Jahreslosung

Da wirkt eine Kraft, die nichts beim Alten lässt

Die Jahreslosung für 2012 ist ein Zuspruch für Verzagte. Und ein unter Schmerzen geborener Satz. Denn er schlägt zugleich eine dringende Bitte ab.

nämlich die Bitte, von unerträglichen Schmerzen befreit zu werden. Ist sie etwa ungehörig? Doch wohl nicht! Aber manches ist einfach so, wie es ist: schlimm, und die flehentlichste Bitte ändert nichts daran. Im zweiten Korintherbrief erzählt Paulus davon. Eine stechende Qual wurde er nicht los, obwohl er Gott anflehte. Sein Leiden blieb aber auch nicht unbeachtet. Paulus konnte vielmehr eine Bedeutung in ihm finden: »Ich soll nicht überheblich werden!«, entnahm er für sich daraus. Immer wieder begegne ich Menschen, die ihrem Leiden eine Bedeutung geben. Es wird dadurch erträglich.

Was nehmen wir einfach so hin?

Ob so eine Deutung angemessen ist, können Außenstehende oft schwer beurteilen. Schlimm finde ich, wenn dadurch etwas hingenommen wird, womit sich niemand abfinden sollte: eine entwürdigende Behandlung durch andere etwa, oder das Verharren in einem quälenden Konflikt, obwohl der durchaus lösbar wäre. In dieser Hinsicht habe ich manche kritische Rückfrage an das, was der Glauben im Leben von Christinnen und Christen bedeutet und bewirkt. Das bekannte Gebet von Reinhold Niebuhr ist nicht nur schön, sondern für den, der es mitbetet, auch herausfordernd: »Gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann. Gib mir den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann. Und gib mir die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.«

Denn das stimmt ja zum Glück auch: Wenn die Kraft von Jesus Christus in den Schwachen mächtig ist, bleibt nicht einfach alles beim Alten. Sondern da wirkt eine Kraft. Sein Zuspruch mobilisiert zum Beispiel Leute, die bisher passiv geblieben sind. Christus ist ein Leidensgenosse – das lässt Leute aufhorchen, die bisher ihr Leiden stumpf ertragen haben. Christus schenkt den Schwachen Beachtung, und das macht sie kräftig und mutig – gegenüber sich selbst und anderen. Immer wieder begegne ich Menschen, die ein Leiden beendet haben, welches sie sich und ihrer Familie zugefügt hatten – »mit Gottes Hilfe!«, setzen sie oft dazu.

Christi Kraft geht an den Schwachen nicht vorbei

Nicht alle Starken müssen erst geschwächt werden, bevor sie von Jesus Christus Kraft bekommen können. Schwache und Starke dürfen füreinander da sein und sich gegenseitig beschenken. Was aber nicht aus dem Blick geraten darf: Christi Kraft geht an den Schwachen nicht vorbei. Jede Kraft, die Schwache abdrängt, bevormundet, für Schwache wirken will ohne sie daran zu beteiligen – jede solche Kraft richtet viel Schaden an, und richtet sich am Ende gegen sich selbst. Eine wichtige Erinnerung in Zeiten, da zerstörerische Kräfte nicht nur nicht durchschaut, sondern immer von Neuem als Lösung aufgeboten werden.

Václav Havel, der 18. Dezember 2011 gestorbene tschechische Dissident und Präsident, konnte in Zeiten politischer Ohnmacht Sätze schreiben, die mir klare Sicht verschafft haben. Einer davon ist der: »Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht. « Der Wechsel von 2011 zu 2012 klingt für mich so: Lass dich nicht vom Bösen überwinden – die Kraft von Jesus Christus ist in den Schwachen mächtig!

Jörg Herrmann