Gemeinde

Fünf Uhr früh in Korea

9 oder 10 Uhr – in manchen Gemeinden in Deutschland wird hart darum gerungen, wann der Gottesdienst beginnt. Ganz anders sieht es in der methodistischen Gemeinde in der koreanischen Stadt Bupyeong aus:

Dort treffen sich jeden Morgen bis zu 800 Christen zum Frühgebet. Pastor Christhard Elle war dabei – und beeindruckt.

Der Hof füllt sich. Immer wieder kommen Busse, aus denen Menschen herausdrängen. Gedämpft, aber fröhlich begrüßen sich die Menschen. Eigentlich nichts Außergewöhnliches vor einer großen Kirche, wäre da nicht die Uhrzeit: Es ist 4.30 Uhr morgens. Mich hatten die Motoren der Busse aus dem Schlaf gerissen. Um 4.40 Uhr werden wir – die Mitglieder einer EmK-Delegation aus Deutschland – offiziell geweckt.

Als ich kurz vor 5 Uhr den Kirchenraum betrete, ist er knapp zur Hälfte gefüllt. Durch eine Seitentür betritt einer der Chöre den Raum. Doch der Raum ist schon voll Musik, einer der Pastoren singt mit der Gemeinde, hauptsächlich Charles-Wesley-Lieder. Sie singen in einem derartigen Tempo, dass ich, den Text deutsch mitsingend, kaum folgen kann. Und es wird geklatscht. Auf allen vier Taktschlägen. Der Pastor gibt das Tempo vor. So kommt man um fünf Uhr morgens in Schwung. Der Pastor begrüßt alle, dann betet jemand aus der Gemeinde. Lange! Immer wieder unterbrochen vom zustimmenden »Amen« aus der Gemeinde. Dann erneut Charles Wesley, ein Lied des Chores, eine kurze Predigt. Die Gemeinde ist gut dabei.

Plötzlich, direkt nach der Predigt, geht ein Rufen durch die Gemeinde. Dreimal der gleiche Ausruf: »Jesus ist Herr«, so erfahren wir hinterher, und die Gemeinde fängt an zu beten. Als gute Gastgeber hatten sie uns vorgewarnt: Es sei vielleicht sehr ungewohnt für uns. Das war es auch, denn alle beteten gleichzeitig – und laut. Doch nach dem ersten Schrecken kann ich eintauchen, werde Teil des großen Gebets dieser Gemeinde. Manche sitzen still, den Kopf gesenkt, andere murmeln, einer schreit. Ich sehe Menschen, die einander segnen, miteinander weinen. Ich bin tief berührt.

Kurz nach halb sechs Uhr gehen die ersten. Um sechs Uhr auch ich. Das Licht ist inzwischen gelöscht. Als wir gegen halb acht Uhr noch mal hereinschauen, sind etliche Besucher immer noch da.

Gebet als Schlüssel des Gemeindewachstums

Was ist der Schlüssel des Gemeindewachstums in Korea? Fast egal, wen wir fragten – immer wieder bekamen wir diese Antwort: »Durch das Gebet sind wir, wo wir heute sind!«

Die methodistische Gemeinde in Bupyeong ist eine der größeren im Großraum Seoul. Aber 400 bis 800 Beter jeden Morgen, sieben Tage die Woche, sind auch hier ein Phänomen. In den anderen Gemeinden, ob klein oder groß, sieht es nicht anders aus. Das Frühgebet ist fester Bestandteil der Gemeindekultur. Klar, so groß wie in den Aufbruchszeiten der sechziger und siebziger Jahre ist die Zahl morgendlicher Beter nicht mehr. Ältere Damen sind überrepräsentiert, und manches lässt sich mit der kulturellen Tradition in Korea erklären.

Trotzdem macht es mich sehnsüchtig. Nicht unbedingt danach, auch in meiner Gemeinde ein solches Frühgebet einzuführen, sondern diese Beständigkeit des Gebets zu leben und es sichtbar in den Mittelpunkt der Gemeindearbeit zu stellen. Wir sagen einander häufig: »Ich bete für dich.« Aber in Bupyeong sagen sie es nicht nur, sie tun es.

Das Morgengebet bestimmt den Tag in Korea. Wer um 4 Uhr aufsteht und um 5 Uhr im Frühgebet dabei ist, muss manches andere lassen. Vor allem abends. Der Tag ist dadurch anders, das erfuhr auch ich. So überstrahlt das Morgengebet den Rest des Tages. Vielleicht ist es gerade das, was mich so berührte.

Christhard Elle

Foto: Klaus Ulrich Ruof