Bischof i.R. Walter Klaiber

Bischof i.R. Walter Klaiber

Interview Bischof i.R. Walter Klaiber

»Jede gute Predigt ist ein Kunstwerk«

Am 21. November erhält Walter Klaiber den ökumenischen Predigtpreis des Verlags der Deutschen Wirtschaft. Damit wird der Autor, Dozent, Seminardirektor und Ruhestandsbischof für sein Lebenswerk geehrt.

Im Gespräch mit Volker Kiemle erzählt Klaiber, was eine gute Predigt ausmacht und warum eine Predigt die Zuhörer auch aufrütteln darf.

Herr Klaiber, was ist eine gute Predigt?

Walter Klaiber: Eine gute Predigt ist die Auslegung eines biblischen Textes, die dessen Botschaft aufnimmt, sie für den heutigen Hörer verständlich macht und die es schafft, diese Botschaft in das Leben der heutigen Hörer hineinzutragen. Natürlich kann eine Predigt auch ohne Bibeltext funktionieren – ich finde das aber eher schwierig, weil ein Text immer eine Hilfe ist, sich zu konzentrieren. Bei einer thematischen Predigt muss man aufpassen, dass es nicht zu einem Vortrag wird.

Was ist da der Unterschied?

Walter Klaiber: Ein Vortrag entfaltet ein Thema von einem eher distanzierten Standpunkt aus, während eine Predigt dieses Thema den Hörerinnen und Hörern auch zusprechen sollte. Und zwar so, dass es für sie nicht nur ein verstandesmäßiges Erlebnis wird, sondern ihr Leben als Ganzes anspricht, ihnen hilft und sie vielleicht auch korrigiert.

Wie lernt man gut zu predigen?

Walter Klaiber: Das ist keine einfache Frage. Eine Predigt ist ein Kunstwerk. Und auch Kunst kann man nur begrenzt lernen. Allerdings gibt es ein paar handwerkliche Regeln, die man lernen kann: wie eine Predigt aufgebaut wird, wie man sich gut vorbereitet. Auch das Nachdenken über die Bedeutung des Textes für heute gehört dazu. Das ist allerdings genau der Punkt, den man methodisch am wenigsten lernen kann. Man hat das früher die Meditation genannt: Hier fällt irgendwann einmal der Groschen, und ich erkenne, was die Botschaft, die damals gesagt wurde, möglicherweise den Menschen heute bedeutet.

Wie hat sich Ihre Art des Predigens im Lauf Ihres Lebens verändert?

Walter Klaiber: Das können andere sicher besser beurteilen. Aber ich denke, meine Predigt ist lebensnäher geworden, weil ich selbst viele Erfahrungen gemacht habe. Als junger Theologe predigt man vermutlich eher zu theoretisch. Aber im Grundduktus habe ich für mich eine sehr bewährte Form gefunden. So lese ich in der Regel den Bibeltext nicht am Anfang, sondern führe die Zuhörer hin. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass eine Lesung zu Beginn an den Menschen vorübergeht – das ist für die meisten eine relativ fremde Welt.
Wenn ich vorher schon erkläre, welcher Frage ich mit Hilfe des Textes nachgehen möchte, dann ist das leichter zu verstehen. Zum Zweiten habe ich in der Regel drei Punkte, die ich auch klar formuliere. Wichtig ist auch eine klare Zusammenfassung.

Welchen Einfluss hat der Prediger darauf, dass die Menschen mit der Predigt auch mitgehen?

Walter Klaiber: Der Einfluss ist natürlich begrenzt. Man kann klar und deutlich formulieren, aber jeder Prediger und jede Predigerin wird feststellen, dass ganz Unterschiedliches ankommt. Das ist zunächst überhaupt nicht problematisch. Manchmal missverstehen die Leute sogar etwas, und das kann in ihrer Situation genau richtig sein. Manchmal stößt eine Predigt Gedanken bei den Zuhörern an, denen sie während der Predigt nachhängen. Dabei verlieren sie vielleicht den Faden, aber für sie selbst ist das eine wichtige Sache.

Worüber haben Sie am häufigsten gepredigt?

Walter Klaiber: Über Römer 1,16 und 17: »Denn ich schäme mich des Evangeliums nicht: Es ist eine Kraft Gottes, die jeden rettet, der glaubt, zuerst den Juden, aber ebenso den Griechen. Denn im Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart aus Glauben zum Glauben, wie es in der Schrift heißt: Der aus Glauben Gerechte wird leben.« Auch über andere Paulus-Texte habe ich häufig gepredigt. Aber immer wieder habe ich bewusst andere Texte gewählt, um nicht zu einseitig zu werden.

Erinnern Sie sich an einen Text, der Ihnen Mühe bereitet hat?

Walter Klaiber: Als junger Pastor habe ich mir vorgenommen, die Perikopen zu predigen, um meine persönliche Auswahl nicht zu sehr in den Vordergrund zu drängen. Leider bin ich im ersten Jahr in die sechste Predigtreihe geraten. Da gibt es viele Texte aus dem Hebräerbrief und der Offenbarung. Ich erinnere mich, dass ich mich damit sehr gequält habe – und die Gemeinde gelegentlich sicher auch.

Welchen Stellenwert hat die Predigt derzeit in unseren Gottesdiensten?

Walter Klaiber: Nach meiner Beobachtung gewinnt die Predigt wieder an Stellenwert. Vor Jahren war man etwas nachlässig, da schien nur die Gottesdienstgestaltung wichtig zu sein. Das hat sich verändert – bei den Hörern und – ich hoffe – auch bei den Predigern.

Woran liegt das?

Walter Klaiber: Es ist ein menschliches Bedürfnis, etwas klar gesagt zu bekommen. Nicht diktiert – man muss sich damit auch auseinandersetzen dürfen. Ich höre manchmal Klagen über Bibelstunden, in denen man sich nur über den Text unterhalten hat. Die Leute möchten aber von dem Fachmann, also vom Pastor oder der Pastorin, etwas wissen. So liegt die Chance der Predigt darin, einen Aspekt der Botschaft klar und verständlich weiterzugeben.

Brauchen wir mehr aufrüttelnde Predigten?

Walter Klaiber: Vermutlich ja. Die meisten von uns Predigern haben den Eindruck, dass den Menschen in dieser unsicheren Zeit Bestärkung gut tut. Das ist sicher richtig, aber möglicherweise kommt dabei das Korrigierende, Aufrüttelnde zu kurz. Vielleicht auch deshalb, weil viele aus meiner Generation eine Überbetonung des Predigens vom Gericht erlebt haben.
Ich will daher auch nicht eine grundsätzliche Richtungsänderung fordern. Aber ich frage mich manchmal, ob ich auch die unbequemen Seiten des Evangeliums beachte.

Was bedeutet Ihnen der Predigtpreis?

Walter Klaiber: Ich habe mich darüber gefreut – aus verschiedenen Gründen. In der deutschen Öffentlichkeit wird das Wirken der kleineren Kirchen oft überhaupt nicht beachtet. Der Preis ist ein Zeichen, dass es doch nicht ganz übersehen wird. Zudem würdigt der Preis die Predigt im ökumenischen Kontext. Das ist für mich auch eine persönliche Anerkennung, weil ich in diesem Bereich viele Jahre tätig war.