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Wenner

Freitag, 2. Oktober 2009

Christen machen Geschichte

Methodisten haben die friedliche Revolution 1989 und die Runden Tische in der DDR aktiv mitgestaltet - und damit ihre Verantwortung wahrgenommen.

Bischöfin Rosemarie Wenner plädiert dafür, dass diese besondere Etappe der Zeitgeschichte innerhalb unserer Kirche mehr zum Thema wird.

Bei Grußworten von Politikern in der Ostdeutschen Jährlichen Konferenz wird oft das Engagement von Christen in der Wendezeit betont. Man hebt hervor, dass Methodisten die Montagsdemonstrationen und die Runden Tische aktiv mitgestalteten. Gerne lassen wir uns daran erinnern, dass Christen vor 20 Jahren den Mut hatten, auf die Straße zu gehen, Risiken zu tragen und Verantwortung wahrzunehmen. Wir sollten diese besondere Etappe der Zeitgeschichte auch innerhalb der Kirche zum Thema machen. Wie wurde gepredigt vor 20 Jahren in Ost- und in Westdeutschland? Wie erlebten wir die Vereinigung der beiden Zentralkonferenzen 1992 und welche Erfahrungen machen wir seither?

Wir kennen dieselben Ereignisse unterschiedlich gut und bewerten manches unterschiedlich, je nachdem, aus welchem Teil Deutschlands wir kommen. Es wird Zeit, dass wir mehr voneinander erfahren. Die Rückschau auf zwanzig Jahre nach der Wende fordert uns darüber hinaus hoffentlich heraus, die öffentliche Dimension des Christseins heute ernst zu nehmen. John Wesley betont in seiner Predigt zu den Bildworten von Salz und Licht aus der Bergpredigt (Matthäus 5,13–16), dass das Christentum eine soziale Religion ist. Es geht nicht nur um unser persönliches Verhältnis zu Gott. Es geht auch darum, diese Welt zu durchdringen und sie zu erhellen. In aktuellen Situationen wissen wir nicht sofort, was richtig und was falsch ist. Trotzdem können wir uns nicht raushalten, wenn wir den Bergprediger ernst nehmen. Das Zeugnis der Christen ist heute genauso gefragt wie vor zwanzig Jahren.

Ich möchte ein Thema nennen, mit dem sich die Ostdeutsche Jährliche Konferenz aktuell auseinandersetzt. Es ist die Frage, wie wir als Kirche unseren Bildungsauftrag wahrnehmen. Eine Arbeitsgruppe soll Vorschläge erarbeiten, in welchem Umfang und mit welchem Auftrag wir zusätzlich zu den Theologen auch pädagogisch geschulte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Kirche brauchen.
Dass gerade die Ostdeutsche Jährliche Konferenz das Bildungsthema aufgreift, hat auch mit der besonderen Geschichte in der DDR-Zeit zu tun: Die Kirchen
hatten die Aufgabe der christlichen Unterweisung zu übernehmen. Religionsunterricht an den Schulen war nicht möglich. Nach der Wende wollten viele Gemeinden
die Chance nicht aufgeben, weiterhin Kinder zu unterrichten. Oft geschieht dies zusätzlich zum schulischen Religionsunterricht. An einem Ort geht aber auch die methodistische Gemeinde an die Schule und führt dort ein Scouts-Projekt durch. Da und dort gibt es diakonische Projekte wie zum Beispiel Hausaufgabenhilfe.

Wissensvermittlung, Herzensbildung, soziales Lernen und Einüben in die Praxis des Glaubens gehören zusammen. Und Bildung ermöglichen hat mit dem Einsatz für mehr Gerechtigkeit zu tun. Es geht nicht nur um den harten Kern der Gemeindekinder, wenn kirchliche Bildungsangebote verbessert werden. Wir tragen unseren Teil dazu bei, einen gesellschaftlichen Notstand zu beseitigen. Denn es ist ein Skandal, dass Kinder aus armen Familien viel schlechtere Chancen haben auf einen guten Start ins Leben. Auch an vielen anderen Beispielen können wir uns überall in Deutschland darin üben, Christsein als öffentliches Zeugnis zu leben. Heute geschieht dies weniger spektakulär als vor 20 Jahren in Leipzig oder in anderen Städten Ostdeutschlands und wir riskieren nicht viel dabei. Es sollte uns folglich leichter fallen, die fromme Nische zu verlassen, um soziale Heiligung zu leben.

Bischöfin Rosemarie Wenner