Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Jesus in den Flüchtlingslagern

Die Weltordnung ist ungerecht: Reiche werden immer reicher, Arme immer ärmer. Sollten wir da nicht lieber politisch aktiv werden, anstatt vergleichsweise kleine Beträge für die Hungernden in Afrika zu spenden?

Beides ist nötig, sagt Bischöfin Rosemarie Wenner: Es geht um unsere Christusbeziehung.

Vor einigen Wochen war die Hungerkatastrophe am Horn von Afrika die Top-Nachricht. Täglich sahen wir Bilder von ausgemergelten Kindern und ihren Müttern, die für ein wenig Nahrung Schlange stehen. Jetzt sind diese Meldungen anscheinend weniger wichtig als Diskussionen um die Eurorettung. Doch der Hilfsbedarf in Afrika hält unvermindert an. Frühestens im Januar 2012 wird es in den von der Dürre betroffenen Ländern die nächste Ernte geben. Wie diese dann ausfällt und ob die Ärmsten etwas von ihr abbekommen werden, wissen wir nicht.

Als Anfang August der Weltrat Methodistischer Kirchen auf dem afrikanischen Kontinent in Durban tagte, wurden wir aufgefordert, eine Aktion namens »Stop Hunger Now« (»Stoppt den Hunger jetzt!«) zu unterstützen. »Verzichtet auf eine Mahlzeit pro Woche, spendet das gesparte Geld für ein Essenspaket und nutzt die Zeit des Fastens zum Gebet und Nachdenken, um Hunger zu beseitigen«, rief uns der Vorsitzende der Vereinigung der methodistischen Männerorganisationen zu. Mit Enthusiasmus sprach er davon, wie viele Mahlzeiten wir Methodisten weltweit verteilen können, wenn wir uns für diese Aktion stark machen.

Ich muss gestehen, dass ich seinen Appell kritisch aufnahm. Das klang mir zu simpel: Wir spenden wöchentlich ein wenig Geld, verteilen Essen an Arme und gehen davon aus, dass so der Hunger in der Welt gestoppt werden kann. Wir fragen nicht danach, inwiefern die Weltwirtschaftsordnung, unser Streben nach immer mehr Wachstum und unser Lebensstil etwas mit der Verarmung vieler Menschen in den Ländern der südlichen Hemisphäre zu tun haben könnten. Natürlich müssen derzeit Lebensmittellieferungen nach Ostafrika gebracht werden, um die schlimmste Not zu lindern. Aber das kann nicht alles sein! Wir müssen gleichzeitig gerechten Handel fördern, die Erderwärmung reduzieren und den Landraub anprangern. Auf den Feldern in Afrika werden in immer größerem Stil Lebensmittel für den Export angebaut, während wir Essenspakete zu den Leuten schicken, die von ihrem Ackerland vertrieben wurden! Solche Ungerechtigkeit schreit zum Himmel.

Trotz solcher Überlegungen stimmte ich in Durban nach kurzem Zögern mit »Ja«, als wir gebeten wurden, uns für »Stop Hunger Now« zu engagieren. Jetzt bin ich dabei, meine Selbstverpflichtung umzusetzen. Die EmK-Weltmission unterstützt ein brandneues Projekt der EmK in Malawi. Familien in einem Stadtteil von Blantyre werden beraten und gefördert, damit sie ihre Kinder gesund ernähren. In Mosambik arbeiten wir schon viele Jahre mit dem burundischen Agrarwirtschaftler Dieudonne Karihano zusammen. Er unterrichtet junge Menschen und zukünftige Pastoren in Landwirtschaft und sucht ständig neue Wege, um mit einfachen Mitteln gute Erträge zu erzielen. So leistet er Hilfe zur Selbsthilfe.

Ich will diese Projekte in der nächsten Zeit unterstützen und ich freue mich über Nachahmer. Indem ich monatlich Geld spende, werde ich auch regelmäßig daran denken, dass eine Welt ohne Hunger möglich ist. Verteilaktionen, Hilfe zur Selbsthilfe und politische Einflussnahme sind nötig. Das alles ist mehr als eine gute Tat. Es geht hier um unsere Christusbeziehung. Denn Jesus ist heute in den Flüchtlingslagern in Kenia zu finden. Hoffentlich kann er von uns sagen: »Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben.«

Bischöfin Rosemarie Wenner