Gerechtigkeit und Frieden

Wie Gerechtigkeit wächst

Katastrophen, Krisen, Not: Was sich derzeit in der Welt abspielt, bietet auf den ersten Blick nur wenig Grund zum Danken. Sollten wir das Erntedankfest also abschaffen?

Hans Martin Renno spielt diesen Gedanken durch.

Seit Monaten erschrecken uns immer neue Meldungen: Gewalt und Terror in Syrien, Atomkonflikt mit dem Iran, Dürre und damit Missernte in den USA, Eurokrise, drohende Altersarmut... Aus der Sicht der Themenbereiche »Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung« betrachtet ist es trostlos und hoffnungslos um unsere Welt bestellt. Also lassen wir das Erntedankfest besser – und ehrlicher – ausfallen?

Als ich meiner Tochter gegenüber diesen Gedanken äußere, empört sie sich heftig: Es stimmt, dass es viel Gewalt und Unrecht auf dieser Erde gibt. Viele Menschen leiden Not. Viele Menschen leiden unter Hunger. Gewiss – und Gott sei Lob und Dank – wir nicht. Wir haben ein Dach über dem Kopf, wir haben genügend Geld, um uns Kleidung und Nahrungsmittel zu kaufen. Aber wenn wir aufhören, uns zu bedanken, wenn wir Dankbarkeit nicht mehr spüren, wahrnehmen und äußern, dann ist all den notleidenden Menschen doch auch nicht geholfen; dann wird das Miteinander der Menschen und die zwischenmenschliche Atmosphäre bei uns ja auch noch unerträglich!

Diese Empörung (meiner Tochter) schreckt mich auf. In der Tat: Wenn wir uns nicht mehr bedanken, wenn wir Dienstleistung und Hilfe nicht mehr mit dem Wort »Danke« beantworten oder quittieren oder honorieren, sondern als selbstverständlich erachten oder gleichgültig hinnehmen, dann geht uns die Beziehung zum Mitmenschen verloren und auch der Bezug zum Leben, das wir nicht verdient haben, sondern das ein unverdientes Geschenk ist. Dann verlieren wir auch den Bezug zu Gott, dem Schöpfer und Erhalter und Erneuerer des Lebens!

Und noch etwas: Die Dankbarkeit, die wir empfinden und äußern, hält uns sensibel dafür, dass es genügend – und leider viel zu viel – Menschen auf dieser Erde gibt, die eigentlich keinen Grund zum Danksagen haben. Und diese Dankbarkeit will uns befähigen, unsere Herzen, unsere Sinne, unsere Hände und unsere Geldbeutel zu öffnen, um Menschen zu helfen, damit auch sie überzeugt und von Herzen »Danke« sagen können.

So lehrt uns das Erntedankfest 2012, erst auf das zu schauen, wofür wir voller Freude und von Herzen »Danke« sagen können, um dann in Demut und voller Sehnsucht nach Gerechtigkeit danach zu suchen und darauf zu sehen, wo und wie ich bzw. wo wir etwas beitragen können, damit ein gerechter Ausgleich (nachhaltig) wachsen kann – durch Teilen unseres Geldes, unserer Lebensmittel, unserer Kleidung, unseres Wohnraumes...

Hans Martin Renno

Foto: SXC.HU/AYLA87