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Sonntag, 25. Oktober 2009

»unterwegs« 22/2009

Die letztlich gültige Macht ist auf Gottes Seite

Manche Menschen - auch Christen - fühlen sich von bösen Mächten bedroht.

Der Theologe Holger Eschmann rät, diese Gefühle ernst zu nehmen. Gleichzeitig weist er darauf hin, dass die Bibel Fragen von Sünde, Schuld, Vergebung und Gerechtigkeit einen deutlich höheren Stellenwert einräumt als Engeln und Dämonen. Volker Kiemle sprach mit Holger Eschmann

Wie würden Sie gute und böse Mächte definieren?

Holger Eschmann: Zunächst scheint es mir nicht zufällig zu sein, dass in der Bibel viel häufiger von Menschendie Rede ist, die gut oder böse sind und gute oder böse Taten tun. Die Fragen von Sünde, Schuld, Vergebung und Gerechtigkeit haben einen deutlich höheren Stellenwert als die Beschäftigung mit Engeln und Dämonen. Und wenn in der Bibel von Macht die Rede ist, dann ist meist die Macht Gottes gemeint, die sich gegenüber allem anderen durchsetzt. Wenn man dennoch von guten und bösen Mächten sprechen möchte, dann kann man sagen, dass eine gute Macht in die Nähe Gottes führt und das Leben und die Liebe fördert. Was das Gegenteil davon bewirkt, ist dann eine böse Macht.

Wenn es gute und böse Mächte gibt – wo ist da die Grenze zum Okkultismus?

Holger Eschmann: Das Wort Okkultismus entstand im 19. Jahrhundert und ist ein Sammelbegriff für die Vorstellung einer geheimnisvollen, unsichtbaren Beseeltheit aller Dinge. Nach dieser Auffassung können etwa Menschen auf magische Weise Einfluss auf andere Menschen oder Gegenstände nehmen. Aus religionswissenschaftlicher Sicht wäre es naiv, solche Kräfte als rein illusorisch abzutun. Aus biblisch-theologischer und auch aus seelsorglicher Sicht wäre es allerdings bedenklich, diesen Kräften angesichts der Herrschaft Gottes zuviel Macht und Aufmerksamkeit einzuräumen. Daraus kann Angst undGesetzlichkeit entstehen. Neben dem Okkultismus gibt es noch einen Spuk- und Geisterglauben, den man eher mit dem Begriff Spiritismus bezeichnen sollte und der aus biblisch-theologischer Sicht abgelehnt wird.

Wie erkenne ich böse Mächte?

Holger Eschmann: Ich hatte schon gesagt, dass sich solche negativen Kräfte als lebenswidrig erweisen und der Liebe Gottes entgegenwirken. So ist im Neuen Testament von der Macht des Todes, der Finsternis oder der Sünde die Rede. Daher gilt das Wort aus Matthäus 7,16: »An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. « Tröstlich ist, dass aus biblischer Sicht all Diese Mächte nicht göttlich, sondern geschöpflich - und das heißt begrenzt - sind. Das soll nichts verharmlosen, aber allem Bösen den rechten Platz zuweisen. Wichtig ist für die Seelsorge auch, dass man zwischen geistlichen und medizinisch-psychologischen Deutungen unterscheidet. In einer schweren Depression empfinden manche Menschen es so, als ob sie in ihren finsteren Gedanken von einer bösen Macht gequält werden. Ebenso bei manchen Formen einer Neurose.

»Nichts kann uns scheiden von der Liebe Gottes«, sagt Paulus im Brief an die Römer. Aber trotzdem spüre ich als Christ auch böse Mächte an mir rütteln ...

Holger Eschmann: Was Sie in dieser Frage ansprechen, ist vielleicht eher mit den Begriffen Anfechtung und Versuchung zu umschreiben, bei denen Christen und Christinnen das Gefühl bekommen können, von Gott hoffnungslos verlassen zu sein oder sich zu einem Unrecht schier unwiderstehlich hingezogen zu fühlen. Wie mit solchen Anfechtungen und Versuchungen umzugehen ist, kann man vor allem bei Martin Luther lernen. Seine Ratschläge reichen von äußerlichen Dingen wie Ablenkung durch Gemeinschaft und Musik bis hin zu geistlichen Mitteln wie dem Gebet.

Kann man von bösen Mächten besessen sein?

Holger Eschmann: Menschen können besessen sein, etwa von Machtgelüsten, von Geld, von Gewaltphantasien, von politischen Ideologien, vom eigenen Vorteil. Das Neue Testament sieht solche unheilvollen Verstrickungen sogar als eine Art Normalzustand des Menschen an, der noch keine Befreiung in der Liebe Jesu Christi gefunden hat. Daher finden wir in den Taufliturgien vieler Kirchen und auch bei der Mitgliederaufnahme in der EmK eine Frage wie: »Entsagst du dem Bösen und wendest du dich von der Sünde ab?«

Wie sollen Christen damit umgehen?

Holger Eschmann: Wichtig scheint mir zu sein, dass wir bei solchen Überlegungen nicht Gefangene eines bestimmten Weltbildes werden. Der Praktische Theologe Rudolf Bohren hat in seiner Predigtlehre geschrieben: »Die Fixierung ans Weltbild wirkt in doppelter Weise unglücklich: In fundamentalistischen Kreisen fixiert man sich ans neutestamentliche Weltbild und übersieht, dass sich Dämonien wandeln können. Auf der anderen Seite gibt es eine Aufklärung, die übersieht, dass Dämonien sich auch gleich bleiben können. Allerdings steht der Teufel nicht im Glaubensbekenntnis, man muss nicht an ihn glauben; austreibengenügt.

Wie soll ich mir eine solche Austreibung vorstellen?

Holger Eschmann: Das ist unspektakulärer, als es in bestimmten Kinofilmen suggeriert wird. Menschen finden aus unguten Fixierungen heraus, indem sie echter Liebe in einem Menschen begegnen. Oder sie werden von einem biblischen Wort getroffen und können ihre Vorurteile, in denen sie gefangen waren, ablegen. Oder sie werden durch die Not anderer Menschen angerührt und müssen nun nicht mehr nur auf ihren eigenen Vorteil schauen. In manchen Fällen kann auch ein bewusstes Sich-Distanzieren von unheilvollen Gewohnheiten und Verstrickungen im Gebet hilfreich sein. Nur muss man dabei wieder unterscheiden: Gerade bei sehr engagierten Christen und Christinnen können sich bestimmte Formen psychischer Erkrankungen gerade so äußern, wie sie sich in ihren Glaubensvorstellungen Besessenheitsphänomene ausmalen. Wenn man bei solchen Krankheitsphänomenen nur ein Lossagegebet vom Bösen spricht und nicht die komplexere psychische Befindlichkeit mit einbezieht, kann gerade das Gegenteil von Befreiung bewirkt werden: Die Betroffenen verspüren keine Hilfe und halten sich nun erst recht für vom Teufel gefangen. Man braucht erfahrene Seelsorgerinnen und Seelsorger, um mit solchen Phänomenen heilsam umzugehen.

Viele Menschen sehen im Glauben an rational nicht erklärbare Mächte einen Aberglauben ...

Holger Eschmann: Ich glaube eigentlich nicht, dass es so viele Menschen gibt, die nur das rational Erklärbare für wirklich halten. Es ist ja verblüffend, wie sich auch Menschen, die sich als ganz rational bezeichnen, alternative Heilmethoden zuwenden, wenn die Schulmedizin bei ihren eigenen Leiden an eine Grenze kommt. Außerdem müsste auch der christliche Glaube an einen personalen Gott, der die Weltgeschichte auf eine uns nicht rational einsichtige Weise lenkt, als Aberglaube bezeichnet werden. Aber hier hängt eben alles an dem Verständnis dessen, was Glaube ist. Glaube wird dann zum Aberglauben, wenn man ihn in den Dienst nur seiner eigenen Zwecke stellt. Echter Glaube im biblischen Sinne dient der Lebensorientierung und nicht primär der Abwehr von Unglück oder dem Herbeiführen von Erfolg. Oder, kurz gesagt: Der biblische Glaube »trachtet zuerst nach dem Reich Gottes und nach seiner Gerechtigkeit« (Mt 6,33), beim Aberglauben dreht sich alles zuerst und zuletzt um sich selbst.

Volker Kiemle