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Dienstag, 20. März 2012

Das Opfer, das Leben bringt

Die Frage, warum Jesus Christus gekreuzigt wurde, beschäftigt die Christenheit seit ihren Anfängen. Volker Kiemle hat den ehemaligen Bischof Walter Klaiber, als ausgewiesenen Kenner des Neuen Testaments, interviewt.

Immer wieder gibt es Streit darüber – vor allem, weil heute viele Christen von der Vorstellung des »Sühneopfers« verstört sind. Letztlich kommt es aber darauf an, der Bedeutung des Todes Jesu nachzuspüren, sagt der ehemalige Bischof Walter Klaiber.

Muss man an den Sühnetod Jesu Christi glauben, um Christ zu sein?

Walter Klaiber: Wenn man die Frage auf den Sühnetod fokussiert, dann würde ich sagen: nein. Es gibt auch im Neuen Testament unterschiedliche Weisen, den Tod Christi zu deuten. Neben dem Modell der Sühne gibt es auch die Stellvertretung – dass sich einer mit seinem Leben für andere einsetzt. Ich kann mir aber nicht vorstellen, Christ zu sein, ohne dem Tod Jesu eine Bedeutung zuzumessen. Aber ich kann nicht entscheiden, ob jemand ein Christ ist oder nicht. Insofern muss ich die Frage letztlich offen lassen.

Warum wird immer wieder über die Bedeutung des Todes Jesu gestritten?

Walter Klaiber: Zum einen ist für uns manches Denkmodell, mit dem der Tod Jesu im Neuen Testament erklärt wird, fremd geworden. Wir kennen etwa Opfer nur noch im übertragenen Sinne – die Vorstellung, dass durch das Opfer eines Tieres etwas bewegt wird, können wir nicht nachvollziehen. Zum anderen haben wir eine Tradition, die diese Botschaft oft ziemlich verzerrt dargestellt hat und wo Aussagen falsch zitiert werden.

Worin besteht die Verzerrung?

Walter Klaiber: Es ist etwa immer wieder von dem zornigen Gott die Rede, der nur dadurch vergeben kann, indem er seinen eigenen Sohn opfert. Damit wird der Gott Israels mehr oder weniger anderen Göttern gleichgesetzt. Das ist weder die Denkweise des Alten noch die des Neuen Testaments. Vielmehr sind Sühneopfer Zeichen und Handlungen, die die Menschen brauchen, damit ihr Leben untereinander und mit Gott wieder in Ordnung kommt. Gerade durch das Sühneopfer schenkt Gott Vergebung.

Das könnten die Menschen doch aber auch ohne Gott miteinander ausmachen ...

Walter Klaiber: Das ist der Knackpunkt: In unserem Bewusstsein hat Schuld nur in der Beziehung zu anderen eine Bedeutung. Und wir meinen, mit dem Satz »Ich vergebe dir« sei es geschehen. Doch das Alte Testament sieht in der Schuld mehr: eine Art Gift, die das Leben der Gemeinschaft zerstört. Diese Lebensvergiftung wird durch das Sühneopfer beseitigt. Das brauchen die Menschen – Gott braucht das nicht.

Was ist für uns heute an die Stelle des Sühneopfers getreten?

Walter Klaiber: Interessant ist, dass wir heute zwar nicht mehr in solchen Kategorien denken. Aber wir erleben sehr wohl, dass Schuld nicht einfach durch einen Akt des guten Willens beseitigt werden kann – das bestätigt auch die Tiefenpsychologie. Nicht umsonst haben sich hier biblische Begriffe wie etwa der Sündenbock erhalten oder die Rede davon, dass man jemanden in die Wüste schickt. So muss es zur Vergebung auch gewisse Zeichen geben – man spricht zwischen den Völkern auch von Sühnezeichen. Es geht dabei nicht um Entschädigung, sondern darum, dass deutlich wird: Was da zwischen uns steht, das ist beseitigt.

Aber damit wird Sühne auf einen tiefenpsychologischen Akt reduziert, der ohne Gott auskommt ...

Walter Klaiber: Wenn jemand meint, ohne Gott leben zu können, kann ich ihm das nicht absprechen. Für die Bibel ist Gott derjenige, der eine gedeihliche Gemeinschaft zwischen den Menschen vorgibt und trägt; und er ist auch der Adressat, wenn etwas schiefgeht und die Gemeinschaft wieder geheilt werden muss.

Was bedeutete der Tod Jesu für die ersten Christen?

Walter Klaiber: Sie standen unter Schock und hatten keine fertige Theorie. Erst die Begegnung mit dem Auferstandenen hat in ihnen das Bewusstsein geweckt, dass in diesem Tod ein tieferer Sinn liegen musste. Sie haben sich dann an entsprechende Andeutungen Jesu erinnert und im Alten Testament nach Spuren gesucht, die etwas über diesen Tod aussagen konnten. Sie haben unterschiedliche Spuren gefunden, und das hat dann zu unterschiedlichen Deutungen geführt.

Welche Deutungen sind das?

Walter Klaiber: Da ist etwa das Motiv des leidenden Gerechten: In der Geschichte Israels mussten immer wieder Propheten leiden oder wurden getötet, weil sie zur Sache Gottes standen. Dieses Modell greifen auch heutige Kritiker der Heilsbedeutung auf. Demnach ist der Tod des Gerechten vor allem Zeichen der Treue zur Sache Gottes. Gleichzeitig wurde deutlich, dass das für die Gemeinschaft, für die sich diese Leute eingesetzt haben, nicht ohne Bedeutung ist. Zumindest ist es ein Signal umzukehren. Bis heute ist das Kreuz ein Zeichen dafür, dass sich Christus in die Ungerechtigkeit der Welt hineinbegeben hat.

Und was ist mit dem Gottesknecht?

Walter Klaiber: Das vielleicht wichtigste Verstehensmodell kommt aus der Prophetie von Jesaja 53 – dem leidenden Gottesknecht. Hier wird von einem gesprochen, den Gott dazu bestimmt hat, die Schuld der Gemeinschaft, ja sogar der ganzen Welt, auf sich zu nehmen. Ein weiteres Modell kam aus der griechischen Mythologie: dass sich ein Mensch opfert für eine Stadt oder ein Volk, weil es zürnende Götter eben fordern. Das kommt im Neuen Testament nicht vor. Aber der Grundgedanke, dass sich in extremen Situationen einer für die Gemeinschaft opfert, um die Gemeinschaft zu retten, war eine Erklärungshilfe für den Tod Jesu.

Auf welchen Nenner lassen sich diese verschiedenen Deutungen bringen?

Walter Klaiber: Unabhängig vom einzelnen Erklärungsmodell ist die Tatsache, dass Jesus diesen Tod auf sich genommen hat, ein starker Erweis der Liebe Gottes. Gott will uns damit bis in die Tiefe des Todes hinein nahekommen! Das macht Paulus im Schluss von Römer 8 deutlich: Nichts kann uns von der Liebe Gottes scheiden.

Wie unterscheiden sich Schuld und Sünde?

Walter Klaiber: Sünde bezeichnet zuerst das Schuldigwerden vor Gott. Das Wort wird im Neuen Testament auch als Überbegriff für die Entfremdung des Menschen von Gott gebraucht, für das, was zwischen Gott und den Menschen steht. Schuld bezieht auch das Verhältnis zu den anderen Menschen mit ein. Hier geht es nicht nur um den objektiven Tatbestand, sondern um das Schuldigwerden anderen gegenüber.

Viele Menschen lehnen es ab, sündig zu sein, und geben stattdessen ihrer Natur oder den Umständen die Verantwortung für ihr Handeln. Wie lässt sich diesen Menschen der Kreuzestod nahebringen?

Walter Klaiber: Das Neue Testament beschränkt die Deutung des Todes Jesu nicht auf die Schuldfrage. Das ist zwar eine zentrale Frage. Aber die erwähnte Stelle aus Römer 8 zeigt, dass auch die Mächte, die uns von Gott trennen, eine große Rolle spielen. Ich würde diesen Menschen auch fragen, ob es wirklich so ist, dass sie sich in ihrem Handeln nur von ihrer Prägung leiten lassen können.

Paulus bezeichnet das Wort vom Kreuz als »anstößig«. Warum?

Walter Klaiber: Paulus zeigt, dass sich Gott in diesem Tod erniedrigt hat, um auch den Armen und Verachteten zu zeigen: »Ich bin ganz bei euch!« Damit ist das Kreuz auch ein Zeichen der Solidarität Gottes mit Menschen, die leiden müssen – und gleichzeitig eine Kritik an Menschen, die sich auf Kosten anderer groß machen. Diese Botschaft ist anstößig, weil sie letztlich vom Menschen auch fordert, die Zerbrochenheit der eigenen Existenz anzuerkennen, und gleichzeitig betont, dass Gott in diese Zerbrochenheit gekommen ist.

Die Sünde ist immer noch in der Welt. Ist Jesus vergeblich gestorben?

Walter Klaiber: Diese Frage muss jeden nachdenklichen Christen anfechten – gerade, weil auch die Christenheit eine Schuldgeschichte hat. Andererseits ist durch die Botschaft vom Kreuz die Liebe Gottes in diese Welt hineingekommen – eine Liebe, die Menschenherzen erfüllt und ansteckt und befähigt, für andere zu leben. Und das gilt bis heute, auch wenn es viele nicht sehen wollen. Das ist nicht einfach nur Humanismus: Die Verpflichtung zum Mitleiden ist sehr stark durch das Christentum in diese Welt gekommen.

Wie erklären Sie einem Kind, warum Jesus ans Kreuz genagelt wurde?

Walter Klaiber: Die äußere Ursache ist, dass Jesus so konsequent in seinem Einstehen für die Menschen war, dass die Herrschenden das als Kritik gesehen haben. Deshalb wollten sie ihn beseitigen. Dass Jesus dem Tod nicht ausgewichen ist, ist ein Zeichen für die Treue zu seinem Auftrag. Und genau darin hat er uns die Liebe Gottes ganz deutlich gezeigt.

Dr. Walter Klaiber

Foto : sxc .hu / slafko

Information

Dr. Walter Klaiber wurde am 17. April 1940 in Ulm geboren. Nach dem Studium der evangelischen Theologie wurde er Pastor der Evangelischen Gemeinschaft. Von 1969 bis 1971 war er Wissenschaftlicher Assistent bei dem Theologen Ernst Käsemann in Tübingen. Seine Doktorarbeit schrieb Klaiber über »Die Bedeutung der iustificatio impii (Rechtfertigung der Sünder, Anm. d. Red.) für die Ekklesiologie des Paulus«. Ab 1971 war er Dozent für Neues Testament am Theologischen Seminar (heute: Theologische Hochschule) der EmK in Reutlingen, ab 1976 dort Direktor. 1989 wurde Klaiber zum Bischof der EmK in Deutschland und West-Berlin gewählt, 1992 zum Bischof der EmK im vereinigten Deutschland. Seit 2005 lebt Klaiber im Ruhestand in Tübingen.

Buchtipp

Walter Klaiber: Jesu Tod und unser Leben. Was das Kreuz bedeutet, Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2011, 208 Seiten, Paperback, 12,80 Euro. ISBN 978-3-374-02845-0