Warum die Ewigkeit frei macht

Zum Menschsein gehört von jeher die Sehnsucht nach dem Ewigen, das alles überdauert, dazu.

Dabei haben sich die Vorstellungen von der Ewigkeit im Lauf der Menschheitsgeschichte grundlegend verändert – und damit auch die Vorstellungen davon, wie ein gelingendes irdisches Leben aussehen kann.

Das dauert mal wieder ewig!«, murmle ich vor mich hin und blicke entnervt auf die Uhr. Zwar kommt der Bus in zehn Minuten, aber im kalten Nieselregen des dunklen Herbstabends ziehen sich die Minuten in die Länge – eine gefühlte Ewigkeit eben.

Aber wie ist das eigentlich mit der Ewigkeit? Von »Zeit und Ewigkeit« sprechen wir und meinen damit, dass das eine mit dem anderen nur bedingt zu tun hat. Abgesehen von Situationen wie der eingangs beschriebenen weckt die Ewigkeit eher angenehme Gefühle. Ewig, das heißt: endlich losgelöst von der Hektik und Zeitnot des Alltags zu sein, ohne den Takt des Sekundenzeigers, der uns unerbittlich vor Augen führt, dass unsere Zeit verrinnt und wir keinen Augenblick festhalten können. »Verweile doch, du bist so schön«, lässt Johann Wolfgang von Goethe (1749–1832) seinen Faust dem Augenblick zurufen.

Wohl deshalb ist die Sehnsucht nach dem Ewigen so alt wie die Menschheit selbst. Von den »ewigen Jagdgründen« sprachen schon die frühen Hirten- und Jägervölker, und auch im Totenkult der ägyptischen Pharaonen zeigt sich die Vorstellung von einer Ewigkeit als einer unendlichen Fortsetzung der Lebenszeit: Man glaubte, dass es nach dem Tod mehr oder weniger weitergeht wie im irdischen Leben, allerdings »in einer höheren Stufe des Seins«, wie Hans Christian Schmidbauer schreibt. Der Theologe erklärt in einem Aufsatz über »Die Ewigkeit Gottes«, dass diese eher einfachen Ewigkeitsvorstellungen im Lauf der Geschichte erweitert werden: Ewigkeit wird zu einer Seinsform, die keinen Anfang und kein Ende hat und deshalb mehr ist als die bloße Fortsetzung des irdischen Lebens.

Ohne Anfang und Ende

Weitergedacht hat das der griechische Philosoph Platon (427–347 v. Chr.). Dieser, so schreibt Schmidbauer, begriff das Ewige »nicht mehr nur als anfangs- und endlose Dauer«, sondern als eine Wirklichkeit, die Zeit und Geschichte umfasst. Platons Schüler Plotin (205–270 v. Chr) hat diesen Gedanken weitergesponnen: Für ihn ist die Zeit, die wir vergehen sehen, nicht das Gegenteil von Ewigkeit, sondern »vielmehr ihre Voraussetzung«, wie Schmidbauer schreibt.

In der Bibel schließlich wird genau diese Voraussetzung, das Ewige, personifiziert: Gott selbst ist der Ewige, dessen Existenz keinen Anfang und kein Ende hat. »Ich werde sein, der ich sein werde«, sagt Gott, als er sich Mose am brennenden Dornbusch offenbart (2. Mose 3,14). In der liturgischen Formel »Ehr sei dem Vater« bekräftigen wir diese Selbstoffenbarung Gottes: »… wie es war im Anfang, so auch jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit.«

Das Leben geht nicht einfach weiter

Deshalb ist für Christen die Ewigkeit nicht bloß die Fortsetzung unseres Lebens, sondern Teilhabe an dem Sein Gottes. Insofern ist die Ewigkeit schon in unserem Leben gegenwärtig. »Das Himmelreich ist mitten unter euch«, sagt Jesus (Lukas 17,20) seinen Jüngern und damit uns. Insofern müssten wir uns um die Ewigkeit keine Gedanken machen und könnten gleichzeitig im Hier und Jetzt und in der Ewigkeit leben. »Gott beschenkt den Glaubenden mit der Teilhabe am Reiche Gottes. Dieser wird nicht dem Gericht verfallen, sondern erhält Anteil an der Neuschöpfung und damit am ewigen Leben«, schreibt der Theologe Rolf Kramer (1930–2008).

Was aber ist dieses »das ewige Leben«, das wir im Apostolischen Glaubensbekenntnis bekräftigen? Wohl jeder hat seine eigenen Vorstellungen davon. In einem Bibelkreis erzählte mir einmal ein Teilnehmer, er sei sicher, dass er beim ewigen Mahl im Himmel möglichst weit vorne, bei Jesus, sitzen könne. Andere stellen sich das Haus vor, von dem Jesus spricht (Johannes 14,2). Letztlich können wir es nicht wissen, bleiben alle unsere Bilder nur Krücken. So wie für uns, die wir im Takt der Uhr leben, die Ewigkeit ohnehin schwer vorzustellen ist. Aber wir brauchen sie, um zu leben.

Wozu brauchen wir die Ewigkeit auf der Erde?

Die Ewigkeit scheint nicht mehr in unsere moderne Welt zu passen. Schließlich hat sich die Lebenseinstellung der Menschen, auch die vieler Christen, radikal geändert: Nicht mehr die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod, auf das ewige Leben also, bestimmt das irdische Leben. Vielmehr konzentriert man sich darauf, es sich auf der Erde gut gehen zu lassen. Darin steckt die Vorstellung, jeder Mensch könne »selbst Steuermann seines Schicksals sein«, wie es der bereits erwähnte Theologe Kramer ausgedrückt hat. In einem Aufsatz über »Zeit und Ewigkeit als Grunderfahrung menschlichen Lebens« schreibt er: »Der Mensch glaubt, er allein könne sich das Heil schenken.«

Das ist zum einen sehr verständlich: Zu lange wurde die Menschheit von den Mächtigen auf das Jenseits vertröstet. Das von Menschen gemachte Leiden – allen voran Krieg und Armut – wurde als gottgewolltes Schicksal dargestellt, das man meistern muss, um schließlich im Jenseits ewig und in Freuden zu leben. Dabei haben auch die Kirchen lange mitgemacht. Erst die Befreiung von der staatlichen und kirchlichen Vormundschaft hat die Menschen in die Lage versetzt, ihr Leben selbst zu gestalten.

Ewigkeit befreit zum Leben

Gleichzeitig hat die Freiheit unseren Blick eingeschränkt: Nicht mehr die Hoffnung auf ein Jenseits bestimmt unser Handeln, sondern nur noch das, was uns im Hier und Jetzt nützt. »Was bringt mir das?«, ist zur allgegenwärtigen Frage geworden – mit Konsequenzen für unser Verständnis von Zeit. »Die Weltzeit ist geschrumpft auf die individuelle Lebenszeit«, beschreibt der Theologe Kramer diese Veränderung.

So setzen wir uns unter Druck: Obwohl wir viel mehr Zeit für uns haben als frühere Generationen, ist unser Leben hektischer geworden. Den eigenen Tod und damit das Ende der eigenen Lebenszeit vor Augen, mühen wir uns, alles mitzunehmen, was das Leben uns bietet. Doch wir werden es nicht schaffen. »Durch die Angst, zu kurz zu kommen und etwas zu versäumen, kommt man zu kurz und versäumt alles«, hat der Theologe Jürgen Moltmann gesagt.

Das ist das Paradoxe: Ohne Beschränkung unserer Jagd nach möglichst viel Leben vergeuden wir unsere Lebenszeit. So zwingt uns die Ewigkeit zwar, die Beschränkungen der irdischen Existenz anzunehmen, gleichzeitig aber weitet sie unser Leben. »Wer des ewigen Lebens gewiss ist, hat viel Zeit«, hat Jürgen Moltmann geschrieben.

Volker Kiemle

Foto: Andrea Damm / pixelio.de