Wort auf den Weg

Neu anfangen

Wort auf den Weg von Monika Brenner – Neu anfangen – mmh, manchmal überfällt mich beim Gedanken an das neue Jahr eine bleierne Müdigkeit: Geht jetzt im Januar alles wieder von vorne los?

Das Kirchenjahr, das Predigen, Frühjahr, Sommer, der Alltag, alles wieder auf Anfang? Hab ich wieder die Kraft und die Phantasie, Neues zu beginnen? Manchmal bin ich der Neuanfänge müde. Ich beneide meinen kleinen Neffen Felix, der mit seinen Bauklötzchen nicht müde wird, die eingefallenen Türme immer wieder neu aufzubauen und dann begeistert zu sagen: »Der neue Turm ist sogar noch schöner als der letzte!« Am Jahreswechsel höre ich die heiteren Rufe: »A frohs Neus!« Und ich frage mich: Was soll es schon bringen, das neue Jahr? Ich seufze mit Fulbert Steffensky: »Wir haben zu viele Anfänge gesehen, die nicht gehalten haben, was sie versprochen haben.«

Die Schöpfung fängt täglich neu an

Die Erde scheint seit Millionen von Jahren nicht müde zu werden, jeden Tag die Sonne neu aufgehen zu lassen. Jeden Morgen singen die Vögel, als habe es kein Gestern gegeben. Ich bestaune die Kraft der Natur zum täglichen Neuanfang.

Ich lese gerade ein Buch von Zora Neale Hurston mit dem Titel »Vor ihren Augen sahen sie Gott«. Über die Protagonistin Janie schreibt sie Folgendes: »Sie wusste, dass Gott jeden Abend die alte Welt einriss und zu Sonnenaufgang eine neue baute. Es war wunderbar zu beobachten, wie die Welt mit der Sonne Gestalt annahm und sich aus dem grauen Staub erhob, aus dem sie gemacht war.« Mir kommt Jesaja 43 in den Sinn: »Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! Denn siehe, ich will ein Neues schaffen, jetzt wächst es auf, erkennt ihr’s denn nicht? Ich mache einen Weg in der Wüste und Wasserströme in der Einöde.«

Ich bin es nicht, die das Neue schaffen muss

Hier spricht die unhörbare Stimme des Ganzen. Gott schafft. Er schafft aus reiner Liebe. Wieder Steffensky: »Gott hat die Welt, die Pflanzen, die Tiere und schließlich die Menschen ins Leben gerufen mit zärtlicher Stimme. Die Schöpfung ist ein Liebesakt, nicht ein Machtakt Gottes. Gott war seiner Einsamkeit müde, er wollte lieben, und er wollte geliebt werden. Die Schöpfung ist die Geschichte vom guten Anfang.«

Ich erinnere mich an all die guten Anfänge, die doch immer dann geschahen, wenn ich arglos, glaubensübermütig und vertrauensvoll ins Neue hineingesprungen bin. Wenn ich die neugebauten Türme in meinem Leben anschauen dufte und sagen konnte: Sie sind noch schöner als die letzten.

»Erinnere dich und werde nicht müde.« Nicht müde werden angesichts von Enttäuschung, nicht müde werden, wenn mir der Tod begegnet, nicht müde werden, wenn Beziehungen zerbrechen, nicht müde werden, wenn neue Türme zu bauen sind. Und wer kann es schöner sagen als Hilde Domin:

Nicht müde werden / sondern
dem Wunder / leise /
wie einem Vogel / die Hand
hinhalten.

Übermütig will ich neue Türme bauen. Vertrauensvoll mich von Gott beschenken lassen. Ihn Neues schaffen lassen in mir. Die Kraft entdecken, die er in mich hineinlegt. Gottes gute Anfänge erkennen. Jeder Tag ist neue Schöpfung. Jeder Tag ist neues Leben.

Monika Brenner

Foto Monika Brenner: privat
Foto: wikipedia.org/Kabelleger/David Gubler (www.bahnbilder.ch) / CC BY-SA 3.0