Theologe Martin Kähler

Die Späne von der theologischen Hobelbank

Vertrauen in die biblische Botschaft wecken und stärken – das war eines der Hauptanliegen des Theologen Martin Kähler. Er verstand sich nicht nur als Professor, sondern auch als Studentenfreund.

Vor 100 Jahren, am 7. September 1912, starb in Freudenstadt der Theologieprofessor Martin Kähler. Geboren wurde er am 6. Januar 1835 im fernen Ostpreußen. Es ist derselbe Monat, in dem der ehemalige Tübinger Stiftler Wilhelm Nast (1807–1899) in den USA bei den Methodisten zur Heilsgewissheit gelangt. In jenem Jahr 1835 bringt aber auch Nasts zeitweiliger Zimmerkollege David Friedrich Strauß (1808–1874) sein Buch »Leben Jesu« heraus. War jenes berühmt-berüchtigte Buch in seiner radikalen Kritik dazu angetan, den Bibelglauben zu untergraben, so galt Martin Kählers Lebenswerk dem entgegengesetzten Anliegen. Gerade in den Studierenden seiner Zeit will er das Vertrauen in die biblische Botschaft wecken und stärken. Denn für ihn ist die Bibel die Urkunde der Selbstoffenbarung Gottes. Die aber gipfelt in dem Wirken, Lehren, Leiden und Sterben Jesu. Kählers Forschen und Lehren geschieht in fortwährender Auseinandersetzung mit den bibelkritischen Tendenzen seiner Zeit.

Zur Jahrhundertwende hält der damals berühmteste deutsche Theologe, Adolf Harnack (1851–1930), im kaiserlichen Berlin eine Vorlesungsreihe für Hörer aller Fakultäten über »Das Wesen des Christentums«. In seiner achten Vorlesung fällt der inhaltsschwere Satz: »Nicht der Sohn, sondern allein der Vater gehört in das Evangelium, wie Jesus es verkündigt hat, hinein.«

»Jesus lässt sich nicht vom Evangelium trennen«

Mit dieser steilen Behauptung setzt Martin Kähler sich in einem Vortrag auseinander, gehalten auf der Berliner Pastoralkonferenz, gedruckt unter dem Titel »Gehört Jesus in das Evangelium?« Seine Antwort gipfelt in der zugespitzten Aussage: Jesus ist selbst sein Evangelium. Denn Lehre und Person Jesu lassen sich nicht voneinander trennen. Sein öffentliches Wirken gehört mit seinem Sterben und Auferstehen untrennbar zusammen. Kähler weist darauf hin, dass gerade die Passion Jesu einen unverhältnismäßig breiten Raum im Neuen Testament einnimmt: Schon 1892 bezeichnet er pointiert die Evangelien als »Passionsgeschichten mit ausführlicher Einleitung«.

Wie berechtigt Kählers Einspruch ist, lässt sich immer wieder feststellen: So kann man noch heute hören, Missionare hätten anderen Völkern »das Christentum « gebracht. Biblisch ist das nicht: Die Apostel haben keine »Christentümer«, sondern Christus verkündigt, nicht eine Lehre, sondern eine Person. So schreibt Paulus: »Wir predigen den gekreuzigten Christus ... als göttliche Kraft und göttliche Weisheit« (1. Kor 1,23–24). Das Johannesevangelium (1,12) spricht davon, dass es darum geht, Jesus als Person anzunehmen.

»Studieren und Alleinsein mit Gott«

Kähler versteht sich nicht nur als Professor, der sich an den Intellekt der Studenten wendet und Wissen vermitteln will. Er ist ihnen auch ein väterlicher Freund, ja Seelsorger, der ein offenes Ohr für sie hat. In seinen Sprechstunden, in seiner Wohnung Gütchenstraße 14, nimmt er sich Zeit für seine Besucher: »Mein Lieber, meine Arbeit kann warten, aber Ihre Seele vielleicht nicht«, kann er sagen. 1867 wird er der erste Inspektor des Schlesischen Konvikts in Halle – dort fanden angehende Theologen aus Schlesien Aufnahme.

Aus seelsorgerlichen Gründen setzt er sich für Einzelzimmer ein. Er selbst pflegt die Einsamkeit vor und mit Gott. Daher hält er auch das Alleinsein mit Gott im Blick auf das geistliche Leben der Studenten für unendlich wichtig. Durch seinen jahrzehntelangen Umgang mit der akademischen Jugend, aber auch weil er sich selbst kennt, weiß Martin Kähler um die Gefahr, sich nur verstandesmäßig mit dem Evangelium zu befassen. Aus dieser Erfahrung ist folgendes Gebet aus seiner Feder erwachsen:

»Verborgener, Offenbarer, so nah und so fern, du einiger, wahrer Herr aller Herr’n, hilf aus den Gedanken ins Leben hinein, ganz ohne Wanken dein eigen zu sein.« Aus den Gedanken ins Leben! Darauf kommt es an; denn das Wort Gottes, das sich in Jesus verleiblicht hat, will auch in seinen Nachfolgern Gestalt annehmen. Eine Typhuserkrankung hatte einst den Jura-Studenten Martin Kähler an den Rand des Grabes gebracht. Das Erleben der Todesnähe konfrontierte ihn mit der Gottesfrage und brachte ihn zur Theologie.

Martin Kähler bleibt zeitlebens ein gesundheitlich Angefochtener. Kopfschmerzen sind seine häufigen Begleiter. Jemand hat über ihn geschrieben: »Vielleicht konnte er darum so in die Tiefe führen, weil sein körperlicher Zustand ihn dazu zwang, immer mit einem Fuß in der Ewigkeit zu stehen.«

»Starkes Herz und fester Sinn«

Im März 1912 sucht ihn eine schwere Krankheit heim. Sein letztes Kolleg schließt er mit dem Sommersemester ab. Dann reist er wie meist in den letzten Jahren nach Freudenstadt in das 1895 eröffnete Kurhotel »Palmenwald«. Hier schreibt er in sein Herrnhuter Losungsbüchlein: »Starkes Herz und festen Sinn, die Gebrechlichkeit zu tragen, schenke Vater, zum Gewinn diesen meinen letzten Tagen.«

Am 7. September 1912 ist er heimgegangen. Wie viele andere Theologie-Professoren liegt er auf dem Laurentius-Friedhof in Halle begraben. In seinen sogenannten »Spänen von der theologischen Hobelbank« notiert er am 9. Januar 1907: »Das Evangelium vom Kreuz kann nicht modernisiert werden, ohne seiner Kraft beraubt zu werden.« Das gilt es auch heute zu hören und zu beherzigen.