Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Wort zum Holocaustgedenktag

Im Sommer besuchte ich zum ersten Mal die Gedenkstätte im Todeslager Auschwitz-Birkenau. Bisher hatte ich nie den Mut gehabt, mich an diesem Ort mit dem Grauen des Holocaust auseinanderzusetzen.

Nicht, weil ich das Thema verdränge, sondern weil es mir buchstäblich den Schlaf raubt, wenn ich durch Sinneseindrücke und Einzelschicksale an die grausamen Details des Holocaust erinnert werde.

Nun war dieser Besuch Teil des Programms des Europäischen Rats Methodistischer Kirchen. Da konnte ich nicht ausweichen. Wir waren an einem wunderschönen Sommertag in Birkenau. Ich nahm mir Zeit für mich und saß in der Nähe der Vergasungsanlagen. Jugendliche aus Deutschland kamen vorbei. Sie sprachen darüber, ob Borussia Dortmund wohl wieder Deutscher Fußballmeister werden würde. Fast hätte ich die Jugendlichen sie gefragt: »Wie könnt ihr hier über Fußball reden?« Doch dann fragte ich mich selbst: Wie kann ich, ja, wie kann die Menschheit nach Auschwitz zur »Normalität« übergehen?

Im weiteren Nachdenken gestand ich mir ein, dass wir alle miteinander genau dies zu tun hatten und dass  es dennoch nötig ist, dem Gedenken an den Holocaust in unserem Alltag Raum zu geben - auch heute, fast 68 Jahre nach Kriegsende.  Es ist nicht nur verständlich, sondern auch nötig, dass sich die junge Generation in Deutschland anders mit der Geschichte des Holocaust auseinandersetzt als ich es tue, die ich 1955 geboren bin. Trotzdem und gerade deshalb gilt es, die Erinnerung wach zu halten.

Deshalb bin ich dankbar für jeden Jugendlichen, der zu den Gedenkstätten in den Konzentrationslagern geht. Die Besucherinnen und Besucher, ob jung oder alt, werden mit dem Schicksal unzähliger Menschen konfrontiert, deren Leben ausgelöscht oder dauerhaft geschädigt wurden. Und das lediglich weil sie Juden, Sinti oder Roma waren oder aus einem anderen Grund nach Auschwitz verbracht wurden. Wie konnte es geschehen, dass Menschen den Massenmord akribisch planten und durchführten und dass andere mitmachten, Beifall klatschten oder die Augen vor dem verschlossen, was man Nachbarn und Kolleginnen antat?

Das Gedenken an den Holocaust hat muss auf der Tagesordnung der Menschheit stehen zu bleiben. Dies ist längst nicht der einzige Gesprächsgegenstand, weder bei einem Besuch in Auschwitz noch beim Kirchenkaffee am Holocaustgedenktag. Doch Gottes Entsetzen über das Unrecht, das Menschen einander zufügen, wird uns immer wieder aufrütteln, damit wir heute nicht schweigen, wenn mitten unter uns oder weit von uns entfernt Menschen abgestempelt, ausgegrenzt oder gar gequält werden.

Noch können wir Zeitzeugen fragen, was in unseren Gemeinden und in unserer Nachbarschaft von 1933 bis 1945 geschah. Wir werden von mutigen Menschen hören und uns Schuldgeschichten zu stellen haben. Kürzlich sprach ich mit einer Methodistin, die sich in der Gedenkstätteninitiative Leonberg engagiert, um die Geschichte jenes vergleichsweise kleinen Konzentrationslagers aufzuarbeiten. In dem kurzen Gedankenaustausch begann ich zu ahnen, welche Kraft uns zuwachsen kann, wenn wir Erinnerungen heben und wach halten. Wir wirken daran mit, dass Menschen einander respektvoll begegnen und wehren so Vorurteilen und Verallgemeinerungen gegenüber »den Juden«, »den Roma« oder auch »den Fremden«. So wird die Welt menschlicher, Gott, dem Freund des Lebens zur Ehre.

Bischöfin Rosemarie Wenner