Advent

Die doppelte Verheißung

– eine überraschende Entdeckung. Gerade in der Advents- und Weihnachtszeit spielt das biblische Buch Jesaja eine große Rolle. Schon deshalb ist es lohnend, sich mit diesen Texten näher zu befassen.

Der Theologe Julius Steinberg gibt uns einen guten Überblick. Advent heißt Ankunft: die Ankunft des von Gott gesandten Retters. In der Advents- und Weihnachtszeit erinnern wir uns daran, dankbar und fröhlich, dass Jesus Christus in unsere Welt kam, dass er als Kind geboren wurde, als Kind, in dem und durch das »Gott mit uns« (hebräisch: Immanuel) ist. Ohne diesen Retter wären wir verloren. Wir wären ohne Trost in unseren Sorgen und Belastungen, ohne Hilfe in unguten Verstrickungen, ohne Ausweg im Scheitern. Ohne die befreiende Vergebung von Schuld, ohne die Möglichkeit der Versöhnung mit Gott, ohne Hoffnung im Angesicht des Todes.

Advent heißt Ankunft: Auch zur Zeit des Propheten Jesaja warteten die Menschen auf einen Retter. Aber nicht in der dankbaren Rückschau wie wir, sondern voller Angst und Bangen. Mit drastischen Worten eröffnet Jesaja sein Buch und beschreibt die tiefe Krise, in der Israel steckt (Jesaja 1,5–7): »Das ganze Haupt ist krank und das ganze Herz ist siech. Von der Fußsohle bis zum Haupt ist keine heile Stelle an ihm: Wunden und Striemen und frische Schläge; sie sind nicht ausgedrückt und nicht verbunden, noch mit Öl gelindert. Euer Land ist eine Öde, eure Städte sind mit Feuer verbrannt; euer Ackerland – Fremde verzehren seine Frucht vor euren Augen.«

Geistliche und politische Bedrohung

Die Bedrohung, von der Jesaja redet, ist geistlicher, aber auch politischer Art. Jesajas Wirkungszeit (um 740 bis 700 v. Chr.) fällt in eine Epoche voller Gewalt. Die Assyrer mit ihrem grausamen Kriegsgott Assur sind erneut erstarkt und versetzen die Völker Palästinas in Angst und Schrecken. Aber auch im geteilten Israel selbst, zwischen dem Nordreich Israel und dem Südreich Juda, kommt es zu Konflikten. Besonders zwei höchst dramatische Ereignisse der Zeit werden im ersten Hauptteil des Jesajabuches, in den Kapiteln 1 bis 12, behandelt. Sie bilden den Hintergrund, auf dem die Verheißungen Jesajas zu verstehen sind.

Der Bruderkrieg zwischen Israel und Juda und das Zeichen der Jungfrau

Wir schreiben das Jahr 734 v. Chr.: Mehrere Kleinstaaten im Norden Palästinas schließen sich zu einer Koalition gegen den Angstgegner Assyrien zusammen. Angeführt werden sie von Damaskus (heute Syrien) und dem Nordreich Israel. Sie fordern das Südreich Juda auf, ihrer Koalition beizutreten. Doch König Ahas in Jerusalem weigert sich. Daraufhin greift die Koalition das Südreich an, um Ahas abzusetzen.

Der Prophet Jesaja tritt auf. Er sichert Ahas Gottes Unterstützung zu. Der Sohn einer Jungfrau soll zum Zeichen werden. Noch bevor das Kind mündig ist, sagt Jesaja, wird die Bedrohung abgewendet sein. Ahas jedoch traut der Zusage nicht. Er weiß sich nicht anders zu helfen als ausgerechnet die Assyrer um Hilfe zu rufen. Diese greifen mit aller Härte ein und zerschlagen die Koalition der Kleinstaaten. Das Brudervolk im Norden entgeht dem politischen Untergang nur knapp.

Von welcher Jungfrau redet Jesaja? Und welches Kind ist es, das da zum Zeichen wird? Wir sind heute gewohnt, die Stelle direkt auf Jesus Christus zu beziehen. Aber dabei überspringen wir einen wichtigen Schritt.

Jesaja hat offensichtlich eine ganz bestimmte Jungfrau vor Augen – er schreibt wörtlich: »die Jungfrau«. Die Person dürfte auch Ahas nicht unbekannt gewesen sein. Höchstwahrscheinlich war es sogar Ahas’ eigene, frisch angetraute Frau – das nämlich meint der hebräische Begriff, der als »Jungfrau« oder »junge Frau« übersetzt werden kann. Das Kind war demnach Ahas’ eigener Sohn Hiskia. Ein Zeichen der Hoffnung: Ahas’ Zukunft scheint in Gefahr, doch zugleich ist schon der Thronfolger geboren. Und noch mehr: In der Person des Hiskia, so sagt der Prophet, wird auf eine ganz besondere Weise »Gott mit uns« (Immanuel) sein. Und so kam es auch. Noch bevor der kleine Hiskia so weit war, Verantwortung übernehmen zu können, war die Koalition der nördlichen Staaten zerschlagen.

Wer die Jesajastelle nur aus der Adventszeit kennt, den mag diese Deutung überraschen. Aber der Kontext ist eindeutig. – Und doch geht es auch um Jesus Christus, wie wir gleich sehen werden.

Die drohende Vernichtung Jerusalems und der Heilskönig vom Stamm Davids

Dreißig Jahre später: Die Assyrer haben das Nordreich Israel ausgelöscht. Nun gerät das Südreich Juda massiv unter Druck. Viele seiner Städte werden von den Assyrern eingenommen. Im Jahr 701 v. Chr. rücken die Truppen zur Hauptstadt Jerusalem vor. König Hiskia sucht den Propheten Jesaja auf, beide wenden sich verzweifelt an Gott. Er erhört ihr Gebet und greift auf wundersame Weise ein: Gott vernichtet große Teile des assyrischen Heeres und zwingt so die Assyrer zur Aufgabe. Jerusalem ist gerettet.

Hiskia – für Christen heute scheint er weitgehend bedeutungslos zu sein. In der Sicht des Alten Testaments war er einer der ganz Großen: ein Heilskönig vom Stamm Davids. Schon als Kind wird er zum Zeichen für Gottes besondere Gegenwart und als Erwachsener wird er für sein Volk zum Gott-Held und Friedefürst.

Hiskia und Jesus

Hiskia wird im Jesajabuch zur Vorlage für einen noch größeren Davidsohn, der in umfassenderer Weise Heil bringen wird – und zwar für alle Nationen. Schon in den Kapiteln 1 bis 12 des Jesajabuches wird dies an verschiedenen Stellen deutlich: Viermal gibt es eine Bewegung von Gericht zu Heil, eine überraschende Wende vom drohenden Untergang hin zu einer neuen, friedevollen Zukunft.

Die vier Durchläufe sind, was das Historische angeht, unterschiedlich konkret: An einigen Stellen tritt die Situation 701 v. Chr. sehr klar vor Augen (besonders Jesaja 1,5–9; 10,24–34), andere Passagen sind umfassender und reichen wesentlich weiter in die Zukunft. Die vier Durchläufe lassen sich übereinanderlegen, wie vier Tafeln einer Glasmalerei, die hintereinandergestellt ein komplexes Gesamtbild ergeben. Sie ergeben ein umfassendes Bild des Handelns Gottes durch seinen Heilskönig, damals und heute.

Mitten in den dritten Durchgang hinein sind die drei Episoden vom Auftreten Jesajas platziert: In das Dunkel dieser dramatischen Epoche sendet Gott seinen Propheten. Mitten hinein in unsere Welt spricht Gott sein Wort vom Sohn der Jungfrau, dem Hiskia, und dem größeren Hiskia, Jesus Christus. Schon als Kind in der Krippe ist in ihm »Gott mit uns«, und als Erwachsener wird er uns zum Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater und  Friedefürst.

Julius Steinberg

Foto: flickr.com / winker / CC BY 2.0