Kirche International

Kann eine Kirche zu schön sein?

Dr. Üllas Tnkler, Europasekretär der internationalen EmK-Weltmission, berichtet von seinen Begegnungen mit Menschen in Bulgarien.

Vor vielen Jahren war ich eingebunden in ein Projekt zum Aufbau einer neuen Kirche. Das war in einem der Länder, die oft als »ehemalige Sowjetunion« bezeichnet werden. Die Kirche dort war jahrzehntelang unterdrückt und benachteiligt worden. Jetzt schien es an der Zeit zu sein, das Beste aus dieser unglaublichen Chance zu machen: Das bestmögliche Grundstück finden, zentral gelegen, um sichtbar zu sein und Achtung zu erwerben. Damit sollte die Kirche vom Rand, wohin die kommunistischen Machthaber sie gedrängt hatten, zurück in das Herz der Gemeinschaft gebracht werden.

Die Erinnerungen daran kamen mir wieder in den Sinn, als ich kürzlich Bulgarien besuchte. Wir waren aus verschiedenen Ländern zusammengekommen, in denen die Evangelisch-methodistische Kirche sich der Ärmsten der Armen annimmt – den Roma. Pastoren erzählten von ihren Erlebnissen im Dienst an diesen Menschen. Sie hatten Armut, Elend, Gewalt und Ungerechtigkeit gesehen und mittendrin die Kraft Jesu Christi erlebt, die die Herzen der Menschen erneuert und Gemeinschaften heilt.

Dabei hörten wir von einem Pastor, der in einem von Roma bewohnten Vorort nach einem Raum gesucht hatte, um mit ihnen Gottesdienst zu feiern. Während ich zuhörte, war ich zunehmend verwirrt. »Aber es gibt doch eine methodistische Kirche in der Stadt! Warum brauchst du einen anderen Raum außerhalb der Stadt, um Gottesdienst zu feiern?«, wollte ich wissen. »Ja«, antwortete er, »diese Kirche gibt es – aber sie ist zu gepflegt. Die Einwohner der Slums würden nie in eine solche Kirche zum Gottesdienst gehen.«

Eine ganze Weile war ich sprachlos. Meine Erfahrung war meistens gewesen, dass die Kirchen versuchen sichtbar zu werden, um damit mehr Anerkennung in der Gesellschaft zu erreichen. Hier dagegen begriff ich, dass für arme Menschen der Besuch einer methodistischen Kirche eine zu hohe Hürde darstellen kann – weil sie »zu schön« ist. Deshalb versuchte der Pastor nicht, die Menschen in die Kirche zu bringen. Vielmehr ging er selbst zu denen, die am Rand der Gesellschaft leben, um mit ihnen Kirche zu sein – mit den Armen, genau da, wo sie leben.

Dr. Üllas Tankler

Foto: Dr. Üllas Tankler