»Darum sollt ihr vollkommen sein wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.« (Matthäus 5,18)

»Darum sollt ihr vollkommen sein wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.« (Matthäus 5,18)

Wort auf den Weg

Vom Kommen des Reiches Gottes

Diederich Lüken mit einem »Wort auf den Weg« zu einem Vers aus dem Matthäus-Evangelium: »Darum sollt ihr vollkommen sein wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.« (Matthäus 5,18)

Was ist das: Ewigkeit? An Gräbern reden wir von der Ewigkeit. Ewiges Leben, ewiges Licht. Wenn wir es aber erklären wollen, geraten wir ins Stocken. Mir hilft dabei die Geschichte von zwei Mönchen. Sie sind eng miteinander befreundet. Als der eine ans Sterben kommt, bittet ihn der andere, ihm im Traum zu erscheinen und ihm mitzuteilen, wie es denn nun mit der Ewigkeit beschaffen sei. Sie reden natürlich Latein miteinander. So soll der Gestorbene sagen: »taliter«, es ist so, wie wir uns das vorgestellt haben, oder: »aliter«, es ist ganz anders. Nach seinem Tod erscheint der Gestorbene tatsächlich seinem noch lebenden Freund. Der fragt ihn, wieder auf Latein: »qualiter?« – zu Deutsch: »Wie ist es?« Der Verstorbene antwortet: »Totaliter aliter!« – völlig anders! Ewigkeit: Es ist alles ganz anders. Man kann es nicht fassen. Auch die Bibel spricht nur in Umschreibungen von der Ewigkeit. Ein Zeitalter löst das andere Zeitalter ab, das ist in der biblischen Sprache die Ewigkeit.

Vom Kommen des Reiches Gottes

Auch Jesus spricht nur in Andeutungen über die Ewigkeit. Was er aber sagt, stimmt mit der Geschichte von den beiden Mönchen überein: Es ist alles ganz anders. Man kann es nicht fassen. Deshalb spricht er lieber vom Kommen des Reiches Gottes und der Auferstehung der Toten. Und wenn wir von der Ewigkeit sprechen, tun wir gut daran, ihm darin zu folgen. Denn Jesus ist selbst der Auferstandene. Weil er das ist, können wir an ihm im Glauben erfassen, was wir über die Ewigkeit wissen können. So wie er auferstanden ist, werden wir auferstehen, wenn das Reich Gottes anbricht. Jesus begegnet als der Auferstandene seinen Jüngern, und sie erkennen ihn. So werden wir in unserer Auferstehung dem Auferstandenen begegnen und werden ihn erkennen. Und so wie Jesus seine Jünger erkennt, erkennen wir einander.

Jesus zeigt seinen Jüngern die Wundmale, die er durch die Kreuzigung davongetragen hat. Sein Leben ist ihm in der Ewigkeit gegenwärtig, aber als erlöstes, versöhntes Leben. So ist auch unser Leben nicht einfach vorbei, wenn wir gestorben sind. Wir nehmen es sozusagen mit, weil es zu uns gehört und unseren Charakter ausmacht. Aber es ist erlöstes, versöhntes Leben. Wenn wir im Leben Narben davontragen wie Jesus, dann tragen wir sie mit Liebe und königlicher Würde. Denn »durch seine Wunden sind wir geheilt « (Jesaja 53,5)! Jesus geht durch die Räume, keine Zeit und kein Raum kann ihn aufhalten. So sind auch für uns Zeit und Raum nicht mehr existent, wenn wir in der Ewigkeit sind. Alles ist reine Gegenwart. Alles ist reine Gegenwart Gottes.

Die Ewigkeit ist also kein Zustand besinnungsloser Ruhe, kein Nirwana, in dem das Bewusstsein ausgelöscht wird. Sie ist auch nicht einfach die Verlängerung und Optimierung des Lebens hier auf der Erde. An Jesus sehen wir, dass Ewigkeit die Erfüllung dessen ist, was er von seinen Jüngern prophetisch fordert: »Darum sollt ihr vollkommen sein wie euer Vater im Himmel vollkommen ist« (Matthäus 5,48). Und weil diese Vollkommenheit mit der Liebe verbunden ist, ist es erlaubt und geboten, sich die Ewigkeit als die uneingeschränkte, freie Gegenwart der Liebe zu denken. Wenn wir in dieser Liebe leben, haben wir jetzt schon teil an der Ewigkeit. Mehr können wir nicht wissen; mehr brauchen wir auch gar nicht zu wissen.

Diederich Lüken

Foto: Fotolia/Andy Ilmberger