Im Gespräch: Stanley Jones und Bischof Friedrich Wunderlich

Im Gespräch: Stanley Jones und Bischof Friedrich Wunderlich

Im Gespräch

Ferien mit Gott: Wie der Ashram nach Deutschland kam

Kann ein hinduistisches Ritual christlich sein? Ja, sagte der amerikanische Missionar Stanley Jones.

Er entdeckte in Indien den »Ashram«, besonders gestaltete Einkehrtage, und richtete sie auf Jesus Christus aus. Vor 50 Jahren kam die Idee auch nach Deutschland und fand viele Interessierte. Hans Jakob Reimers blickt zurück.

Christlicher Ashram – ist das nicht ein Widerspruch in sich? Wie kann ein Ashram, also eine Besinnungsart der Hindus, christlich sein? Ist das nicht eine gefährliche Vermengung von Religionen? Irritationen dieser Art haben dazu geführt, dass die deutsche Ashram-Bewegung bereits seit einigen Jahren stattdessen von geistlichen »Einkehrtagen« spricht. »Ashram« kommt aus dem Sanskrit (alt-indisch) und bedeutet so viel wie »weg von harter Arbeit«.

Es war der amerikanische Missionar Dr. Eli Stanley Jones (1884–1973), der diese Art religiöser Besinnung bei den Hindus kennen und schätzen gelernt hat. 1907 sendet die methodistische Missionsgesellschaft in den USA den Dreiundzwanzigjährigen nach Indien. Zunächst arbeitet er unter den Ausgestoßenen, und zwar der Kaste der Diebe – aus der später einige der besten indischen Prediger kamen. Bald wird er mit dem Amt des Superintendenten für den Lucknow-Distrikt betraut, außerdem leitet er das methodistische Verlagshaus.

Dienst unter den Intellektuellen

Jones bekommt Kontakt zu gebildeten Schichten: Beim Tennisspielen lernt der Sportsmann Stanley Ärzte, Juristen und Verwaltungsbeamte kennen. Ein Hindu-Richter fragt ihn, warum er sich nur um Randgruppen kümmere: »Wir brauchen Sie auch!« Dadurch wird ihm seine Lebensaufgabe klar: der evangelistische Dienst unter den Intellektuellen der höheren Kasten. Jones studiert den Hinduismus und hält landauf landab Vorträge vor gebildeten Nichtchristen. Dabei stellt er ihnen allein den biblischen Christus vor Augen, losgelöst von allem kirchlichen Beiwerk. Nach seinem Vortrag beantwortet er Fragen.

Eine literarische Frucht seiner Tätigkeit ist das Buch »The Christ of the Indian Road« von 1925. Drei Jahre später erschien es bereits in dritter Auflage als »Der Christus der indischen Landstraße«. In seinem Dienst merkt Stanley aber, wie sein persönliches geistliches Leben mit seiner Verkündigung nicht mehr Schritt hält. Wenn Leben und Lehre übereinstimmen sollen, kann der Verkündiger nicht nur geben, er muss auch empfangen. Die Sendung muss aus der Sammlung kommen. Er schreibt: »Ich kam zu dem Schluss, dass ich die Disziplin einer Gruppe nötig hatte sowohl für mich selbst als auch für meinen Dienst.«

So kommt er auf die Idee, den indischen Ashram für sein Anliegen nutzbar zu machen. Hatte er doch selbst einen Ashram unter der Leitung von Mahatma Gandhi (1869–1948), dem Vater des modernen Indien, miterlebt. Er schreibt darüber: »Gandhis Ashram organisierte sich um die Persönlichkeit Gandhis und spiegelte seinen Geist und sein Anliegen wider. Es ist also der ›Guru‹ (Lehrer), der den Ashram zu etwas Gutem oder Schlechtem macht. Im ›christlichen Ashram‹ haben wir auch einen ›Guru‹, aber niemals einen menschlichen; denn kein Mensch ist gut und weise genug, um der Mittelpunkt einer religiösen Bewegung sein zu können. Deshalb beschlossen wir: Der Guru unseres Ashram ist allein Jesus Christus.«

Stanley Jones hat also nichts anderes getan, als eine hinduistische Form mit christlich-biblischem Inhalt zu füllen. Ein christlicher Ashram meint demnach soviel wie »Ferien mit Gott«. Der Ashram will die Möglichkeit bieten, zur Stille vor Gott zu gelangen. Dieser Sachverhalt lässt sich von einer Seite her beleuchten, von der wir wohl zuletzt Aufschluss erwarten würden: In der litauischen Sprache heißt »ashramus« soviel wie: »Ich werde still.«

Die »Stunde der offenen Herzen«

1930 hält Stanley Jones selbst den ersten christlichen Ashram in Sat Tal (zu deutsch: »Sieben Seen«), einem 162 Hektar großen Anwesen bei Lucknow im gemäßigten Klima unterhalb des Himalaya. Kriegsbedingt kommt diese Arbeit in Indien 1940 allerdings zum Erliegen. Als unerwünschter Ausländer muss er die damals noch britische Kronkolonie verlassen. Nun macht er den Ashram in seiner Heimat, den USA, bekannt. Ein Charakteristikum des Ashram ist das immerwährende Gebet: In einem separaten Raum sollte ständig jemand beten, ursprünglich im Stunden-Takt rund um die Uhr. In Deutschland ist man bald dazu übergegangen, nur tagsüber zu beten, und zwar im halbstündlichen Wechsel. In dem dafür vorgesehenen Raum liegt ein Heft aus, in das Gebetsanliegen eingetragen werden.

Nach dem Abendsegen ist Schweigen geboten bis zum nächsten Morgen. Das Schweigen wird beendet nach der Stillen Zeit mit dem Gruß »Jesus ist Herr«. Jeder Ashram beginnt mit der so genannten »Stunde der Offenen Herzen«. Alle Teilnehmenden haben Gelegenheit, ihre Erwartungen zu äußern. Am Ende der Freizeit steht die »Stunde der überfließenden Herzen«. Sie gibt allen die Möglichkeit, der Gruppe mitzuteilen, welchen Segen sie in den Tagen empfangen haben. Vorausgeht als Höhepunkt der Segnungsgottesdienst. Alle können sich unter Handauflegung segnen lassen. Die Vormittage und Abende gehören den Bibelarbeiten. Nach dem Mittagessen haben alle die Zeit bis 16 Uhr zur freien Verfügung. An den Nachmittagen treffen sich Gebetsgruppen. Schwerpunkte der Fürbitte sind Persönliches, die jeweilige Heimatgemeinde, die Kirche Jesu Christi weltweit und Brennpunkte der Weltpolitik.

Bereits im August 1931 veröffentlicht Stanley Jones im methodistischen Sonntagsblatt »Der Evangelist« einen großen Artikel unter der Überschrift »Jesus in einer indischen Waldschule«. Darin berichtet er über seine Ashramarbeit in Indien. Es wird aber noch dreißig Jahre dauern, bis er den ersten Ashram in Deutschland anbieten kann: Das geschieht vom 11. bis 14. April 1961 im damals gerade erst eingeweihten »Haus der sieben Brüder« in Hunoldstal/Taunus. An ihm nimmt neben manchen Pastoren auch Bischof Wunderlich (1896–1990) teil. Damals gehörte auch noch körperliche Arbeit dazu.

Einer der Bahnbrecher der Ashramarbeit in Deutschland ist Pastor Wolfgang Hammer (1919–1999), der spätere Kongo-Missionar. Seine Nachfolge tritt Paul Orlamünder (1904–1986) an. Zwischen 1972 und 1982 lädt er achtzehnmal zu Ashram-Tagungen ein: nach Hunoldstal und Braunfels, später nach Wüstenrot. Ihm assistiert Hermann Neef (1921–2010). Er hat die Arbeit 1993 von Wüstenrot nach Vesperweiler bei Freudenstadt verlegt. Die mit Abstand meisten Freizeiten im Sinne des Christlichen Ashram hat Siegfried Ermlich verantwortet – insgesamt über 60. Der Schwerpunkt seiner Ashramarbeit war der norddeutsche Raum mit den Tagungsorten Braunfels und Oewerdiek, Clausthal und Klecken, der Heideburg und dem Sunderhof in Seevetal bei Hamburg. Als Gastredner war der schwedische Pastor unserer Kirche, Sten Nilsson, zwölfmal dabei, aus England der methodistische Pastor Bill Burridge.

In einem Prospekt heißt es: »Die Christliche Ashram-Bewegung ist nur einer unter den Versuchen, die Gemeinschaft der Kirche Jesu Christi zu erneuern. Sie ist ein Weg, der beschritten wird hin zu dem, der von sich gesagt hat: Ich bin der Weg.«

Hans Jakob Reimers

Information: Die nächsten Einkehrtage sind für die Zeit vom 16. bis 20. November 2011 im Haus Höhenblick in Braunfels vorgesehen sowie vom 20. Juni bis zum 24. Juni 2012 in Vesperweiler bei Freudenstadt. Informationen zu Braunfels unter Telefon 06442 9370, E-Mail: hans-hermann.schole(at)hoehenblick.de; Informationen zu Vesperweiler unter Telefon 06403 7746343, E-Mail: hjreimers(at)emk.de