschen ein, die jammern. Die glücklichen Menschen sind eher selten. Es sind Menschen, die ruhen in sich, die haben eine innere Stärke, die nach außen wirkt.

Was macht Menschen glücklich?

Iris Bollerhoff: Nach meiner Erfahrung liegt es in erster Linie an den Beziehungen. Wenn man gerade in einer Beziehung lebt, die einem viel Kummer macht, dann ist es schwer, sich glücklich zu fühlen. Leider häufen sich solche Situationen: Bis vor wenigen Jahren kannte man das Problem Mobbing nicht, heute ist es allgegenwärtig. Der andere Glücksfaktor ist Gesundheit – das hört man immer wieder, zum Geburtstag oder zum Jahreswechsel wünschen wir uns immer Gesundheit. Das heißt, wenn jemand krank ist, ist er zunächst unglücklich. Niemand freut sich, krank zu sein.

Sie waren vor einigen Jahren schwer krank. Trotzdem waren Sie glücklich. Warum?

Iris Bollerhoff: Gerade in der schlimmsten Phase meiner Krebserkrankung bin ich auf etwas gestoßen, von dem ich nie gedacht hätte, dass darin das Glück liegen könnte.

Was genau war das?

Iris Bollerhoff: Zwei Tage nach meiner Brust-Operation – ich hatte große Schmerzen und wusste nicht, ob alle Krebszellen wirklich entfernt worden waren – fand man bei der Untersuchung einen Schatten auf der Lunge. Der Chefarzt meinte, es sei eine Metastase. Ich musste mich damit auseinandersetzen, nochmal operiert und vielleicht nicht geheilt zu werden. In dieser Situation sprang mir der Satz aus Psalm 84 entgegen: »Glücklich der Mensch, dessen Stärke im Herrn liegt.« Da habe ich entdeckt: Ich muss das Glück nicht in mir suchen, es ist nicht abhängig vom Zustand, in dem ich gerade bin! Es gibt jemand Stärkeres, dessen Stärke bleibt, und ich kann in meiner Schwäche davon profitieren.
Der Psalm geht weiter: »Diese Menschen gehen durch das Tränental und machen es zu einem Quellort.« Das war genau meine Situation! Ich hatte die ganze Nacht geweint und Gott angeklagt. Und dann bekam ich so ein Versprechen!

Worin genau bestand dieses Glück, das sie da gefunden haben?

Iris Bollerhoff: Allein in der Tatsache, dass es diesen Gott der Bibel überhaupt gibt und dass das, was er sagt, wahr ist. Das bedeutet für mich eine Rundumentlastung: Ich muss gar nicht mehr nach der Wahrheit suchen, ich habe sie schon gefunden. Da ist ein Schöpfer, der mich gemacht hat, der allwissend und allmächtig ist. Das Glück, das ich aus Gott beziehe, besteht in seinen Gedanken. Und die verändern meine Gedanken.
Ein Beispiel ist Hiob: Er hat nicht an das gedacht, was er verloren hat, sondern an das, was er einmal haben durfte – und wer es ihm gegeben hat. Das heißt, Hiob konnte den Grund seiner Dankbarkeit direkt aus seinem Leid beziehen. Das ist Stärke, die glücklich macht.

Viele Menschen sind ja wegen äußerer Umstände unglücklich – etwa in einer Beziehung oder durch Mobbing bei der Arbeit. Da genügt doch nicht ein Perspektivenwechsel, da muss man doch etwas ändern – oder?

Iris Bollerhoff: Die Frage ist doch: Woran mache ich Selbstwertgefühl fest? Wenn ich mich an den Menschen orientiere, die mich schlecht behandeln, dann kann mich das total runterdrücken. Wenn ich aber darauf schaue, wie Gott mich sieht, dann zieht mich das nach oben. Wenn Gott mich ansieht, bin ich ein angesehener Mensch.

Unsere Gesellschaft legt sehr viel Wert auf Äußerlichkeiten, viele Menschen lassen sich in Fernseh-Shows bewerten. Braucht es da nicht auch Menschen, die mich so ansehen wie Gott das tut?

Iris Bollerhoff: Das kommt schon auf die Beziehung an, die man mit Gott hat. Ich durfte im Lauf meines Lebens – gerade in den tiefen Tälern – Gott immer besser kennenlernen als den, der mir nicht immer ein tolles Leben verspricht, der aber im tiefen Tal bei mir ist. Auch wenn mich alle anderen verlassen haben: Gott war da.

Ihr erster Ehemann hat sich vor vielen Jahren das Leben genommen und ließ Sie mit zwei kleinen Kindern, einer Zahnarztpraxis und vielen finanziellen Verpflichtungen zurück. Woher haben Sie den Mut zum Weiterleben genommen?

Iris Bollerhoff: Schon in der ersten Nacht nach dem Suizid hat mir Gott einen Traum geschenkt: Ich sah meinen Mann von der Brücke fallen, und im Fall fing ihn eine sehr gläubige Nachbarin, die einen Monat zuvor an Krebs gestorben war, auf. Dann stiegen beide nach oben. Erst später habe ich erfahren, dass diese Frau jeden Tag zur gleichen Stunde dafür gebetet hat, dass auch mein Mann den Weg zu Gott findet – sogar noch kurz vor ihrem Tod. Dieser Traum hat mich unglaublich getröstet – ich wusste, wo diese Frau war nach ihrem Tod und wohin sie meinen Mann genommen hat. Das ist ein unerklärlich großes Geschenk, ein Trost, wie ihn nur Gott geben kann.

Wie kann ich unglücklichen Menschen in meiner Umgebung helfen?

Iris Bollerhoff: In erster Linie durch Zuhören. Wir wissen gar nicht immer sofort, worin das Unglück eigentlich besteht. Ich habe viele Jahre schwangere Frauen in Konfliktsituationen beraten und viele Menschen in ganz schwierigen Situationen begleitet. Dabei habe ich festgestellt: Wenn man zuhört, kommen die Menschen fast immer selbst auf die Ursache ihres Unglücks und finden selbst einen Ausweg. Es ist gar nicht hilfreich, wenn ich mit eigenen Vorschlägen komme; das kann sogar sehr verletzend sein. Zum Zuhören gehört auch das Mitweinen – auch die Bibel sagt, wir sollen mit den Lachenden lachen und mit den Weinenden weinen.

Wann waren Sie das letzte Mal so richtig glücklich?

Iris Bollerhoff: Ich bin oft glücklich. Aber so richtig glücklich gemacht hat mich die Geburt meiner Enkeltochter. Da durfte ich, die ich eine Adoptivmutter bin und nie selbst ein Kind geboren habe, dabei sein. Das war so ein Glück für mich! Zudem war es eine schwierige Geburt: Meine Tochter hatte schon drei Tage lang Wehen und war völlig am Ende ihrer Kräfte. Auch das Kind war entkräftet und hatte sich auch noch nicht gedreht. Ein Kaiserschnitt war schon vorbereitet, da habe ich im Kreissaal laut Gott angefleht, er möge diesem Kind befehlen, sich zu drehen. Mir war völlig egal, was die Ärzte und Schwestern denken. Bei der nächsten Wehe hat sich das Kind gedreht, bei der übernächsten kam es raus. Die Gegenwart Gottes so deutlich zu spüren, das war ein unvergleichliches Glück.

Zur Person: Dr. Iris Bollerhoff hat 20 Jahre als Zahnärztin in eigener Praxis gearbeitet. Seit vielen Jahren ist sie als Referentin vor allem in der »Internationalen Vereinigung Christlicher Geschäftsleute und Führungskräfte« (IVCG) tätig. Die 61-Jährige ist in Bad Mergentheim aufgewachsen und hat in Mainz studiert. Seit 2011 gehört sie zum Autorenteam von »für heute«. Sie lebt mit ihrem zweiten Mann in Pfedelbach in der Nähe von Heilbronn.