Wort auf den Weg

Wort auf den Weg

Wort auf den Weg

Ein Mensch ringt mit Gott

»Wort auf den Weg« von Regine Stoltze zum Vers: »Ich bin denen gleich geachtet, die in die Grube fahren, ich bin wie ein Mann, der keine Kraft mehr hat«. (Psalm 88,5)

Heinz, du bist der einzige, der mich noch besuchen kommt!«. Diesen Satz hörte mein Vater von einem todkranken Nachbarn. Am Anfang waren das nur oberflächliche Kontakte, wie sie oft unter Nachbarn gepflegt werden. Aber mit der Zeit wurde aus den regelmäßigen Besuchen viel mehr. Vor allem in den letzten Wochen konnte Vater Halt geben. Manchmal fielen ihm die Besuche schwer, aber oft war er selber der Beschenkte.

Er hat die Sprachlosigkeit am Bett eines Sterbenden erlebt. Wie schwer das auszuhalten ist, davon spricht der Psalm 88 in schweren Worten »Meine Freunde und Nächsten hast du mir entfremdet « (Vers 9). Auf mich hat dieser Psalm eine eigenartige Wirkung. Auf der einen Seite spüre ich das Beklemmende der Worte. Und auf der anderen Seite drängt es mich, immer weiter zu lesen. Was kommt da noch? Wo führt das hin, wenn einer mit Gott im Streit liegt, darüber, dass er von allen Menschen verlassen ist. Aber geht es im Psalm 88 um einen Menschen, der im Sterben liegt? »Ich bin denen gleich geachtet, die in die Grube fahren, ich bin wie ein Mann, der keine Kraft mehr hat« (Vers 5). Der Beter vergleicht seine Situation mit der eines Sterbenden. Er erlebt sich wie tot. Aber noch ringt er mit Gott. »Herr, ich rufe zu dir täglich« (Vers 10). Und er macht deutlich, dass sein Tod Gott nicht nutzt: »Werden denn deine Wunder in der Finsternis erkannt oder deine Gerechtigkeit im Lande des Vergessens?« (Vers 13).

Ein Mensch ringt mit Gott. Seine Kampfkraft beeindruckt mich. Da lässt sich jemand nicht einfach hängen. Da mobilisiert jemand in unerträglichem Leid alle Kraft, um Gott zu nötigen, doch die Not zu wenden. »Gott, wenn du nichts tust, dann nütze ich dir genauso wenig wie die, die wirklich schon tot sind! Mach was!«

Bei meiner Arbeit im Altenheim höre und erlebe ich viele solcher »Kampfgebete« zu diesem Thema. Viele davon sind aber gar nicht an Gott gerichtet. Die Kinder sollen hören: »Du bist die Ursache meiner Not. Du hast mich hier rein gebracht! Ich könnte ja noch gut Zuhause alleine zurechtkommen.« Oder die Pflegekräfte sollen hören: »Siehst du denn gar nicht, wie schlecht es mir geht! Ich brauche deine Hilfe, du musst ganz und gar für mich da sein!« Oder Gott soll hören, wie ungerecht er ist: »Ich habe mein Leben lang für andere so viel gemacht und jetzt strafst du mich, dass mein Leben so endet!« Aber all das löst nur wieder aus, was eigentlich beseitigt werden soll. Die so direkt oder indirekt Angeklagten können damit nicht umgehen und ziehen sich oft zurück. Es entsteht noch mehr Einsamkeit im Leid.

Der Betende in Psalm 88 macht es anders. Er hat, trotz seiner brutalen Not, Gott ganz klar vor Augen. Er hat Gott als den ausgemacht, der alleine etwas an seiner Not ändern kann. Keine Kinder, keine Nachbarn, keine Ärzte, keine Pflegenden.

Das will ich mir hinter die Ohren schreiben: Ich will mich in solcher Not direkt an Gott wenden. Mit ihm will ich offen kämpfen, verhandeln, ja trotzen und mich dann in seine Hände fallen lassen. Nur er kann diese Not wenden. Und da, wo andere bei mir klagen, will ich behutsam zurücktreten. Mit ihnen gemeinsam will ich klagend zu Gott gehen, damit sie erleben können, dass sie in Gott mit aller Wut und Klage, aller Bedürftigkeit und Angst angenommen und geborgen sind.

Regine Stoltze

Foto: Jean-Pierre Dalbéra / flickr.com / CC BY 2.0
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 18/2015