Menschheit

Was Micha uns zu sagen hat

Drei große Fragen begleiten die Menschheit von Anfang an: Was können wir wissen? Was sollen wir tun? Was dürfen wir hoffen?

Für das Zusammenleben besonders wichtig ist dabei bis heute die zweite Frage – und sie gewinnt immer mehr an Bedeutung. Ohne einen Maßstab, der außerhalb von uns liegt, geht es nicht.

Was sollen wir tun? Wir stehen vor Fragen, die unsere Vorfahren noch nicht einmal ahnten. Ob Umgang mit Atomkraft, Forschung mit embryonalen Stammzellen oder die vorgeburtliche Untersuchung von Embryonen sind dabei nur drei Beispiele aus der jüngsten Zeit. Mit jedem Tag kommen weitere komplexe Fragen dazu.

Längst gibt es Ethikkommissionen, die versuchen, Antworten auf diese Fragen zu finden. Dabei folgen sie meist weniger bestimmten Grundprinzipien wie etwa der Unantastbarkeit menschlichen Lebens, sondern sie versuchen, Nutzen und Risiken bestimmter Handlungen gegeneinander abzuwägen. Zudem müssen sich die Experten am moralischen Empfinden und Handeln der Menschen orientieren – die Lösungen müssen für die Mehrheit annehmbar sein. Das bedeutet zweierlei: Antworten können für verschiedene Kulturkreise höchst unterschiedlich sein. So ist etwa Forschung an Stammzellen, die aus überzähligen Embryonen gewonnen werden, in vielen Ländern selbstverständlich, während sie in Deutschland nur in engen Grenzen erlaubt ist. Zum anderen können die Antworten nie endgültig sein. Denn das, was wir für richtig halten, ändert sich. Schließlich ändert sich auch die Welt insgesamt. So ist etwa der Schutz der Umwelt erst seit Mitte des 20. Jahrhunderts ein ethisches Thema.

Das Ziel bestimmt die Richtung

Klar ist dabei auch, dass die Frage »Was sollen wir tun?« untrennbar mit dem Ziel verbunden ist, das man dem Leben gibt. So war etwa für den Philosophen Aristoteles »Glückseligkeit« das höchste Ziel – nicht in einem platten, auf das eigene Ich verengten Sinne, wie wir es heute oft definieren. Aristoteles meint ein Glück, das man in geistiger und praktischer Tätigkeit findet. »Glückseligkeit« ist also nichts für faule Egoisten, sondern muss erarbeitet werden. Der Philosoph Immanuel Kant formulierte dagegen den »Kategorischen Imperativ« als Ziel des menschlichen Handelns: »Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.« Auch hier muss man sich anstrengen und das eigene Handeln immer wieder hinterfragen. Wobei es einen gravierenden Nachteil gibt: Wenn ich es zum Beispiel für richtig halte, dass Menschen gefoltert werden, dann darf das nach Kant auch »Gesetz« werden – immer vorausgesetzt, ich würde die Folter als Strafe auch an mir selbst akzeptieren.

Ohne Liebe und Demut geht es nicht

Das macht deutlich, dass es ohne einen Maßstab, der nicht in uns selbst liegt, nicht geht. Und den hat uns der Prophet Micha schon vor mehr als 2.700 Jahren gegeben: »Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert, nämlich Gottes Wort halten und Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott.« Micha hat das zwar den Mächtigen Israels zugerufen, die das Volk unterdrückten, es gilt aber dem ganzen Volk. Denn es ist einfach, auf »Die da oben« zu schimpfen; das eigene Fehlverhalten dürfen wir dabei aber nicht ausblenden.

Michas Ansage ist klar. Der Weg, den er skizziert, ist schmal. Die Worte müssen mit Leben gefüllt werden, das ist klar. Und es geht nicht ohne Diskussionen. Aber wenn wir uns Michas Appell zu Herzen nähmen, wäre schon viel gewonnen.

Volker Kiemle

Foto: Sigrid Rossmann / pixelio.de , Albrecht Arnold