Methodismus: Theologie, die das Leben verändert

Methodismus: Theologie, die das Leben verändert

Methodismus und Theologie

Methodismus: Theologie, die das Leben verändert

Was ist eigentlich das Besondere an Methodisten und was unterscheidet sie von anderen Christen?

Michael Nausner, Professor für Systematische Theologie an der Theologischen Hochschule in Reutlingen, erläutert grundlegende Kennzeichen methodistischer Theologie.

Mein Verständnis der Eigenart methodistischer Theologie lässt sich mit den zwei Stichworten Erneuerung und Erfahrung umreißen: Methodistische Theologie ist dementsprechend eine am christlichen Leben orientierte Theologie, deren Anliegen in der Erneuerung des geschöpflichen Lebens durch Gottes Geist und der persönlichen Erfahrung dieser Erneuerung durch Gottes Offenbarung in Jesus Christus besteht. Es geht um erfahrene Erneuerung des Lebens und ständig erneuerte Erfahrung.

Erneuerung

Eines der entscheidenden Merkmale methodistischer Theologie sehe ich in den geschichtlichen Wurzeln: Die methodistische Bewegung im England des 18. Jahrhunderts war eine innerkirchliche Erneuerungsbewegung und legte deshalb von Anfang an den Schwerpunkt methodistischen Lebens und Denkens auf die heilvolle Veränderung des Lebens Einzelner und der Gemeinschaft und nicht auf lehrmäßige Präzision oder konfessionelle Abgrenzung. Sie ist zwar eine protestantische Theologie und als solche beeinflusst von der kontinentaleuropäischen Reformation, aber aufgrund ihrer Entstehung in einem anderen Kontext und zu einem späteren Zeitpunkt nicht mehr geprägt von der scharfen Polarisierung der Reformationszeit zwischen Rechtfertigung aus Gnade und Werkgerechtigkeit.

Die »katholische Variante des Protestantismus«

Die neue Akzentsetzung des Methodismus innerhalb der protestantischen Welt kann mit John Wesleys Formulierung des Ziels der methodistischen Bewegung so zusammengefasst werden: Die methodistische Erneuerung hat zum Ziel, »schriftgemäße Heiligung« über die Lande zu verbreiten. In diesem Doppelbegriff kommt das zum Ausdruck, was ich als eine »katholische« Variante protestantischen Christseins bezeichnen möchte, denn hier wird das protestantische »sola scriptura«-Prinzip, wonach allein die Heilige Schrift entscheidend für das Heil ist, mit der katholischen Betonung der Heiligung des Lebens verbunden. Methodistische Theologie wird oftmals mit einem Doppelbegriff beschrieben. Das bringt ihren verbindenden, ja dynamischen Charakter zum Ausdruck und verdeutlicht, dass es sich hier nicht um eine Theologie mit einem einzigen theologischen Spezialanliegen handelt, sondern um eine Theologie, die im Dienst der Veränderung des Lebens steht.

Gnade bringt Verantwortung

Dieses grundlegende Anliegen des erneuerten Lebens spiegelt sich in den Titeln von Büchern zur methodistischen Theologie wider, die in verschiedenen Varianten die geschenkte Gnade mit der bewirkten Lebensveränderung kombinieren: Gelebte Gnade (Walter Klaiber/ Manfred Marquardt 1993, 2006), Verantwortliche Gnade (Randy L. Maddox 1994), Gnade und Verantwortung (John B. Cobb 1995). In diesen Doppelbegriffen verbirgt sich zudem die Spannung zwischen der Verankerung in der christlichen Tradition und der Verwirklichung in einem heutigen Kontext. Ganz gemäß dieser Tradition der Doppelbegriffe hat der irische Theologe Stephen Skuce methodistische Theologie als verankert in einem »festen und großzügigen Glauben« (»firm and generous faith«) bezeichnet. Entscheidend bleibt bei der Betonung der ganzheitlichen Erneuerung des Menschen, dass sie zwar in einer Erneuerung des Herzens wurzelt, sich jedoch nicht darin erschöpft. Nach wesleyanischem Verständnis ist die Erneuerung des Herzens nichts anderes als die Teilhabe an Gottes Erneuerung der ganzen Schöpfung. Persönliche Erneuerung als Teilhabe an der neuen Schöpfung lässt die menschliche Antwort auf Gottes Ruf als einen Akt des Mitwirkens an der Erneuerung der Schöpfung verstehen, ohne damit den Vorrang der Gnade Gottes in Abrede zu stellen. Der Mensch lebt in einer von Gottes Gnade durchwehten Welt. Er ist zur Mitarbeit an der Erneuerung der Schöpfung bzw. dem Wachsen des Reiches Gottes eingeladen. Darin erweist sich der Glaube, der in der Liebe tätig ist (vergleiche Galater 5,6), um es mit einem von John Wesleys Lieblingsversen auszudrücken.

Erfahrung

Diese »Tätigkeit in der Liebe« erwächst aus der Erneuerung, die nach Wesley in einer persönlichen Herzensveränderung erfahrbar wird. Aus der anglikanischen Dreiheit von Bibel, Tradition und Vernunft wurde deshalb nach der Entstehung der Evangelisch-methodistischen Kirche (United Methodist Church) 1968 als wegweisender theologischer Rahmen das sogenannte Quadrilateral formuliert, das in Bibel, Tradition, Vernunft und Erfahrung besteht.

Die Erfahrung ist im ökumenischen Kontext vielleicht der entscheidende Aspekt, den methodistische Theologie beizutragen hat. Bei dieser Betonung geht es nach meinem Verständnis nie nur (aber auch) darum, dass Einzelne eine Veränderung ihres Herzens durch den Glauben an Jesus Christus erfahren, sondern immer auch darum, dass die alltägliche Erfahrung der Menschen der Gestaltungsort christlicher Theologie sein muss.

Der Erfahrungsbegriff muss also weit verstanden werden. Gemäß eines solchen weiten Erfahrungsverständnisses sieht methodistische Theologie das gnädige Wirken Gottes als kontinuierlich erfahrbar sowohl in der persönlichen Beziehung zu Gott als auch in den alltäglichen Situationen menschlichen Zusammenlebens.

Ein erfahrbarer Ausdruck der Gnade Gottes

Auf traditionell methodistische Weise lässt sich sagen, dass Heiligung als erfahrbarer Ausdruck der verändernden Gnade Gottes immer sowohl eine persönliche als auch eine soziale Komponente hat. Heiligung ist notwendigerweise »soziale Heiligung«. Soziale Heiligung beinhaltet nach meinem Verständnis zwei Aspekte: Erstens besagt sie, dass kein Christ ohne Gemeinschaft im Glauben reifen kann und zweitens, dass Heiligung sich in Sensibilität und Engagement für gesellschaftlich marginalisierte Menschen und die geschundene Schöpfung ausdrückt (siehe auch »Soziale Grundsätze« der EmK).

Die beiden Aspekte der Erneuerung (der Schöpfung) und der Erfahrung (der Gnade) kennzeichnen methodistische Theologie weniger als eine spekulative und mehr als eine praktische Theologie (so wie es auch Luther einmal ausgedrückt hat), die es Methodistinnen und Methodisten erlaubt, sich der Teilhabe an Gottes Wirken bewusst zu sein und sich deshalb den großen sozialen Herausforderungen der Gegenwart getrost und resolut zuzuwenden.

Michael Nausner

Foto John Wesley: EMK-Archiv