EmK Bremerhaven

»Er hat große Wunder getan!«

Weil die Gemeinde zu klein geworden war, sollte die EmK-Kirche in Bremerhaven verkauft werden. Doch Gott hatte andere Pläne. Am 1. Advent wurde die Kirche wieder eingeweiht.

Es gibt Dinge, die tun weh. Den Beschluss zu fassen, die eigene Kirche zu verkaufen, gehört sicher dazu. Und das nach 157 Jahren methodistischer Gemeinde am Ort. Was würden die Steine alles erzählen, wenn sie zu reden anfingen? Gute Zeiten, auch große Zeiten hatte die Gemeinde hier erlebt. Doch das war lange vorbei. Seit 40 Jahre schrumpfte der Bezirk. 1950 waren es noch drei Predigtorte, dann zwei, am Schluss versammelte sich noch ein gutes Dutzend in der Friedenskirche in Bremerhavens Stadtmitte. Wie sollen 12 immer ältere werdende Mitglieder ein solches Haus halten können? Und wozu? Neue Leute, gar Mitgliederaufnahmen waren rar geworden. Die lutherische Nachbargemeinde war bereit, der EmK einen Raum zu überlassen - oben im 1. Stock, ein bisschen wie das Obergemach der Jünger in Apostelgeschichte 1. Auch die Stimmung war ganz ähnlich.

»Wir sind doch zu alt«

2010, der Verkaufsbeschluss war vier Jahre alt und der Bezirk nun schon im 2. Jahr ohne Pastor, wagte die Norddeutsche Konferenz einen mutigen Schritt. Sie entsandte noch mal einen Pastor. So zogen wir als Familie nach Bremerhaven. Einerseits total ins Ungewisse, andererseits war es eine persönliche Berufung. Wir wussten uns von Gott an diesen Ort gesandt. Doch wie würde das werden?

»Wir sind doch viel zu alt. Und hier geht sowieso nichts« Diese Worte der ersten Gemeindeversammlung noch vor unserem Umzug sind mir gut in Erinnerung geblieben. Sollte ich mich so bei Gott verhört haben und die Bischöfin und die Superintendenten gleich mit? Mit Zittern und Zagen zogen wir um. Und bei der Gemeinde spürte man bei aller Freude, wieder einen Pastor zu haben, wenn auch nur einen halben, doch auch ein wenig schlechtes Gewissen: Dieser ganze Aufwand nur wegen ihnen!

Plötzlich war das Haus voll

Eine Woche nach Dienstbeginn luden wir zu uns nach Hause ein: Die ganze Gemeinde – kein Problem in solch einer überschaubaren Situation. Doch unser Haus drohte zu platzen, überall saßen Menschen. Wo kamen die her? An diesem 8. November 2010 versprachen wir einander, die methodistische Sache in der Stadt weiterzuführen.

Der Gottesdienstbesuch sprang auf etwa 25 Erwachsene und Kinder. Es ist eben schon etwas anderes, wieder einen Pastor vor Ort zu haben. Doch wohin mit den Kindern? Wir setzten eine Anzeige in die Zeitung: »Wer baut bei uns eine Kinderkirche auf?« Ein Freund spendete Geld dafür. Die ersten zwei Bewerberinnen besaßen selbst keine Bibel, eine war aber bereit, sich einzuarbeiten. Die dritte hatte eine ähnlich klare Berufung wie wir als Familie. Die Kinderzahlen wurden zweistellig.

Wir machten uns auf die Suche. Das liebevolle Angebot der Lutheraner lehnten wir ab. Missionarisch wäre das eine schwierige Situation geworden. Wir besichtigten Läden, Wohnungen und Gaststätten. Manchmal begannen wir zu träumen, manchmal drehten wir schon auf der Türschwelle um. In Bremerhaven mit fast 20 Prozent Arbeitslosen gibt es viel Leerstand. Trotzdem wollte sich nicht das richtige finden.

Auf dem Schlitten ums Hirtenfeuer

Wir begannen rauszugehen. Jeden Monat einmal OpenAir-Gottesdienst. Im ersten Jahr haben wir diese Taktzahl nicht geschafft, im zweiten fast. Und alle machten mit, auch alle Älteren. Der ersten OpenAir-Gottesdienst fand am 4. Advent 2010 auf dem Drachenberg statt. Der Drachenberg ist Bremerhavens höchste Erhebung: zwölf Meter über Normalnull. Wer würde kommen? Als wir dort ankamen, war halb Bremerhaven schon dort: es hatte geschneit und dort oben gab es die rasanteste und längste Abfahrt. Wir entzündeten das Hirtenfeuer und die Leute setzten sich auf ihre Schlitten rund um die Feuerschale. Das sind die, an denen wir einen Auftrag haben. Jede und jeder von uns spürte das.

Wir feierten Gottesdienst am Hafen, am Schleusengarten, an der Sportbootschleuse, auf dem Friedhof, am Dampfeisbrecher, auf dem Radarturm, in der Fußgängerzone. Wir kauften einen Anhänger für unser Equipment und als Werbung. Und immer ist unser Kreuz dabei, Viele in der Stadt kennen es nun schon.

Auch unser Gottesdienst wuchs. Saßen wir 2010 noch in zwei Reihen im Gottesdienst, so waren es bald drei, dann vier, mittlerweile stellen wir meist fünf Reihen für den Gottesdienst. Aus Zwölfen wurden 60 und das Wachstum hört nicht auf.

Kein Verkauf!

Am 25. September 2011 merkten wir, warum wir keine neuen Räume fanden. Wir waren inzwischen so viele, dass unsere alte Kirche genau passte. Der Verkaufsbeschluss wurde zurückgenommen. Doch wovon sollten wir die Instandsetzungsarbeiten bezahlen? Noch in der gleichen Woche bekamen wir einen Anteil an einer Erbschaft in Bremen und eine ältere Frau aus der Gemeinde gewann am Beschlusssonntag bei Aktion Mensch: Wenn das kein Zeichen ist!

Mehrere verpflichteten sich, drei Jahre lang jeden Tag einen Euro für die Gemeinde zu geben. Auf Sicht sollte gebaut werden. Immer genau so weit, wie das Geld reicht. Zuerst neue Fenster, damit das Heizen sich überhaupt wieder lohnt, dann Kinderräume, ein Behinderten-WC, ein Ausgang zum Garten und zuletzt die neue Küche. Am 1. Advent haben wir Wieder-Einweihung gefeiert. Bischöfin Rosemarie Wenner war extra angereist. Die Kirche platzte aus allen Nähten. Jede Treppenstufe wurde genutzt, um dort zu sitzen und auch zu essen. Die gleiche Stimmung wie damals bei uns im Wohnzimmer: Gott hat etwas mit uns vor!

Ob das Wachstum so weitergeht? Keine Ahnung! Das ist auch nicht das allerwichtigste, denn unser Auftrag lautet: »Heilende Gemeinschaft für eine gebeutelte Stadt.« Das sind wir und das leben wir. Das schönste ist: Das Dutzend, das noch da war, ist immer noch der Kern der Gemeinde. Nicht neben ihnen, sondern um sie herum ist das Neue gewachsen. Sie waren bereit, viel loszulassen: Ihre Kirche, ganz viele Traditionen, ja sogar ihre Gemeinde als Ganzes. Alles ist heute anders und das Tempo berauschend. Aber als sie wirklich losgelassen haben, hat Gottes es ihnen zurückgeschenkt. Wir sind eine wachsende Gemeinde.

Heute beten wir für 100 und wirklich weit weg ist das nun nicht mehr. Und so wie Gott ist, hat er noch einen draufgelegt und uns die Friedenskirche zurückgeschenkt. Ein berauschendes Fest haben wir gefeiert. Die Überschrift des Gottesdienstes steht 5. Mose 6, 22: »Vor unseren Augen hat er große Wunder getan«.

»Wir sind wieder da! EmK Bremerhaven« auf YouTube

Christhard Elle

Foto: privat