»Wenn jemand von dir verlangt, eine Meile mit ihm zu gehen , dann geh zwei mit ihm.« Matthäus 5,41

»Wenn jemand von dir verlangt, eine Meile mit ihm zu gehen , dann geh zwei mit ihm.« Matthäus 5,41

Wort auf den Weg

Dem Gang der Dinge einen anderen Verlauf geben

»Wort auf den Weg« von Manfred Selle: »Wenn jemand von dir verlangt, eine Meile mit ihm zu gehen , dann geh zwei mit ihm.« (Matthäus 5,41)

Anastasius lebte als Einsiedler in der Wüste. Er besaß nichts außer einer wertvollen Bibel. Tag für Tag hockte er in einer armseligen Höhle und las in der Bibel. Einmal wurde er in seiner Einsamkeit gestört. Ein Fremder kam vorbei. Da es schon dämmerte und Anastasius gastfreundlich sein wollte, lud er ihn zu sich ein. Beide teilten ihre dürftige Mahlzeit. Nach dem Essen langte Anastasius nach der Bibel und las dem Fremden daraus vor, bis es Zeit zum Schlafen war. Am nächsten Morgen war der Fremde verschwunden. Und mit ihm auch die Bibel. Als Anastasius noch den Verlust beklagte, wurde seine Ruhe ein zweites Mal gestört. Vor ihm stand ein Händler aus der nahe gelegenen Stadt. Er sagte: »Eben ist ein Mann mit dieser Bibel zu mir gekommen. Er hat sie mir zum Kauf angeboten und verlangt einen hohen Preis. Ich möchte von dir erfahren, ob die Bibel wirklich das Geld wert ist.« Ich wüsste schon, was ich gesagt hätte, wenn ich so leicht etwas wiederbekommen könnte, das mir gehört. Aber Anastasius sagte nur: »Ja, die Bibel ist ihren Preis wert. Ich an deiner Stelle würde sie kaufen. « Da zog der Händler los, um das Geschäft abzuschließen.

Dem Gang der Dinge einen anderen Verlauf geben

Die Reaktion von Anastasius erinnert an das, was Jesus in der Bergpredigt zu Angriffen auf die Person, den persönlichen Besitz, die eigene Zeit und Kraft sagt. Er rät dazu, anders zu handeln als sonst üblich. Das zeigt sein Vorschlag, die vielzitierte zweite Meile zu gehen. Zur Zeit Jesu hatte ein römischer Soldat das Recht, sein Marschgepäck von Passanten unentgeltlich eine Meile weit tragen zu lassen. Danach bekam der Besatzer alles wieder vor die Füße gelegt. Die zweite Meile ist eine einseitige Vorleistung. Von ihrer Wirkung auf den Römer ist Jesus überzeugt. In einer Welt von Gewalt, Vergeltung und tief verwurzeltem Hass verweist er auf die Praxis der kleinen Schritte.

Konfliktsituationen können so entschärft werden. Das ist nicht mit Stillhalten zu verwechseln. In Auseinandersetzungen ist ein hohes Maß an Kraft nötig, um dem Gang der Dinge einen anderen Verlauf zu geben. Es geht darum, jemandem, der mir übel will, mit vertrauensbildenden Maßnahmen und versöhnlichem Umgang zu begegnen. Gefühlsduselei? Selbstaufgabe? Nein: die andere Backe hinhalten, um dem, der zugeschlagen hat, die eigene Gemeinheit vor Augen zu führen. In der Hoffnung, dass er nicht noch einmal zuschlagen wird. Darin besteht das Anders-Sein derer, die Christus folgen wollen: Überraschend, einfallsreich auf das Recht, das mir eigentlich zusteht, ganz unerwartet auch einmal verzichten. Dem Unrecht eine andere, stärkere Kraft entgegensetzen. Bosheit ist mit ihren eigenen Mitteln nicht aus der Welt zu schaffen. Befehlen lässt sich das alles kaum. Es gibt da auch keine Patentrezepte. Aber Jesus ermutigt dazu, in Auseinandersetzungen neue Wege zu wagen.

Unsere Geschichte hat dann doch noch ein gutes Ende. Als der Händler nämlich davon erzählte, er sei bei Anastasius gewesen – und der habe ihm zum Kauf geraten –, wurde es dem Fremden heiß und kalt. Er fragte nach, ob Anastasius noch mehr gesagt habe. Und als ihm versichert wurde, das sei alles gewesen, nahm der Mann die Bibel und brachte sie voll Scham über seine Gemeinheit ihrem Besitzer zurück. Damit ist die Geschichte nun wirklich zu Ende. Ist sie’s wirklich? Fordert sie nicht dazu heraus, Gutes in vergleichbaren Situationen zu erhoffen?

Manfred Selle

Foto: © Michael »Mike« L. Baird bairdphotos.com / CC BY 2.0
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 21/2015