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Mittwoch, 13. Oktober 2010

Der Knick im Lebenslauf

Veränderte Arbeitsbedingungen haben im letzten Jahrzehnt die »Generation Praktikum« hervorgebracht, vielen jungen Menschen aber auch Arbeitslosigkeit beschert.

Die meisten von ihnen starten natürlich irgendwann doch ihre berufliche Laufbahn. Allerdings machen sie sich öfter als früher selbstständig, damit das gelingt. Ruth Weinhold erzählt von den Höhen und Tiefen, die sie beim Berufseinstieg erlebt hat.

Obwohl ich ziemlich gut in der Schule war, hatte ich in meiner Abiturzeit Angst vor dem Leistungsdruck. Nicht vor konkreten Forderungen im Schulstoff, aber vor einem diffusen Leistungswahn, den ich irgendwo »da draußen« spürte. Unzählige Praktika, zwei Jahre Arbeitslosigkeit und (fast) zwei Studienabschlüsse später, bin ich noch nicht dagegen immun.

Bin ich gut genug?

Angefangen hat das mit Stellenanzeigen in den großen Zeitungen. Da wurden belastbare, flexible, junge Menschen gesucht, die Auslandsaufenthalt, Arbeitserfahrung und exzellente Ausbildungsabschlüsse mitbrachten. Wie sollte das gehen? Alle guten Voraussetzungen, die ich hatte, schienen nie zu genügen. Es ist wie in der Werbung: In Stellenanzeigen muss alles noch mehr glänzen, als es in Wahrheit tut.

Ich bewarb mich nicht, denn ich dachte, so wie ich bin, bin ich nicht gut genug. Aber ich testete in mehreren Praktika, wie sich der Arbeitsalltag anfühlt. In der Redaktion einer Lokalzeitung war ich dem cholerischen Chefredakteur ausgeliefert und in einem Verlag fand ich es langweilig, aber eine kleine Radioagentur gefiel mir. Vor allem, weil ich eigene Beiträge fürs Radio produzieren durfte. Von Anfang an wurde mir sehr viel zugetraut und Verantwortung übertragen.

Ich blieb in der Radioagentur. Die Verantwortlichen suchten genau jemanden wie mich, eine Bewerbung musste ich nur pro forma schreiben. Es waren Jahre des Wirtschaftswachstums, alles schien mir möglich und mein Gottvertrauen war groß. Und entgegen meiner früheren Befürchtungen, habe ich keinen einzigen Tag erlebt, an dem ich nicht gerne zur Arbeit gegangen bin.

Arbeitslos: Typisch und ein Drama

Dann wurde ich das erste Mal arbeitslos. Mit den Jahren merkte ich, dass das typisch für meine Generation ist, dieser Knick im Lebenslauf. Für meine Familie war das nicht so klar. Für sie war es ein Drama. Für mich natürlich auch, denn eine sinnvolle Tätigkeit auszuüben ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Wer keine Anerkennung durch Arbeit bekommt, fühlt sich sinnlos. Alle meine Freunde, die das auch erlebt haben, erzählen davon, wie verletzend es ist, wenn jemand sagt: »Die wollen doch gar nicht arbeiten.«

Mit der Sinnlosigkeit kamen die Zweifel, ob das alles so richtig ist mit dem Gott, der einen Plan für mein Leben hat. Ich zweifelte an mir selbst und an Gottes Güte. Ganz zu schweigen von einer Berufung, die Gott für mich bereithält. Schließlich entschloss ich mich für ein Studium, im Moment bin ich in der Endphase meines Masterstudiums in Journalistik. Doch im Studium nahm der Leistungsdruck wieder zu: Wir mussten Punkte und gute Noten sammeln, die Kritik der Dozenten war scharf, denn das sei »im echten Leben« auch so. In den Ferien buhlten wir um Praktikumsplätze.

Dabei brachten mir die meisten Praktika ziemlich wenig, weil ich als kostenlose Arbeitskraft oft langweilige Dinge erledigen musste, bei denen ich nichts Neues lernte. Aber dann war doch ein Praktikum dabei, bei dem ich eigenverantwortlich arbeiten konnte. Das wurde zum Türöffner für mich. Inzwischen arbeite ich als freie Journalistin für ein öffentlich-rechtliches Kulturradio und hin und wieder schreibe ich für Zeitschriften oder Zeitungen. Wenn ich in der Redaktion des Senders bin, erlebe ich keinen Leistungsdruck, sondern Kollegen, die mit mir an meinen Texten feilen. Am Ende sehe ich konkrete Ergebnisse von meinem Tun, kann meine Beiträge im Radio hören und meine Artikel in Zeitschriften lesen.

Das fühlt sich gut an und steigert das Selbstwertgefühl. Auch dann, wenn ich unter Zeitdruck arbeiten muss, denn dann sehe ich, dass ich Herausforderungen auch bewältigen kann. Manchmal denke ich jetzt, dass Gott doch mein Leben mit einem roten Faden durchzieht. Manches fügt sich zusammen, was lange keinen Sinn ergab.

Arbeitskultur ist familienfeindlich

Zwei meiner Kommilitoninnen arbeiten in Redaktionen von Tageszeitungen, nicht selten zehn Stunden am Tag. Nicht, dass sie nicht belastbar wären, aber sie fragen sich, wie sie das auf Dauer aushalten sollen. Beide pendeln, eine von ihnen hat ein Kind, das sie nur am Wochenende sieht.

Für Frauen mit Kindern ist der Arbeitsalltag immer noch mit größeren Hindernissen verbunden, denn die bisherige männliche Arbeitskultur ist nicht gerade kinderfreundlich und Frauen werden immer noch schlechter bezahlt als Männer. Bis zu 3000 Euro im Jahr verdienen Männer schon beim Jobeinstieg mehr – beim selben Studienabschluss. Wenn Frauen dann eine Erziehungspause einlegen, gewinnen die Männer einen weiteren Lohnvorsprung, auch dadurch, dass sie schneller befördert werden als Frauen mit Kindern.

Wenn Frauen überhaupt eingestellt werden. Auf alle Bewerbungen nach meinem ersten Studienabschluss kam nie eine positive Antwort. Irgendwann leuchtete mir ein warum: Ich war für Arbeitgeber im gefährlichen gebärfähigen Alter.

Jetzt plane ich einen weichen Start in den Berufsalltag: Nach meinem Studienabschluss möchte ich weiterhin als freie Redakteurin arbeiten, dann muss ich nicht 10 Stunden am Tag schuften, aber ich kann. Und wenn ein Kind kommt, kann ich langsam wieder einsteigen. Das funktioniert aber nur, weil mein zukünftiger Mann fest angestellt ist, und genug Geld für uns beide verdient. Nur: Seine Stelle ist befristet. Er ist Naturwissenschaftler und im Wissenschaftsbetrieb braucht man lange, bis man eine unbefristete Anstellung bekommt. Bis dahin muss man sehr viel arbeiten und oft alle zwei, drei Jahre umziehen.

Wieder dieses Leistungsdenken: Besser sein als die anderen, noch mehr geben, immer erreichbar sein, nichts verpassen – vielleicht klappt es dann mit dem unbefristeten Job. Aber es gibt Zahlen, die dieses Denken umkehren: In Deutschland hat jedes fünfte Unternehmen generell Schwierigkeiten, die passenden Fachkräfte für seine freien Stellen zu finden, so eine Umfrage der Industrie- und Handelskammer. Nur 30 Prozent besetzen ihre freien Arbeitsplätze problemlos. Denn es gehen mehr alte Menschen in Rente als junge Qualifizierte nachkommen.

Da habe ich zum ersten Mal das Gefühl, der Leistungsdruck ist ein Merkmal meiner Generation. Wir sind damit aufgewachsen, dass nicht genug Arbeit für alle da ist. Doch bald könnte das Gegenteil der Fall sein. Schulabgänger müssten nicht mehr berechnend sein bei der Berufswahl. Sie müssten auch nicht in den ewigen Kampf mit ihren Mitbewerbern treten. Ein befreiender Gedanke, der vielleicht das Leistungsdenken vertreibt.

Ruth Weinhold
studiert Journalistik in Leipzig.
Daneben ist sie als freie Journalistin tätig.

 

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