Scheitern gehört zum Leben

Warum Scheitern milder macht

Scheitern gehört zum Leben. Doch wie kann es uns gelingen, das Scheitern in unser Leben einzubinden und einzuplanen?

Antworten von Klinikseelsorgerin Ulrike Förster.

Alle Kundenkontakte laufen über mich. Die Arbeit in unserer kleinen Firma ist so organisiert, dass niemand ausfallen darf. Aber jetzt liege ich hier im Krankenhaus, und keiner kann mir sagen, was noch wird …«

Das ist eine typische Geschichte: Lange Zeit lief es wie am Schnürchen. Doch nun ist die bewährte Struktur des Alltags von heute auf morgen zusammengebrochen. Mit Menschen, die so etwas verkraften müssen, habe ich als Klinikseelsorgerin häufig zu tun. Nun gehört es zum Leben dazu, dass Pläne scheitern, dass wir uns an Vorhaben verheben, dass Wege sich als Holzwege oder Sackgassen erweisen.

Trotzdem ist »Scheitern« mit zahlreichen Ängsten besetzt. Es so selbstverständlich und gelassen ins Leben zu integrieren wie das Gelingen – das scheint keineswegs zu gelingen. Warum eigentlich? Vermutlich weil es stets mit erschütternden Erfahrungen verbunden ist. Man wird gezwungen etwas loszulassen, was einen bisher getragen hat: Personen, auf die man sich bisher verlassen konnte; Ressourcen, von denen man bisher lebte; Überzeugungen, die bisher standhielten.

Aber auch das Umfeld macht es einem Menschen, der gescheitert ist, nicht leicht:
Zwar wird mit schöner Regelmäßigkeit davon gesprochen, dass in jeder Krise eine Chance steckt und dass man aus Fehlern lernen kann. Tatsächlich jedoch leben wir in einer Gesellschaft, die glatte, effektive Wege idealisiert und Menschen für Fehler und Misserfolge gnadenlos beschämt und abstraft. Unsere Kultur gibt uns kaum Strategien an die Hand, damit souverän oder gar konstruktiv umzugehen. Wir lernen eher, dass man sich durch offensives Umgehen mit Fehlschlägen in Gefahr bringen kann. Daher ist es im Allgemeinen üblich, Brüche im Leben zu vertuschen oder zu verschweigen – um nicht bloßgestellt zu werden. Als aussagekräftiges Beispiel dafür empfinde ich den O-Ton eines Patienten: »Das geht keinen was an, warum ich im Krankenhaus war.«

Eines ist mir wichtig geworden: Die Feststellung »gescheitert« ist lediglich eine Deutung, die aus einem bestimmten Blickwinkel heraus erfolgt. Sie erfasst nicht das gesamte Bild. Das heißt: Die Lage kann immer auch anders bewertet werden. Diese Sicht kann Kräfte mobilisieren. So entdecken Menschen manchmal neben allem Schmerzlichen die Möglichkeit, ihr Leben anders zu sortieren. Sie setzen Schwerpunkte anders oder geben Facetten ihrer Persönlichkeit Raum, die lange verschüttet waren. Dann fallen Sätze wie: »Es hört sich für Sie sicher seltsam an, aber diese Lebenskrise hat mir etwas gebracht, was ich nicht mehr missen möchte.«

Menschen, die gescheitert sind und gelernt haben, dazu zu stehen, können mitunter milder, verständnisvoller, barmherziger sein. Denn sie haben weniger Illusionen über sich selbst als Menschen, denen solche Erfahrungen erspart geblieben sind. Diese wiederholen häufig immer dieselben Muster, dieselben Überzeugungen, bewegen sich in immer demselben Horizont. Bisher kamen sie ja damit ganz gut durchs Leben.

Meiner Meinung nach kann der christliche Glaube Vorbilder bieten, um mit Scheitern und Fehlschlägen entspannter und angstfreier umgehen zu können. Denn in der Bibel gibt es etliche Texte, die die Thematik offensiv behandeln (z. B. über Elia, Jeremia, Jesus, Petrus, Paulus). Zudem ist mir die Hoffnung wichtig, dass das Leben in seiner Gesamtheit bei Gott aufgehoben ist. Bewertungen wie »gelungen« oder »gescheitert« betrachte ich daher als etwas Vorläufiges, Unvollständiges.

Ulrike Förster