Menschen

»Das Evangelium ist eine Wohltat für alle Menschen«

Wie vermittelt man Menschen mit geistigen Behinderungen das Evangelium? Mit Fantasie und einer starken theologischen Basis, sagt Daniela Eichhorn.

Sie arbeitet als Seelsorgerin vorwiegend mit schwer-mehrfach behinderten Menschen. Im Gespräch mit Volker Kiemle berichtet sie von ihren Erfahrungen.

Was unterscheidet die seelsorgerliche Arbeit mit Menschen mit einer geistigen Behinderung von der mit nichtbehinderten Menschen?

Daniela Eichhorn: Wenn man ein wenig genauer hinschaut, erkennt man in Menschen mit einer geistigen Behinderung im Grunde auch immer sich selbst. Viele gehen ja davon aus, dass es große Unterschiede zwischen behinderten und nicht behinderten Menschen gibt. Dem ist aber nicht wirklich so. Vielmehr zeigen geistig behinderte Menschen in großer Offenheit das, was wir alle in uns tragen. Zudem sind geistig behinderte Menschen oft entwaffnend ehrlich. Unsere Gesellschaft ist ja von vielen Konventionen bestimmt – also von dem, was man zu tun oder zu lassen, zu sagen oder auch nicht zu sagen hat etc. –, ohne die unser Zusammenleben gar nicht funktionieren würde. Viele der Menschen mit einer geistigen Behinderung leben aber gar nicht in diesen konventionellen Kategorien. Sie sind eben, wie sie sind. Und tragen deshalb oft das, was in uns allen ist, offen nach außen.

Hat sich Ihre Sprache über Gott verändert, seit Sie als Seelsorgerin für Menschen mit Behinderungen arbeiten?

Daniela Eichhorn: Das ist schwer zu sagen. In der Verkündigung geht es für mich immer um eine Verkündigung mit allen und für alle Sinne – wie Sehen, Hören, Fühlen, Riechen und Schmecken –, nicht nur um Sprache. Ich habe oft mit Menschen zu tun, die kein Sprachverständnis im klassischen Sinne haben.
Trotzdem erzählen wir die biblische Geschichte auch– aber eben mit verschiedenen dramaturgischen Mitteln. So haben wir etwa das Evangelium von der Stillung des Sturms schon mit Donner und Blitz und dunklen Tüchern, die wir zwischen den Besuchern hochgezogen haben erzählt, um ein Gefühl für das Empfinden von Angst und Enge zu vermitteln.

Das geht ja weg von der protestantischen Tradition, in der das gesprochene Wort eine große Rolle spielt ...

Daniela Eichhorn: Ich persönlich habe den intellektuellen Zugang zum Glauben gebraucht, deshalb habe ich auch Theologie studiert. Aber es gibt mehrere Zugangswege zum christlichen Glauben, und das Wort allein ist nicht der einzige Weg, um Gott zu erfahren. Dabei ist es aber ganz wichtig, dass wir verantwortungsvoll mit diesen verschiedenen Zugangswegen umgehen. Denn mit einem unüberlegten Einsatz von Gestaltungselementen kann man die eigentliche Botschaft eines Textes nur allzu leicht verfremden. Es muss also auch immer sorgfältig darüber nachgedacht werden: Entspricht das Medium der eigentlichen Aussage eines Textes oder wird das Evangelium durch das Medium verfälscht? Und dieses Übersetzen in eine andere »Sprache« ist eine ur-protestantische Aufgabe – damit bin ich ganz nah bei Martin Luther.

Wie kommen Gottesdienste, die für behinderte Menschen konzipiert wurden, bei Menschen ohne Behinderung an?

Daniela Eichhorn: Gerade bei schwer-mehrfach behinderten Menschen sind ja oft auch Angehörige mit dabei. Für diese ist es schon eine große Entlastung, wenn ihre Verwandten so sein können, wie sie eben sind – egal, ob sie dazwischenrufen oder laut und etwas schräg mitsingen oder was auch immer. In den üblichen gemeindlichen Gottesdiensten stehen die Angehörigen da bisweilen unter einer großen Anspannung.
Bei uns ist das anders – und das allein schon ist für viele eine Wohltat für die Seele. Zu uns kommen aber auch nicht-behinderte Menschen, denen es einfach nur gefällt, wie wir Gottesdienst feiern. Das hängt mit der etwas anderen, oft sehr viel sinnlicheren Art des Zugangs zusammen, von der ich eben sprach. Und manchen tun auch nur unsere ganz einfachen Rituale gut.

Wie reden Sie in ihrer Arbeit über den Tod?

Daniela Eichhorn: Gerade in diesem Bereich spielen Rituale eine sehr große und unverzichtbare Rolle. Wenn ein behinderter Mensch stirbt, findet in aller Regel und möglichst zeit- und ortsnah eine Aussegnungsfeier statt. Das ist für die Menschen, die mit dem Verstorbenen zusammengelebt haben, ein ganz wichtiger Akt. Der oder die Verstorbene ist aufgebahrt, und für alle Bewohner, Mitarbeitende und Angehörige, die das gerne möchten, gibt es eine kurze Liturgie am Totenbett. Danach können sich alle von dem Toten verabschieden – etwa eine Rose aufs Bett legen oder ihn auch noch einmal segnen und berühren. Sie erleben so, dass der Mensch, der in diesem Zimmer gelebt hat, jetzt nicht mehr am Leben ist.

Es hat sich in der Behindertenhilfe viel verändert. Wie hat sich Ihre Arbeit verändert?

Daniela Eichhorn: In unserer Arbeit spiegeln sich natürlich die gesellschaftlichen Entwicklungen wider. So macht der Trend zur Individualisierung auch vor unseren Einrichtungen nicht Halt. Wenn neue Häuser gebaut werden, gibt es sehr viel weniger Gemeinschaftsräume, als das früher der Fall war, dafür sind die einzelnen Zimmer jetzt meist größer. Gleichzeitig wurden bei uns die Freizeitangebote ausgebaut und professionalisiert, es gibt jetzt viel mehr Möglichkeiten – was wunderbar ist. Als ich hier angefangen habe zu arbeiten, gab es etwa für die in den Ferien im Heim gebliebenen Kinder und Jugendlichen relativ wenig Abwechslung. Damals habe ich für sie kleine Ferienaktionen organisiert, heute bietet ihnen unser Freizeitzentrum, die Neue Schmiede, ein sehr viel ausgefeilteres Programm an. So etwas verändert natürlich auch die seelsorgerliche Arbeit. Hinzu kommt der Trend zur Säkularisierung, den es natürlich auch bei uns gibt.

Was möchten Sie den Menschen, für die Sie arbeiten, mitgeben?

Daniela Eichhorn: Zunächst bin ich zutiefst davon überzeugt, dass das Evangelium wirklich das ist, was der griechische Begriff meint, nämlich eine frohe Botschaft. Und das bedeutet, ich möchte, dass die Menschen, mit denen ich zu tun habe, etwas von der Wohltat dieser Botschaft zu spüren bekommen und Freude daran haben. Daneben aber geht es mir auch darum, ihnen so eine Art Notfallration für die Krisenzeiten ihres Lebens mit auf den Weg zu geben. Dazu gehören etwa Kirchenlieder und Bibeltexte. Diese aber prägen sich nur ein in immer wiederkehrenden Ritualen. Darum singen wir zum Beispiel im Gottesdienst immer das gleiche Segenslied, in der Hoffnung, dass dieses Lied den Leuten immer vertrauter wird und sie dann auch ein Leben lang begleiten kann. Dies jedoch auf breiterer Basis umzusetzen und durchzuhalten, ist in der heutigen Eventkultur gar nicht so einfach.