Hunderttausende Menschen feierten in Berlin am 3. Oktober 1990 die Wiedervereinigung Deutschlands.

Hunderttausende Menschen feierten in Berlin am 3. Oktober 1990 die Wiedervereinigung Deutschlands.

Deutsche Einheit

25 Jahre deutsche Einheit

Am 3. Oktober 1990 begann ein neues Kapitel deutscher Geschichte: Nachdem das SED-Regime durch die friedliche Revolution gestürzt worden war, war der Weg frei für die Vereinigung von Ost- und Westdeutschland.

Reiner Kohlhammer hatte als Pastor im Westen schon lange intensive Kontakte zu Geschwistern in Ostdeutschland und zögerte nicht, als ihn die Kirche nach Greiz und Triebes/Langenwetzendorf sandte. So kennt er die EmK in Ost und West. Im Gespräch mit Volker Kiemle zieht er eine positive Bilanz der deutschen Einheit, verschweigt aber auch die schwierigen Aspekte nicht.

Welche Gefühle haben Sie, wenn Sie an 25 Jahre deutsche Einheit denken?

Reiner Kohlhammer: Unbedingt positive! Zunächst denke ich an die Bilder in den Tagen selbst – Menschen, die auf die Berliner Mauer klettern, lange Autokolonnen, die sich über die Grenzen schieben, begeistert winkende Menschen und fröhliche Gesichter, überall Euphorie.

Was sind Ihre stärksten Erinnerungen im Bezug auf das vereinigte Deutschland in den vergangenen 25 Jahren?

Reiner Kohlhammer: Dass wir uns in EmK-Gemeinden – ich war damals Pastor in Freudenstadt – mit unseren Partnern aus Greiz selbstverständlich einmal im Jahr getroffen und viel Zeit miteinander verbracht haben. Dabei konnte ich nach den langjährigen Eindrücken aus vielen persönlichen Begegnungen in der Vor-Wende-Zeit sehr viel lernen über das Leben und die Erfahrungen der Menschen in der ehemaligen DDR. Wir alle waren fasziniert von der Möglichkeit einander bereichernder Begegnung.

Welche Erwartungen aus dieser Zeit haben sich nach Ihrer Beobachtung nicht erfüllt?

Reiner Kohlhammer: Die Erwartungen vieler Menschen in den so genannten neuen Bundesländern haben sich nicht erfüllt. Dazu beigetragen hat eine gewisse Ignoranz in weiten Teilen der Bevölkerung im Westen: Ein wirkliches Interesse an den Träumen und Erfahrungen der Menschen im Osten, an den Lebensumständen und was es bedeutet, sich auf eine ganz neue Situation einzulassen, konnte ich oft nicht feststellen – auch in der Kirche nicht. Es ging damals innerkirchlich auch rasch um das gemeinsame Gehaltsgefüge. Das driftete auseinander, weil sich die ostdeutschen Kolleginnen und Kollegen sehr viel stärker an dem orientieren wollten, was die Menschen um sie herum zur Verfügung haben.

Wie haben Sie die EmK in dieser Zeit erlebt?

Reiner Kohlhammer: Beeindruckt war ich vom Selbstbewusstsein unserer ostdeutschen Geschwister, die ihre Linie verfolgt und sich nicht haben anstecken lassen von manchem in der Umgebung. Ich selbst habe mich ja 2002 nach Greiz und Triebes/Langenwetzendorf senden lassen. Die pastorale Vakanz dort erlebte ich aus verschiedenen Gründen als eine weit geöffnete Tür und als Ruf in einen neuen Raum! Ich traf in den Gemeinden und in der Ostdeutschen Jährlichen Konferenz auf mir gegenüber unglaublich aufgeschlossene Menschen. Das hat mich ermutigt, mich unbefangen, aber engagiert in vorhandene Strukturen einzuklinken und die Arbeit mit den Menschen in den Gemeinden fortzuschreiben – nicht als »Besser-Wessi «, aber durchaus aus meinem Erfahrungshintergrund. Manche in der Kirche waren gegenüber damaligen Gemeindeaufbau-Konzepten allerdings skeptisch, sahen darin einen Widerspruch dazu, dass alles am gnädigen Segen Gottes gelegen sei.

Wie haben Sie dort die gesellschaftlichen Umbrüche erlebt?

Reiner Kohlhammer: Die vielen Nachtgebete und Runden Tische in Kirchen schienen zu zeigen, dass Menschen auf das, beziehungsweise den, warteten, den wir als Christen bezeugen dürfen: Jesus, den Heiland. Das stellte sich rasch als großer Irrtum heraus. Kirche war nicht gefragt – oder wir fanden als Gemeinden nicht auf die Lebensfelder derer, die wir eigentlich erreichen wollten, und nicht die Kommunikationsformen, die Begegnung ermöglicht hätten. Die Wende wurde auf vielen Ebenen eher als ein Anschluss, ja sogar als Übernahme spürbar. Einzelne und Verbände nutzten die Unerfahrenheit vieler in den neuen Bundesländern, um sich zu bereichern. Und es gab insgesamt einfach nicht genug Zeit, um sich aus sehr unterschiedlichen Entwicklungen in gegenseitiger Wertschätzung und auf Augenhöhe aufeinander zuzubewegen. Manche Aussagen und Verhaltensmuster westlicher politischer, gesellschaftlicher und kirchlicher Institutionen und Personen empfand ich als ignorant.

Wie steht es nach Ihrer Beobachtung mit der deutschen Einheit innerhalb der EmK?

Reiner Kohlhammer: Christ zu sein war in der DDR viel weniger selbstverständlich als im Westen. Man musste Einschränkungen in Kauf nehmen – bisweilen durften Christen nicht studieren oder bestimmte Berufe nicht erlernen. Zu sagen, mein Christsein ist mir diese und andere Nachteile wert – diese Haltung wurde und wird nach meiner Beobachtung im Westen eher wenig gelebt. Aber insgesamt sind wir als Kirche wieder wirklich zusammen, und es gibt kaum noch Anlass, zu fragen, wer aus dem Osten und wer aus dem Westen kommt. Uns jedenfalls haben die Begegnungen mit Menschen in den Gemeinden in Thüringen und das Miteinander in der OJK mächtig bereichert – und wir sind gern verbunden geblieben.

Volker Kiemle

Foto: picture-alliance
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 20/2015