DDR-Wende

Wertvolle Erfahrungen

Die Zeit nach 1989 war auch in der EmK eine Zeit voller Umbrüche und Veränderungen. Bischöfin Rosemarie Wenner erinnert sich und wirft gleichzeitig einen ganz persönlichen Blick auf die Geschichte der EmK-Vereinigung.

Auch in der Kirche erlebten wir spannende Monate in der »Wendezeit«. Ich war damals  Jungscharsekretärin im Südwesten. Wir trafen uns 1990 mit den Verantwortlichen des Kinderwerks der Ostdeutschen Jährlichen Konferenz. »Jetzt könnt ihr auch mit Jungscharen beginnen«, drängten wir. Wir wollten weitergeben, was uns wichtig war. »Merkt ihr nicht, dass nur Westdeutsche reden?« Mit dieser Bemerkung unterbrach ein Pastor aus dem Erzgebirge ein engagiertes Gespräch unter Wessis über »gemeinsame« Pläne.

In etlichen Kirchen und christlichen Werken kam es schnell zu offiziellen Vereinigungen. Wir ließen uns bis November 1992 Zeit, um die gemeinsame Zentralkonferenz zu bilden. Einige haben vermutlich insgeheim erwartet, dass wir bis dahin schon zusammenwachsen könnten. Die erste Tagung fand in Berlin statt. Wo sonst? Ich war mit der Leitung des Ausschusses für Christliche Erziehung und Bildung beauftragt. Für die Delegierten aus dem Westen war es selbstverständlich, dass methodistische Kinder den evangelischen Religionsunterricht in den Schulen besuchten. Die Geschwister aus der früheren DDR wollten den Kirchlichen Unterricht aller Klassen als Teil der Gemeindearbeit beibehalten. Mir leuchtete ein, dass dies eine besondere Chance in sich birgt. Trotzdem habe ich die gängige Praxis in meiner Gemeinde nicht verändert und ich kenne keine Gemeinde in den westlichen Konferenzen, in der die Pastorin den Klassen 1 bis 6 Unterricht erteilt.

1992 erwarteten viele, dass wir mit Hilfe des Konferenzfinanzausgleichs recht bald zu einem einheitlichen Gehaltsniveau für alle Hauptamtlichen kommen würden. Doch die Unterschiede im Einkommen und in den Arbeitsbedingungen im pastoralen Dienst zwischen den drei Konferenzen werden größer, nicht kleiner. Wir üben uns darin, um Gemeinsamkeit zu ringen, uns aber auch Freiheit zu geben, wenn wir uns nicht einigen können.

Wir lernen, regionalen Unterschieden Rechnung zu tragen, um Menschen in ihrem jeweiligen Kontext mit dem Evangelium zu erreichen. Dies gilt nicht nur zwischen Ost und West. Methodisten in der norddeutschen Diaspora unterscheiden sich von Sachsen und von Schwaben. In einem Dorf sieht kirchliche Arbeit anders aus als in der Großstadt. Trotzdem sind die Erfahrungen in 40 Jahren Diktatur es wert, in ganz Deutschland gehört zu werden. Wirken sie doch bis heute nach. Wenn es um Gleichgültigkeit der Kirche gegenüber geht, werden wir uns in Baden-Württemberg morgen vielleicht mit ähnlichen Haltungen zu beschäftigen haben wie heute in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern. Wir können uns gegenseitig helfen, unter sich verändernden gesellschaftlichen Bedingungen Kirche Jesu Christi zu sein.

Die Norddeutsche Jährliche Konferenz ist die einzige, die in ihrem Gebiet Gemeinden aus beiden früheren Zentralkonferenzen vereinigt. Sie wusste diesen Schatz zu heben. Das Zusammenwachsen in der einen verbindenden « Konferenz ist nach meiner Einschätzung sehr gut gelungen.

Die junge Generation hat die DDR, die »Wende« und den Zusammenschluss nicht miterlebt. Vermitteln wir Begegnungen mit Zeitzeugen? Wie ermöglichen wir es, dass Junge und Alte aus der Vergangenheit etwas lernen für das christliche Zeugnis in unserer Zeit? Der Preis für dieses Zeugnis mag nicht so hoch sein, wie ihn Christen in der DDR zu zahlen hatten. Es braucht dennoch Mut und Übung, verständlich von Gott zu reden. Und politische Einmischung ist auch heute nötig, in Ost und West.

Bischöfin Rosemarie Wenner

Foto: Rolf Wenkel / pixelio.de