Advent

Bereit für den unkomplizierten Besucher

Im Advent erwarten wir die Ankunft Jesu in der Welt. Deshalb schmücken wir unsere Häuser, Wohnungen und Kirchen.

Aber Gottes Sohn braucht kein ausgeklügeltes Programm, keine gezielte Konversation, sagt Benjamin Huth. Er will einfach nur da sein.

Piep! Piep! Piep! Piep, piep, piep! Pipipipipipipipip! Aus! Der Wecker beendet den Schlaf. Die Augen noch halb geschlossen, geht es in die Küche zum Kaffeekochen. Dann ins Bad, Zähne putzen, anziehen. Dann wieder in die Küche, den Kaffee in den Thermosbecher, Mittagsbrote in den Rucksack und los geht es. Beim Bäcker unten im Haus kaufe ich noch zwei Brötchen auf die Hand. Die kann ich gut auf dem Weg zur Arbeit essen.

Schon fange ich an, die Aufgaben, die heute im Büro auf mich warten, zu durchdenken. So viele Dinge schwirren durch meinen Kopf. Über die große Brücke laufe ich zur U-Bahn. Rotgolden geht die Sonne auf. Eigentlich hätte ich Lust, stehen zu bleiben und zuzuschauen, wie sie die Stadt in ihr Licht taucht.

Der Menschenstrom schiebt mich weiter. Ein goldener Streifen verläuft quer über den Himmel. Ein Flugzeug zieht ihn hinter sich her, an Bord neben Touristen und Personal sicherlich auch ein paar Leute die geschäftlich unterwegs sind. New York und Washington vielleicht. Acht Stunden Flug für ein Meeting, zwei Termine vor Ort, die Übernachtung spart man sich, gleich wieder zurück mit dem Flieger – eine Umstellung auf die neue Zeitzone: reine Zeitverschwendung.

Krieg, Katastrophen, Skandale

In der U-Bahn stecke ich mir die Knöpfe in die Ohren. Solange wir noch oberirdisch fahren ist es Zeit die Nachrichten im Radio zu verfolgen: Krieg, Katastrophen, Skandale – eigentlich interessiert es mich nicht, aber ich kann ja nebenbei auf dem »Infotainment«-Bildschirm der U-Bahn etwas über die Stars und Sternchen lesen. Zeit, dass ich aussteige. Auf den letzten Metern zur Arbeit schnell noch die Brötchen verdrücken und dann startet der Büroalltag.

Die Kopf- und Rückenschmerzen: hausgemacht. Auch dass ich nachts nicht zur Ruhe komme, dass ich mit meinen Gedanken ständig woanders bin … woanders.

Wie schrieb der französische Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry treffend? »Man ist nie zufrieden dort, wo man ist.« Das sagt der Weichensteller zum kleinen Prinzen, der wissen will, warum ständig die Züge in verschiedenen Richtungen an ihnen vorbeirauschen.

Vorbeirauschen. Das ist das Gefühl, wenn ich in meinem vollgeschriebenen Terminkalender blättere. Nun ist schon wieder Advent. Hatte das Jahr nicht gerade erst angefangen? Ich muss mich noch bewerben! Ende des Jahres läuft wieder einmal mein Arbeitsvertrag aus. Dabei muss ich froh sein, dass ich nicht zur »Generation Praktikum«, sondern nur zur »Generation Befristung« gehöre. »Wer rastet, der rostet! Man muss flexibel sein! Netzwerke und Kontakte knüpfen, immer mehrere Eisen im Feuer haben.«

Längst sind diese Sprüche eine Farce. Der ständige Wandel ist mir ein heilloses Durcheinander. Ein Vierteljahr braucht man, um sich im neuen Aufgabengebiet zurechtzufinden. Ein Vierteljahr vor Vertragsende fragt man sich, welches neue Projekt man noch in Angriff nehmen sollte und ob man es noch fertig bekommt. Vor allem aber beschäftigt man sich mit der Frage, wie es danach weitergeht.

Wann ist der richtige Zeitpunkt?

Ob sich das für den Arbeitgeber wirklich lohnt, mich immer nur für ein Jahr anzustellen? Und was, wenn ich nichts im Anschluss kriege? Oder nur weit weg? Wenn wir gleich wieder ausziehen müssen aus unserer neuen Wohnung, in der noch die nackten Glühbirnen an der Decke hängen, in der wir noch nicht mal richtig angekommen sind?

Und da bin ich froh, dass ich schon eine Familie gegründet habe, auch wenn das manchmal mehr Verantwortung mit sich bringt, als mir lieb ist. Was ist mit meinen gleichaltrigen Kolleginnen und Kollegen? Einige warten noch auf »die Richtige« beziehungsweise »den Richtigen«. Vor allem aber warten sie auf den »richtigen Zeitpunkt«. Wann soll der sein? Mit 40?

Die rastlose Generation

Wir sind eine unstete, rastlose Generation. Wir haben es nicht nur verlernt, uns festzulegen, es wird uns gründlich ausgetrieben. Kurzfristige Profitmaximierung, temporäres Engagement, Gentrifizierung. Ob Politik, Wirtschaft oder Schulbildung. Jeder Tag ist neu und das Geschwätz und die Festlegungen von gestern zählen nicht mehr. Wir sind eine getriebene, rastlose Gesellschaft.

Am Nachmittag erinnert mich mein Handy, dass heute ausnahmsweise ich die Kinder abholen soll. Nicht zu spät! Wir müssen auf dem Heimweg noch einkaufen. Der Zettel ist im Portemonnaie. Und dann flink nach Hause, denn wir müssen noch aufräumen und putzen; Freunde kommen zu Besuch. Eigentlich müssten wir weder aufräumen noch putzen. Unsere Freunde sind unkompliziert und anspruchslos. Kein ausgeklügeltes Programm, keine gezielte Konversation. Wir wollen einfach nur ein bisschen Zeit miteinander teilen. Die Kinder dürfen miteinander spielen, es gibt ganz normales Abendbrot, mit Tee, Käse, Wurst, Gemüseschnitze und Stullen – nichts Besonderes.

Aufräumen für die besonderen Momente

Das sind die Momente im Leben, in denen wir uns angekommen fühlen. Wir kennen uns schon seit Jahren und brauchen uns nichts vormachen. Wir kennen unsere Gaben und Marotten. Und wir bräuchten nicht aufräumen und sauber machen, weil sie kommen. Genau darum tun wir es besonders gern. Das Aufräumen gehört mit zu den Vorbereitungen. Es ist zwar anstrengend, aber es ist schon Teil des Besuches.

Und wann hat man schon mal so einen guten Grund, Küche und Wohnzimmer in vorzeigbaren Zustand zu versetzen? Noch während des Staubsaugens klingelt es an der Tür und sie sind da! Die Kleine braucht noch fünf Minuten zum Auftauen, dann verschwindet die tobende Meute im Kinderzimmer und wir Erwachsenen hängen uns gemeinsam aufs Sofa und quatschen. Ein unspektakulärer Spätnachmittag, ein entspanntes, unspektakuläres Abendbrot – wundervoll. Und als die Freunde dann gestehen, sie hätten Tiramisu mitgebracht zum Nachtisch …

Warum können nicht alle Tage so sein – entspannt, im Hier und Jetzt, einfach mal angekommen im Leben? Angekommen. War da nicht irgendwas dieser Tage? Ach ja: Advent ist das Fachwort. Jesus hat sich angekündigt. Aber wie jedes Jahr denken wir, es sei Weihnachten, das kommt. Er will kommen. Und wir schmücken und putzen und bereiten vor für »das Fest«. Er will kommen. Alles muss vorbereitet sein, für die leuchtenden Kinderaugen, die festliche Stimmung. Plätzchen müssen gebacken, Tannenzweige geschnitten und alle Verwandtschaft mit Grußkarten bedacht sein.

Er will kommen. Er ist unkompliziert und anspruchslos, nimmt sogar mit einem unaufgeräumten Stall vorlieb, das hat gute Tradition bei ihm, seit über 2.000 Jahren. Kein ausgeklügeltes Programm, keine gezielte Konversation. Er will einfach nur da sein. Er kennt uns schon seit Jahren, mit unseren Gaben und Marotten. Ihm brauchen wir nichts vormachen. Für ihn brauche ich nicht aufräumen, er will einfach nur da sein – er ist es schon. Mitten in meinem Alltag. Eigentlich ist nicht er es, der ankommen muss, sondern ich.

Benjamin Huth

Foto: wikipedia.org / Julian Nitzsche / CC BY-SA 3.0