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Donnerstag, 3. Mai 2012

Jeder kann sich ändern!

Der Volksmund weiß: Man heiratet nie nur einen Menschen, sondern immer eine ganze Familie. Und immer ist auch die eigene Geschwisterposition und die des Partners gegenwärtig. Das hat auch Ulrich Giesekus erlebt.

Im Interview mit Volker Kiemle rät er Paaren, sich soviel wie möglich von der eigenen Familiengeschichte zu erzählen.

Welchen Einfluss hat die Geschwisterposition auf die Wahl des Lebenspartners?

Ulrich Giesekus: Es gibt keine Mechanik in dem Sinne, dass es zum Beispiel immer das Gleiche bedeutet, wenn zwei Älteste heiraten. Aber es gibt ganz spannende, typische Situationen, die damit zu tun haben, was es für den jeweiligen Menschen bedeutet, in einer bestimmten Geschwisterposition aufgewachsen zu sein. Ein typischer Ältester etwa hat gelernt, Verantwortung für andere zu übernehmen und ein Auge auf jüngere Geschwister zu werfen. Älteste sind meist Menschen, die eher darauf achten, dass Regeln eingehalten werden. Wenn zwei Älteste heiraten, dann kann es natürlich sein, dass sie zunächst ein paar heftige Machtkämpfe ausfechten müssen, weil sie beide sich dagegen wehren, vom anderen erzogen zu werden. Das erlebt man in der Praxis relativ häufig. Einen Automatismus gibt es aber nicht.

Die Geschwisterposition beeinflusst also mehr die Partnerschaft selbst als die Partnerwahl ...

Ulrich Giesekus: Es hat eher damit zu tun, wie jemand seine Geschwisterposition bewertet. Wenn es jemand toll findet, ein Einzelkind zu sein, beeinflusst das die Partnerwahl anders als wenn er darunter leiden würde. Entscheidend ist, was die Geschwisterposition emotional bedeutet.

Wie stark sollte man sich bei der Partnerwahl von der Geschwisterposition leiten lassen?

Ulrich Giesekus: Gar nicht. Denn wenn wir verliebt sind, sind wir für rationale Argumente nicht zugänglich. Das muss auch so sein! Aber ich würde jedem Paar raten, sich einmal Zeit zu nehmen und sich gegenseitig die eigenen Kindheitserfahrungen zu erzählen – Geschwister, Eltern. Man muss einfach deutlich feststellen: Die Beziehung zu unseren Eltern prägt, wie wir mit Autorität umgehen – also mit oben und unten. Unsere Geschwisterbeziehungen prägen, wie wir mit links und rechts umgehen – also mit Leuten, die wir als unseresgleichen betrachten. Und eine Ehe ist eher so eine symmetrische Beziehung. Deshalb ist die Art und Weise, wie ich mit meinen Geschwistern umgegangen bin, für meine Empfindungen in der Partnerschaft vielleicht viel wichtiger als die Art und Weise, wie meine Eltern mit mir umgegangen sind.

Wie prägend ist das Vorbild der Eltern?

Ulrich Giesekus: Ganz wichtig ist für eine Ehe, wie die eigenen Eltern miteinander umgegangen sind. Wenn es da etwa kein Vertrauen gab, tun sich auch die Kinder schwer damit.

Wie stark bin ich den Prägungen durch meine Geschwisterposition ausgeliefert?

Ulrich Giesekus: Auch wenn es widersprüchlich klingt: Viel wichtiger als die Position ist, wie sehr sie daran glauben, durch diese Position festgelegt zu sein. Leute, die wissen, dass sie sich verändern können, und die auch Kritik und Korrektur ihres Ehepartners ernst nehmen, verändern sich auch. Leute, die nicht glauben, dass sie sich verändern können, werden Kritik nicht annehmen und sich dann auch nicht verändern. Wenn ich also zum Beispiel glaube, dass ich das arme benachteiligte Sandwichkind bin, dann werde ich den Rest meines Lebens in Selbstmitleid baden. Und das wird mein Ehepartner nicht so toll finden. Wenn ich aber weiß, dass ich für meinen Ehepartner der eine, einzigartig geliebte Mensch bin, dann kann ich auch neue Erfahrungen machen.

Ulrich Giesekus

Foto: Privat