»Aber Gott sprach: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?« Lukas 12,20

»Aber Gott sprach: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast?« Lukas 12,20

Wort auf den Weg

Reichtum bei Gott heißt, zu teilen

Jörg Kibitzki mit einem »Wort auf den Weg« zum reichen Bauern aus dem 12. Kapitel des Lukas-Evangeliums

Zum Erntedankfest möchte ich mit Ihnen zusammen auf einen Landwirt blicken, dem man zu seinem Erfolg nur gratulieren kann. Er darf sich über einen reichhaltigen Ertrag freuen. Gute Ernten sind ein Segen. Es ist ein Geschenk, wenn die Mühen der Arbeit belohnt werden. Auch die Investition in größere Scheunen macht Sinn. Anders könnten die Güter nicht angemessen gelagert werden. Es ist doch gut, wenn der Ernteertrag gesammelt wird und nicht verdirbt. Doch jetzt, nachdem der große Vorrat in Sicherheit gebracht ist, macht der Bauer seinen entscheidenden Fehler.

Er meint, der erworbene Reichtum würde seiner Seele gut tun. Er würde beruhigen: »Liebe Seele, da hast einen großen Vorrat für viele Jahre, habe nun Ruhe, iss, trink und habe guten Mut« (V. 19). An dieser Stelle wird es schwierig. Hier unterliegt der Bauer einem Irrtum, den viele mit ihm teilen. Er meint, was die Scheunen füllt, würde gleichzeitig auch das Leben erfüllen. Jesus stellt das richtig: Materieller Besitz stillt keineswegs den Hunger der Seele. Nicht der eigenen und schon gar nicht der Seele der anderen. Viel wichtiger ist es, eine andere Art von Reichtum zu erarbeiten, nämlich den Reichtum bei Gott. Wie soll man sich Reichtum bei Gott vorstellen? Ich vermute, dass Jesus hier ein Kapital vor Augen hat, das sich verschenkt. Es kann nicht auf Konten angelegt und in Form von Immobilien in Sicherheit gebracht werden. Es findet sich nicht in Form von Wertpapieren oder Aktienfonds wieder. Reichtum bei Gott lebt davon, weitergegeben zu werden. Liebe zu Gott und zu den Menschen ist in Jesu Augen die wertvollste Kapitalanlage, die überhaupt möglich ist. Sie muss sich verschwenden, andere erreichen, großzügig sein. Reichtum bei Gott heißt, zu teilen, abzugeben, sich anderen zuzuwenden. Dieses Kapital will anderen regelrecht zufließen.

Es ist Zeit, Bilanz zu ziehen

Vielleicht ist es dran, zu sehen, was ich an Besitz habe. Am Ende dieser Bilanz gilt es zu überlegen: Was brauche ich davon wirklich? Brauche ich noch größere Scheunen oder entscheide ich mich für das, was in Jesu Augen reich macht? Brauche ich noch mehr Wohn- und Stauraum angesichts der Wohnungsnot in Deutschland, oder kann ich hier sogar teilen? Muss ich alles was ich habe sammeln, oder kann ich anderen damit eine Freude machen? Bin ich in der Lage, Verzicht zugunsten Bedürftiger zu üben?

Jesus lehrt uns, eine andere Perspektive einzunehmen. Er betrachtet das Leben vom Ende her. Welche Bilanz wird Gott einmal ziehen, wenn er mein Leben anschaut? Welche Art von Reichtum habe ich in Gottes Augen gesammelt? Womit habe ich meine Seele beruhigt? Worauf habe ich meine Existenz aufgebaut? Was waren meine Botschaften, die ich gesendet habe?

Das Erntedankfest lädt uns ein, innezuhalten. Es hält uns vor Augen, woher die Gaben kommen, die wir dankbar in Empfang nehmen dürfen. Wir leben aus Gottes Güte. Wir sind Beschenkte, die ihr Leben mit allem, was es ausmacht, aus der Hand Gottes nehmen. Jeder Tag ist eine neue Chance, empfangene Gaben in Reichtum bei Gott umzuwandeln. Jesus lebt uns das vor. Er heilt Menschen, vergibt Sünden, verkündet Gottes Reich, wendet sich Ausgegrenzten zu, preist die Sanftmütigen selig. Gott versorgt uns großzügig. Es spricht alles dafür, den Dank mit anderen zu teilen.

Jörg Kibitzki

Foto: Ed Gregory/stokpic.com
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 20/2015