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Wer wird der nächste »mächtigste Mann der Welt«?

Am 6. November wird in den USA der 45. Präsident gewählt. Der Wahlkampf polarisiert die Bevölkerung – es ist kaum möglich, nicht Stellung zu beziehen.

Die Baden-Württembergerin Tabea Münz arbeitet derzeit in einer EmK-Gemeinde in Washington. Sie schildert den Wahlkampf und die Stimmung in den Kirchen aus ihrer Sicht.

Die Aktionen und Debatten um die Präsidentschaftswahl in den USA sind um einiges spannender als eine Bundestagswahl in Deutschland. Wer kann sich schon vorstellen, ein Abendessen mit der Kanzlerin Merkel und ihrem Ehemann zu gewinnen, weil man für ihre Wahlkampagne gespendet hat? Kein Problem für Barack Obama und Mitt Romney. Beide Kandidaten wissen genau, wie man die Gunst der Wähler gewinnen kann. Und vor allem, dass man die Gunst der Wähler gewinnen kann, indem man ständig nur auf die Fehler des Gegners aufmerksam macht.

Doch die ständige Ketzerei wird ermüdend, vor allem wenn sie einem tagtäglich in allen Nachrichten begegnet. Möchte man beispielsweise auf dem Internet-Dienst »youtube« ein Video anschauen, öffnet sich oft ein zehn Minuten langer Werbefilm, der auf höchst dramatische Weise zeigt, was Romney oder Obama falsch machen. Dabei geht es um Fragen wie: Wird Romney denn nun wirklich neue Arbeitsplätze schaffen? Wer kümmert sich mehr um die Lateinamerikaner im Lande? Wird die neue Krankenversicherungsreform von Obama im Keim erstickt?

Das größte Problem ist meiner Meinung nach die extreme Polarisierung. Wer konservativ ist und ein gutes Einkommen hat, das er nicht durch zu hohe Steuern verlieren will, ist Republikaner. Wer eher liberal ist und zudem findet, dass auch mittellose Bürger eine Krankenversicherung brauchen, stellt sich zu den Demokraten. Doch was, wenn man sich in der Mitte bewegt? Es ist schwer, eine Balance in der »Schwarz-Weiß«-Politik der USA zu finden. Wie gehen wir in der Kirche damit um? Ich arbeite in einer kleinen, deutsch-amerikanischen Kirche, nur drei Blocks vom Weißen Haus entfernt. Diese Gemeinde gehört gleichzeitig zwei Denominationen an: der United Methodist Church und der United Church of Christ. Obwohl der Präsident der USA praktisch unser Nachbar ist, reden wir nicht viel über ihn. Aber man weiß so unter vorgehaltener Hand, wer zu welchem »Lager« gehört. Manche sprechen ganz öffentlich von ihrem Misstrauen über Obama, andere erzählen stolz von ihrem demokratischen Picknicktreffen, aber grundsätzlich gilt das Motto: »We don’t talk about politics « (»Wir reden nicht über Politik«).

Das sieht in anderen Kirchen natürlich anders aus. Ich kenne Pastoren, die einem geradezu den Wahlzettel von der Kanzel aus ausfüllen. Vor allem in den afroamerikanischen Kirchen wird oft leidenschaftlich für den »Black President« gebetet.

Als Deutsche fällt es mir sehr schwer, die große Angst und Ablehnung gegenüber der Krankenversicherungsreform im Wahlkampf zu verstehen. Ich selbst habe erst in den USA erlebt, was es bedeutet, Angst vor Arztrechnungen zu bekommen. Und wenn man an unsere Steuern in Deutschland denkt, kann man nur schmunzeln, wenn sich Amerikaner über zu viel Staatseinmischung beschweren.

»God bless America?« In Deutschland ein nicht vorstellbarer Leitspruch für einen Kanzler. Doch ich bete um Gottes Segen für all die Menschen, die wählen können. Ob sie eine Wahl treffen, die diesem Land weiterhelfen kann?

Tabea Münz

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