Wort auf den Weg

Reformation heute: Altes neu entdecken

»Wort auf den Weg« von Karl Heinz Voigt zu einem Vers aus dem 1. Korinther: »Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.«

Reformation heute« heißt genau wie »Reformation gestern«: Rückkehr auf den festen Grund. Den allerdings brauchen wir, wenn das Mittelmeer ein großer Friedhof zu werden droht und wenn Mütter mit ihren Kindern auf dem Fluchtweg zusammenbrechen. Wir sind nicht die Ersten, die anfangen zu zweifeln. Einer kannte die Konflikte und Anfechtungen der zweiten, fast schon dritten Generation von Christen. Er ermutigte Angefochtene, die in ihrem Glauben irre geworden waren: »Der feste Grund Gottes besteht« und dies ist besiegelt (2.Timotheus 2,19).

Reformation 2015 ist der Rückruf auf den festen Grund. Der »feste Grund« ist das einzig tragfähige Fundament jeder Konfession und Gemeinde. Von dieser Basis her gestaltet sich nicht nur ihr Leben, sondern – noch wichtiger – ihre Teilnahme an der Mission Gottes hinein in unsere katastrophale Lage in Europa. Erweist sich der »Sonderweg«, auf dem sich der europäische Protestantismus seit der frühen Konfessionalisierung und Politisierung der Kirchen befindet, als ein Irrweg? Wohin treiben die Kirchen in Europa, die wenig auf die prophetischen Stimmen aus Afrika und Asien gehört haben? Wo waren sie wach, um die heutigen grenzüberschreitenden Probleme zu erkennen und Lösungen von dem ein für alle Mal gelegten Grund ihres Glaubens über die politischen Optionen hinaus ins Gespräch zu bringen?

Verzicht, der befreit

Wer selber auf einen Machtanspruch verzichtet, kann von dem festen Fundament her ohne Absicherungen und ohne Angst vor dem Fremden, vor anderen Sprachen, vor ungewohnten Religionen, auch vor dem Unglauben leben und denken. Sein Grund hat ein Siegel. Es war ja nicht irgendeiner, der sein Leben am Kreuz »dahingegeben« hat. Vielleicht klingt es etwas altbacken, aber dieser Eine war kein Weltverbesserer, sondern der Erlöser dieser Welt, an der wir leiden.

Unsere methodistischen Vorfahren haben gewusst, dass Gott sie auf den festen Grund gerufen hat. Sie konnten singen »Welch Glück ist’s, erlöst zu sein ...«. Das erfahrene Glück wollten sie mit anderen teilen. Aber wie sollte das gelingen in einer Welt ohne schnelle Medien, ohne im Flug von Kontinent zu Kontinent zu kommen und ohne genügend Geld für die Teilnahme an der Mission zu haben?

Sie hatten einen irren Plan. Wir beginnen eine Mission in Deutschland, dachten sie. Dort werden wir die missionarisch wirkenden Christen in ihrer Arbeit unterstützen. Die erste Reformation ging 1517 durch Martin Luthers Erkenntnis von Deutschland aus und veränderte weite Gebiete der Welt. Wir möchten zu einer zweiten Reformation helfen, dachten sie, und die wird wieder von Deutschland ausgehen. Das wollen wir unterstützen. Die Erfahrungen in unserer Art von Mission – »vital religion« nannten sie das – werden wir als Anregung nach Deutschland mitbringen.

Daraus wurde nichts. Die Kirchen in Deutschland standen noch vor einer ökumenischen Reformation. Noch gab es keine Zusammenarbeit mit anderen.

Schauen wir auf uns selber: Heißt »Reformation heute« für uns nicht, eine globale Perspektive wieder zu gewinnen? Den Weg zur Mission, neben den vielen Taten auch mit dem befreienden Wort wieder deutlicher zu sagen? Reformation methodistisch heißt: Den Auftrag neu hören und annehmen.

Karl Heinz Voigt

Foto: wikimedia.org / H. Raab / CC BY-SA 3.0
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 22/2015