Thomas Kemper

Thomas Kemper

Methodismus International

Ferne und nahe Nächste

Fremde aufzunehmen, ist schwierig aber notwendig. Das schreibt Missions-Generalsekretär Thomas Kemper in einem öffentlichen Brief an alle EmK-Bischöfe.

Thomas Kemper, Chef der Behörde für Weltmission (GBGM) der EmK mit Sitz in New York, hat sich in einem offenen Brief an alle Bischöfe der EmK gewandt. Er beschreibt die aktuelle Migrationsbewegung und ihre Ursachen, informiert über die Hilfe für Flüchtlinge vor Ort, berichtet über die Arbeit seiner Behörde in dieser Angelegenheit und ermutigt Gemeinden und Einzelpersonen, sich zu engagieren. Dabei erinnert er an das Wort Jesu Christi: »Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.« (Matthäus 25, 35b) Sein Papier sei der Versuch, auf die am meisten an seine Behörde gestellten Fragen zu antworten, schreibt Kemper.

Umfang der Krise

Nach Europa kommen Kriegsflüchtlinge, Asylsuchende und Migranten, die nach einem besseren Leben streben. Diese Gruppen werden von den Staaten unterschiedlich behandelt. Die Allgemeine Erklärung der Menschrechte (Artikel 14) und mehrere Protokolle der Vereinten Nationen verpflichten Staaten zur Unterstützung von Menschen, die Asyl suchen, wenn ihnen in ihrer Heimat der Tod oder der Verlust der Freiheit droht. Kirchen und andere humanitäre Organisationen versuchen, allen zu dienen, die in Not sind. Die Europäische Kommission versucht derzeit 160.000 Menschen, die sich momentan in Griechenland, Italien und Ungarn befinden, auf andere europäische Länder zu verteilen. Die Anzahl der Menschen, die 2015 in diese Länder gekommen sind, betrage über eine halbe Million. Fast 800.000 Menschen hätten in Europa Asyl beantragt. Bis Ende 2015 würden 4,7 Millionen Flüchtlinge in Europa erwartet.

Hilfe vor Ort

»Das Kümmern um die Flüchtlinge ist eine Komponente der Krise. Eine andere Komponente ist, dass die Staaten einen Weg finden, die Konflikte zu beenden, die die Zahl der Vertriebenen steigen lässt«, schreibt Kemper. Gebet sei eine Möglichkeit für Christen, sofort tätig zu werden: Gebet um friedliche Mittel zur Beendigung der militärischen Aktionen, Gebet für eine herzliche Aufnahme und Gastfreundschaft, Gebet für diejenigen, die Asyl und Schutz bieten. »Die kleinen – sehr kleinen – evangelisch-methodistischen Gemeinden an der Flüchtlingsroute tun sich mit anderen zusammen und bieten Soforthilfe an: Essen, Wasser und Kleidung«, schreibt Kemper.

In Makedonien etwa grüßen Kirchenglieder die Durchreisenden und helfen in unmittelbarer Not. Die Glieder der EmK in Ungarn helfen zusammen mit anderen Christen in Flüchtlingslagern. Am Keleti-Bahnhof in Bukarest bieten sie Eltern die Gelegenheit, ihre Babys zu baden. Die österreichischen Methodisten arbeiten ebenfalls zusammen mit anderen christlichen Organisationen. Im Diakoniezentrum Spattstraße in Linz bietet die EmK Wohnraum für unbegleitete Jugendliche an.

Deutschland ist das Ziel vieler Flüchtlinge. Die Schwierigkeiten vieler Flüchtlinge, Deutschland zu erreichen, löse Besorgnis um die Menschenrechte aus. »Das Recht von Menschen aus allen Ländern, um Asyl zu bitten, ist bedroht«, zitiert Kemper die deutsche Bischöfin der EmK, Rosemarie Wenner. Viele Gemeinden öffnen ihre Gebäude, um Flüchtlinge unterzubringen.

Arbeit von UMCOR

Das EmK-Hilfswerk UMCOR (United Methodist Relief Organization) gehört zur Behörde für Weltmission. Es hat zwei Millionen US-Dollar (etwa 1,8 Millionen Euro) zur Verfügung gestellt, um Vertriebenen in Syrien, im Irak, im Libanon und in der Türkei grundlegende Hilfe zukommen zu lassen. »Länder im Nahen Osten, die weit weniger wohlhabend sind als die Länder Europas, haben proportional viel, viel mehr Migranten aufgenommen als nun nach Europa kommen«, schreibt Kemper in seiner Stellungnahme. »Unsere Arbeit unter diesen Vertriebenen muss weitergehen.« In Zusammenarbeit mit anderen Organisationen hilft UMCOR auch in Griechenland. Mit einer italienischen Partnerorganisation kümmert sich UMCOR auch um Flüchtlinge in Italien. Empfehlungen des Europäischen methodistischen Rates werden bei den nächsten Schritten in der Arbeit mit Asylsuchenden aufgegriffen. Im Nahen Osten arbeitet die EmK mit dem dortigen Kirchenrat zusammen, mit dem es seit vielen Jahren Beziehungen gibt.

USA

Die USA seien der größte Geldgeber für die Unterstützung der Menschen, die durch den Krieg in Syrien und im Irak vertrieben wurden. 4,1 Milliarden US-Dollar (etwa 3,6 Milliarden Euro) seien in den letzten vier Jahren geflossen. Aber die USA hätten seit dem Beginn des Syrienkrieges 2011 nur 1.500 Syrer aufgenommen. Viele Leute fragten sich, warum sich die USA nicht mehr in der Flüchtlingskrise engagieren, sagt Kemper. Zwar habe die US-Regierung in den letzten Tagen angekündigt, mehr Flüchtlinge aufzunehmen als geplant. Aber es sei nicht genug. Mit anderen Menschenrechts- und Hilfsorganisationen fordert die GBGM, der US-Kongress solle die Aufnahme von 100.000 Flüchtlingen aus Syrien und dem Irak in die USA erlauben. In seiner Stellungnahme nimmt Thomas Kemper auch Saudi-Arabien und die Golfstaaten sowie andere wohlhabende Staaten außerhalb Europas in die Pflicht. Sie müssten »weit mehr tun, um Flüchtlinge aufzunehmen und für die Vertriebenen in der Region Hilfe zur Verfügung zu stellen.«

Möglichkeit des Rückschlags

Angesichts der Bedrohung durch terroristische Aktivitäten seien die Risiken anzuerkennen. Kemper: »Ein terroristischer Angriff durch einen ›Flüchtling‹ in Deutschland oder in den USA würde die gesamte Lage des Landes ändern und eine heftige gesellschaftliche Reaktion gegen alle Migranten verursachen und eventuell internationales Chaos nach sich ziehen. Die Vermeidung solch eines Vorfalls bringt uns zurück zur Notwendigkeit, kreativ zu handeln, um Konflikte zu beenden und militante Haltungen zurückzudrängen.«

Interreligiöse Begleiterscheinungen

Die meisten neuen Flüchtlinge sind Muslime. Dies führe zur Frage nach interreligiösen Beziehungen, wenn die Neuankömmlinge in eine Umgebung mit christlicher Mehrheit und Kultur kommen. Die Ankunft von Migranten sei eine Gelegenheit, christliche Gastfreundschaft zu praktizieren und sich um starken, respektvollen interreligiösen Dialog zu bemühen. »Indem wir uns um Flüchtlinge und Migranten in Europa und im Nahen Osten kümmern, streben wir nach einer Welt in Frieden und Gerechtigkeit, in der Kinder ohne Furcht aufwachsen können und Familien in Harmonie mit ihren fernen und nahen Nächsten leben können«, schließt Thomas Kemper.

Reinhold Parrinello
Quelle: GBGM

Foto: © UMNS