Wort auf den Weg

Dank und Buße an Erntedank

Wort auf den Weg von Anette Obergfell – Die Paradiesgeschichte wird zur Parabel für unsere Wirklichkeit: Weil Einzelne alles haben wollen, verlieren alle.

Lebensmittel sind – wie der Name sagt – Mittel zum Leben. Ohne diese Gaben müssten wir Hunger leiden und sterben. Die Einsicht über diesen Zusammenhang ist uns in unserer Wohlstandsgesellschaft vielleicht schon abhanden gekommen, in anderen Ländern ist das bittere Realität: Lebensmittel sind lebensnotwendig. Sie sind von ungeheurem Wert für uns Menschen – und trotzdem wird allein in Deutschland rund die Hälfte aller Lebensmittel weggeworfen. Ein Teil schafft es noch nicht einmal in den Handel, weil er bereits bei der Ernte als nicht normgerecht aussortiert wird. Ob wir an Erntedank etwas davon ahnen?

Dank und Buße an Erntedank

Erntedank führt uns eine unglaubliche Vielfalt von Obst und Gemüse, von Formen und Farben vor Augen. Die Erntedanktische wollen uns in ihrer Fülle, Mannigfaltigkeit und Schönheit die Großzügigkeit Gottes deutlich machen. Das ist Grund zum Loben und Danken. Dass statistisch gesehen die Hälfte dessen, was auf unseren Erntedanktischen liegt, im Müll landet, damit aber locker die Hungernden der ganzen Welt ernährt werden könnten – das ist Grund zum Klagen und ein Aufruf, Buße zu tun.

Dank und Buße – an beides erinnert auch die Paradiesgeschichte aus 1.Mose 2. Die Paradiesgeschichte schildert Gottes Schöpfung als einen fruchtbaren Garten, der seinen Bewohnern eine große Vielfalt an Lebensmitteln bietet. Aber schon im Paradies ist der Umgang mit Lebensmitteln nicht problemlos. Gott stellt Adam und Eva alle Früchte des Paradiesgartens zur Verfügung – mit einer Ausnahme. Ein einziger Baum wird – zum Wohl des Menschen – von der Speisekarte gestrichen. Und die Übertretung dieser Grenze zeigt: Es ist zum Schaden für den Menschen und mit ihm für alle Lebewesen – das Paradies geht verloren.

Wir leben wie im Paradies …

Jedes Paradies hat also Regeln und Grenzen. Wie viel mehr als für den Garten Eden gilt das für unsere Konsumgesellschaft! Die Paradiesgeschichte wird zur Parabel für unsere moderne Wirklichkeit: Lebensmittel sind genügend da, ausreichend für alle. Doch weil Einzelne alles haben wollen, verlieren alle. Die ständig verfügbare und uneingeschränkte Fülle an Lebensmitteln, die in den Industrienationen vorgehalten wird, produziert Hunger in anderen Teilen der Welt.

Ein Gang in den nächsten Laden macht die scheinbar paradiesischen Zustände bei uns deutlich: In den prall gefüllten Frischeregalen steht nur das Beste vom Besten: frisch aussehende Früchte ohne jeden Makel und aus aller Herren Länder. Wer mag schon einen verschorften Apfel, eine krumme Möhre oder eine angeschlagene Kartoffel essen, wenn er perfekt gewachsene Früchte haben kann? Und natürlich müssen die Waren auch immer frisch sein, und selbst kurz vor Ladenschluss wollen wir bitteschön die komplette Auswahl an der Bäckertheke oder im Gemüseregal haben. Was eine Stunde später damit passiert, interessiert uns nicht. Hauptsache, am nächsten Tag haben wir wieder die uneingeschränkte Auswahl an neuen, frischen Waren.

Doch es darf uns nicht egal sein, was mit unseren Lebensmitteln passiert. Ein Umdenken tut Not. Das Erntedankfest kann uns an beides erinnern: an das Danken für die Fülle von Gottes Gaben und an unsere Verantwortung, mit der Fülle so umzugehen, dass alle Menschen sich daran freuen und davon leben können.

Anette Obergfell