Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Warum Christen nicht stehenbleiben

Jesus nachzufolgen heißt, unterwegs zu sein. Ganz praktisch wird das in unserer Kirche daran deutlich, dass Pastorinnen und Pastoren regelmäßig neue Dienstzuweisungen bekommen.

Aber auch Gemeinden müssen sich bewegen – hin zu den Menschen, betont Bischöfin Rosemarie Wenner.

Sommerzeit ist Reisezeit. Das hat für einige Pastorenfamilien in diesem Jahr wieder eine besondere Bedeutung. Sie haben eine neue Dienstzuweisung erhalten. Der Wechsel kostet die Familien einiges: Ehepartnerinnen suchen eine andere Arbeitsstelle, Kinder lassen Freunde zurück und müssen sich in einer neuen Schule einleben. Ist solch ein Aufwand nicht zu groß? Manche Veränderungen sind nötig, weil Pastoren in den Ruhestand gehen und Menschen neu in den Dienst der Kirche kommen. Doch es gibt einen weiteren Grund, warum wir uns Versetzungen zumuten: Sie erinnern uns Jahr für Jahr daran, dass wir als Christen und Christinnen in die Welt gesandt sind. Missionarisch leben hat mit Abschieden und Neuanfängen zu tun. Das ist anstrengend. Aber es bietet auch Chancen.

Es braucht mehr als nur »neue Besen«

Bei der Tagung der Norddeutschen Jährlichen Konferenz in diesem Jahr stellte Professor Wilfried Härle eine Studie vor, die er im Auftrag der Evangelischen Kirche in Deutschland durchführte. Wachsende Gemeinden wurden befragt, um von ihnen zu lernen. In dem Buch »Wachsen gegen den Trend« sind die Ergebnisse veröffentlicht. Die Studie zeigt, dass eine Veränderung in der pastoralen Leitung Wachstum fördern kann. Diese Bemerkung aus dem Referat von Professor Härle prägte sich mir ein. Da und dort erleben wir dies auch in methodistischen Gemeinden. Und es kann öfter geschehen, wenn wir den Pastorenwechsel nicht als methodistisches Ritual abtun, sondern die Unterbrechung vom Gewohnten nutzen. Ein solcher Prozess ist nicht mit dem Sprichwort zu beschreiben: »Neue Besen kehren gut!«

Wenn dies alles wäre, würde sich nicht viel ändern. Die Gemeinde ließe die neue Pastorin machen und würde applaudieren oder kritisieren, je nach Geschmack. Die Pastorin würde sich trotz manch guter Ideen schnell verschleißen. Bald wäre alles beim Alten. Wenn ein Pastorenwechsel wirklich eine Wachstumschance in sich bergen soll, braucht es mehr. Man ist gemeinsam bereit, sich auf Veränderungen einzulassen, um Gott neu zu erleben. Gemeinden lassen sich von den Impulsen des neuen Pastors herausfordern.

Durch Härles Beobachtungen sehen sie sich und ihre Umgebung in einer neuen Perspektive. Und Pastoren regen Prozesse an, um tiefer zu verstehen, was Gottes Gedanken für die methodistische Gemeinde in X sein könnten. Gibt es Herausforderungen im Stadtteil, die Gott uns auf die Seele legt? Gibt es Menschen, vielleicht sogar Menschen, die bisher nicht zu uns gehören, die zur Mitarbeit bereit sind? Und vor allem: Rechnen alle zusammen damit, dass Gott die Gemeinde segnet und zum Segen setzt?

Mit Erstaunen hörte ich, dass Härles Studie dieselben Wachstum fördernden Faktoren zu Tage brachte wie eine groß angelegte Studie unter EmK-Gemeinden in den USA: lebendige Gottesdienste, Kleingruppenarbeit, Angebote für Kinder und Jugendliche und engagierte Pastoren und Pastorinnen, die andere zur Mitarbeit motivieren. Das hört sich ziemlich unspektakulär an. In der Tat ist es nichts Besonderes, damit zu rechnen, dass Gemeinden wachsen können. Manchmal braucht es aber die Unterbrechung vom Gewohnten, um sich darauf neu zu besinnen. Ich bete dafür, dass die Versetzungen in diesem Sommer Initialzündungen für Wachstum in Gemeinden sind.

Bischöfin Rosemarie Wenner