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Sonntag, 14. März 2010

»unterwegs« 6/2010

Was methodistische Spiritualität ausmacht

Spiritualität ist heute in aller Munde. Während Esoteriker damit religiöse Empfindungen aller Art bezeichnen, ist christliche Spiritualität an das Wirken des Heiligen Geistes gebunden. Damit ist auch die Unterscheidung zur Frömmigkeit hinfällig. Methodisten haben ein noch umfassenderes Verständnis, wie Holger Eschmann erklärt.

Seit Ende der 1960er-Jahre taucht der Begriff »Spiritualität« vermehrt auf. Nicht zuletzt in der ökumenischen Bewegung gewann er große Bedeutung. Dabei wurde der Begriff zu einer Art Hoffnungsträger für die Zukunft der Kirche. Im allgemeinen Sprachgebrauch begegnet uns »Spiritualität« häufig losgelöst von seinen christlichen Wurzeln. Vor allem im Bereich der Esoterik hat sich das Wort durchgesetzt. Dort ist es Ausdruck für religiöses Empfinden ganz verschiedenen Ursprungs.

Umso wichtiger ist es, ein christliches Verständnis von Spiritualität herauszuarbeiten: Christliche Frömmigkeit ist an das Wirken des Heiligen Geistes gebunden. Ihre inhaltliche Füllung erfährt sie durch die Offenbarung der Geschichte Gottes mit seiner Welt in Schöpfung, Versöhnung und Vollendung. Christliche Spiritualität ergreift den Menschen in seiner ganzen Existenz, »mit Herzen, Mund und Händen«, sonntags wie alltags, in seinen persönlichen und sozialen Bezügen. Sie ist sowohl geschenkte Erfahrung der Gottesbegegnung als auch gelebter Ausdruck des christlichen Glaubens. Das schließt Spiritualität, Glaube, Frömmigkeitsübungen und Lebensgestaltung ein. Christliche Spiritualität verbindet Christen und Christinnen über die Konfessionsgrenzen hinweg. Beispiele dafür sind der Weltgebetstag, ökumenische Friedensgebete und Bibelabende oder die Allianz-Gebetswochen.

Spiritualität in evangelisch-methodistischer Tradition

Der amerikanische methodistische Theologe Robin Maas beschreibt evangelisch-methodistische Spiritualität als eine Frömmigkeit, die unterschiedliche Elemente in sich vereint.

  • Sie ist ernsthaft und ganz bewusst – ja sogar methodisch – gestaltet. Dieser Grundzug hat der methodistischen Bewegung den Namen eingebracht. Die Brüder John und Charles Wesley versuchten zusammen mit anderen, in einem akademischen Oxforder Zirkel nach bestimmten Regeln zu leben und mit Ernst Christen zu sein.
  • Neben dieser Ernsthaftigkeit ist evangelisch-methodistische Spiritualität von einer großen Weite gekennzeichnet. In der methodistischen Erweckungsbewegung waren alle Menschen willkommen, »wenn sie nur dem Zorn Gottes entfliehen wollten« (John Wesley). Diese spirituelle Weite hält sich bis heute durch.
  • Evangelisch-methodistische Spiritualität ist erfahrungsbezogen und besitzt Elemente dessen, was man mit dem Stichwort »evangelikal« bezeichnen kann. Betont wird, dass ein lebendiger und persönlicher Glaube nötig ist. Die Umkehr zu Gott aus menschlicher Verlorenheit und die Gewissheit des Heils in Christus waren John Wesley wichtig und sind bis heute ein Kennzeichen evangelisch-methodistischer Theologie.
  • Trotz dieser Betonung der persönlichen Frömmigkeit legt evangelisch-methodistische Spiritualität einen starken Akzent auf die Gemeinschaft und soziales Handeln. Von Anfang an spielten die guten Werke bei den Wesleys eine bedeutende Rolle. Auch das zieht sich bis heute durch und zeigt sich darin, dass die EmK neben der Berufung auf die altkirchlichen Glaubensbekenntnisse ein Soziales Bekenntnis formuliert hat.
  • Weil für John Wesley und für die methodistische Bewegung bis heute die Bibel die wesentliche Quelle für Theologie und Frömmigkeit war, hat seine Spiritualität eine protestantische Dimension. Zwar sind auch die Tradition, die Erfahrung und die Vernunft wichtige Schlüssel zum Erkenntnisgewinn, aber die Heilige Schrift nimmt eine herausragende Stellung ein.
  • Die Spiritualität in evangelisch-methodistischer Tradition kann aber auch sakramental genannt werden, da die Gnadenmittel eine bedeutsame Rolle spielen – besonders das Abendmahl.
  • Neben der Betonung der Glaubenserfahrung besitzt eine Spiritualität im Geiste John Wesleys immer eine rationale Komponente. Die Gründer der methodistischen Bewegung waren Kinder ihrer Zeit, der Aufklärung. Der Mensch ist mit Herz und Verstand von Gott angesprochen und in den Dienst der Liebe gerufen. Eine Absicht Charles Wesleys war es, Vernunft im Sinne der Aufklärung und lebendige Frömmigkeit zu verbinden.

Das dreifache Gnadenwirken Gottes

Nach Wesley ist Gottes Geist in einem dreifachen Gnadenhandeln am Werk.

  • Gott vermittelt durch seinen Geist die allem menschlichen Handeln vorlaufende Gnade. Gottes Geist ist in seinen Geschöpfen immer schon am Werk – auch in den noch nicht glaubenden Menschen. Mit Hilfe des Gewissens und der Sehnsucht nach Sinn und Erfüllung treibt er den Menschen hin zu Gott.
  • Gott schenkt uns seine Gnade, die zur Umkehr führt und den Menschen rechtfertigt. Ganz reformatorisch predigte Wesley die Rechtfertigung des Gottlosen. Der Glaube an Gott und sein Heil in Jesus Christus ist keine menschliche Leistung, sondern göttliches Geschenk.
  • Schließlich vermittelt Gott durch seinen Geist heiligende Gnade. Diese prägt die Christen zunehmend nach dem Bild Jesu Christi und führt sie zu einem Leben im Dienst Gottes und der Nächsten. Auch die Heiligung geschieht ganz aus Gnade und ist kein Verdienst des Menschen.

 

Geistliches Tun und Lassen in den Allgemeinen Regeln

Für John Wesley waren das innere Wesen des Menschen und sein äußeres Tun unauflösbar miteinander verbunden. Deshalb verfasste er die so genannten »Allgemeinen Regeln«. Sie gaben die Richtung für ein geistliches Leben vor und boten auch konkrete Beispiele für die damalige gesellschaftliche Situation. Die »Allgemeinen Regeln« lassen sich in drei Teile gliedern:

  • Der erste Teil handelt vom Lassen: Von denen, die zur methodistischen Bewegung dazugehören wollen, wird erwartet, dass sie »nichts Böses tun, sondern Böses aller Art meiden, besonders solche Sünden, welche am meisten verübt werden ...«. Dazu zählte Wesley im Blick auf sein missionarisches Umfeld die Entheiligung des Sonntags durch Arbeit, Sklaverei, Trunkenheit, Schlägereien, Zank, liebloses oder unnützes Geschwätz und anderes.
  • Der zweite Teil der »Allgemeinen Regeln« handelt vom rechten Tun: Wer zur methodistischen Bewegung dazugehören will, soll »Gutes ... tun; sich in jeder Hinsicht nach seinem Vermögen barmherzig erweisen und bei jeder Gelegenheit Gutes aller Art, soweit die Kräfte reichen, allen Menschen erzeigen.« Und auch hier wurde Wesley wieder konkret: »… die Hungrigen speisen, die Nackten kleiden, Kranke und Gefangene besuchen und ihnen behilflich sein« sowie »alle, mit denen man Umgang hat, belehren, zurechtweisen und ermahnen; Fleiß und Sparsamkeit üben, die Schmach Christi tragen und erwarten, dass Menschen uns grundlos und um des Herrn willen Böses aller Art nachreden werden.«
  • Der dritte Teil der »Allgemeinen Regeln« spricht vom Gebrauch der Gnadenmittel. Der Begriff Gnadenmittel war John Wesley aus der anglikanischen Tradition geläufig. Er bezeichnet die äußeren Mittel, mit deren Hilfe Gott seine Gnade und das Heil in Jesus Christus den Menschen zukommen lässt. Interessant ist, wie sehr John Wesley die Gnadenmittel schätzte und was von ihm alles als Gnadenmittel bezeichnet wurde: »Von allen, welche Mitglieder der Gemeinschaft sein und bleiben wollen, (wird) erwartet, dass sie ihr Verlangen nach Seligkeit stets ... beweisen durch den Gebrauch aller von Gott verordneten Gnadenmittel, als da sind: Der öffentliche Gottesdienst. Das Hören des Wortes Gottes, es werde solches gelesen oder ausgelegt. Das Abendmahl des Herrn. Das Beten mit der Familie und im Verborgenen. Das Forschen in der Schrift. Fasten und Enthaltsamkeit. « Eine Reihenfolge oder Rangordnung der Gnadenmittel wurde von Wesley nicht festgelegt. Will man evangelisch-methodistische Spiritualität kurz und prägnant beschreiben, so sind als Wesensmerkmale sowohl die ökumenische Weite als auch eine hohe Verbindlichkeit zu nennen. Sie vereint Elemente persönlicher, kontemplativer Frömmigkeit mit sozialem Engagement. Inhaltliche Schwerpunkte setzt sie, ihrem Wesen entsprechend, bei dem Glauben an die alles umfassende Gnade Gottes, bei den Hilfestellungen zu einem geheiligten Leben und bei der Liebe zu Gottes Welt.
Holger Eschmann