Wort auf den Weg

Zweifler werden gebraucht

Ein »Wort auf den Weg« von Friedbert Fröhlich zu einem Vers aus dem Judasbrief: »Erbarmt euch derer, die zweifeln« (Judas 22).

Auf die Plätze, fertig, los: Der Advent beginnt. Bald werden wir Weihnachten feiern und dass der Retter geboren ist. Alle Welt soll es wissen! Eine kleine Begebenheit zeigt, dass dies notwendig ist. Ein Pfarrer ist in einer ostdeutschen Kaserne eingeladen. Er wirbt für die Weihnachtsbotschaft. Im anschließenden Gespräch beschwert sich ein Soldat, dass er es unerträglich finde, dass jetzt die Kirche den Menschen auch noch das Weihnachtsfest wegnehmen will.

Also lasst uns losziehen und die weihnachtliche Botschaft verbreiten. Die Welt braucht die Kunde, dass ein Kind die Rettung bringt. Nur: »Der Gläubige, der nie gezweifelt hat, wird schwerlich einen Zweifler bekehren «, so Marie von Ebner-Eschenbach. Zweifeln Sie genug, um anderen von Weihnachten erzählen zu können? Womöglich ist nicht meine Glaubensstärke, sondern der Zweifel der Schlüssel zum Nächsten.

Unser Bibelvers ist der Monatsspruch im November. Zweifel gibt es viele: an den Grenzen des Lebens (Totensonntag) und in Tagen verordneter Harmonie (Advent). Jetzt haben es die Zweifler schwer, gehört zu werden. Doch ist ihr Zweifel so wichtig. Er ist nicht Gegenspieler des Glaubens, eher Bruder. Ein Psychoanalytiker formulierte das so: »Der gesunde Gläubige glaubt mindestens zu 50,1 Prozent und ist bis zu 49,9 Prozent von Zweifeln erfüllt. Der krankhaft Gläubige muss alle seine Zweifel durch einen 99,9-prozentigen Glauben abwehren.« Natürlich ist es unangenehm, wenn das Vertraute plötzlich seine Stimmigkeit verliert und der Zweifel nagt. Die Frage ist aber doch nicht, ob ich ihn gut finde. Zweifel kommen einfach. Aber keine Angst, er hat eine wunderbare Stärke. Er will sich nicht abfinden und abducken. Der Zweifel will es genau wissen, sieht in die Tiefe und rebelliert gegen das, was mich zerreißt, nimmt meine bohrenden Fragen ernst. »Der Glaube versetzt Berge, der Zweifel erklettert sie«, hat Karl Heinrich Waggerl richtig erkannt.

Zweifler werden gebraucht

Gott erbarmt sich der Zweifler. Weiß er doch, dass gerade diese seine Botschaft in der Welt voranbringen, denn sie fordern den Glaubenden heraus, nach tieferen Wahrheiten zu suchen und sich nicht mit Allgemeinplätzen abzufinden. Euer Zweifel ist Eure Stärke, er gibt Hoffnung, dass nicht alles nur zu schlucken ist. Er könnte zur Hoffnung werden für die Welt.

So mahnt Erich Fried: »Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er hat Angst. Aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kennt keinen Zweifel.« Jesus selbst hat gezweifelt in Gethsemane, ging liebevoll auf den Zweifler Thomas ein, reichte dem sinkenden Petrus die Hand. In allen Ängsten und Zweifeln können wir Jesus vertrauen. Mit ihm können auch wir uns der Zweifler erbarmen. Darum: Bitte treiben Sie niemand die Zweifel aus, sondern haben Sie Mut, dem Nächsten in seinen Nöten beizustehen, dessen Fragen ernst zu nehmen und gemeinsam auszuhalten. Vertrauen Sie darauf, dass Jesus die rettende Hand hinhält und aus dem Zweifel neue Glaubensstärke erwachsen kann.

Warum sollte man sich eigentlich nicht bei Kerzenschein über die eigenen Zweifel austauschen? Gibt es einen besseren Platz als da, wo der Retter erwartet wird? Liebe Zweifler: »Gott gebe euch viel Barmherzigkeit und Frieden und Liebe!« (Judas 2)

Friedbert Fröhlich

Foto: flickr.com / Khairill Zhafri / CC BY 2.0
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 24/2015