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»unterwegs« 3/2010
Die Bibel spricht - zu jedem persönlich
Manche Bibeltexte sind einfach zu verstehen, andere werfen viele Fragen auf. Im Gespräch mit Volker Kiemle erklären Jörg Barthel und Roland Gebauer, warum es wichtig ist, diesen Fragen nicht auszuweichen. Die beiden lehren an der Theologischen Hochschule in Reutlingen und geben Hinweise zu einer Auslegung, die der Bibel gerecht wird.
Die Bibel wurde vor mehr als 2.000 Jahren verfasst, in einem fremden Kulturkreis. Mit welchem Recht eignen wir uns die Texte an und beziehen sie auf unser Leben?
Jörg Barthel: Weil wir die Bibel nicht lesen wie irgendein anderes Buch. Wir lesen sie mit der Erwartung, dass uns in der Bibel etwas gesagt wird, das für unser Leben entscheidende Bedeutung hat.
Was raten Sie Menschen, die sich schwer tun, einen Zugang zur Bibel zu finden?
Roland Gebauer: Ich würde einfach anfangen zu lesen! Am besten als ein Wort, das sich als Botschaft direkt an mich richtet, das sich auf meine Existenz, die Frage nach dem Woher und Wohin und nach dem Sinn meines Lebens bezieht. Da kann ich auch aus Texten, die ein sehr altes Gewand tragen, grundlegende existenzielle Aussagen heraushören. Andere Zusammenhänge, wie etwa historische, theologische oder kulturelle, eröffnen sich dann von selbst.
Welches ist die ideale Bibelstelle für Einsteiger?
Roland Gebauer: Man kann im Prinzip anfangen zu lesen, wo man will. Wenn man davon ausgeht, dass Jesus das Hauptthema der Bibel ist, würde ich raten, mit einem der Evangelien zu beginnen. Aber man kann auch mit den Psalmen starten, wo es um die Beziehung zwischen Gott und Mensch geht. Oder mit den Schöpfungstexten, beim Ursprung der Geschichte Gottes mit der Welt und den Menschen.
Jörg Barthel: Ich würde im Alten Testament vorne anfangen. Das Buch Genesis (1.Mose) mit der Schöpfungsgeschichte beschäftigt sich ja mit den großen Menschheitsfragen - wo kommen wir her, woher kommt das Böse, wie ist die Welt entstanden und so weiter. So kann die Lektüre auch Menschen, die dem Glauben vielleicht eher fern stehen, ansprechen. Im Neuen Testament würde ich mit dem Matthäus-Evangelium beginnen, weil es eine deutliche Brücke zum Alten Testament schlägt.
Welches Wissen braucht man, um die Bibel lesen zu können?
Jörg Barthel: Die Bibellektüre ist zunächst keine Wissensfrage. Gerade die erwähnten Texte sind auf der einen Seite so einfach, dass jedes Kind sie verstehen kann. Gleichzeitig sind sie so tiefgründig, dass kein Erwachsener jemals damit fertig wird. Deshalb ist Bibellesen keine Frage des Vorwissens, sondern eine Frage der Offenheit. Das Wissen kommt dann sehr wohl ins Spiel, aber in einem zweiten Schritt. Bei der Lektüre kommen Fragen auf, bei deren Beantwortung uns ein bestimmtes Wissen helfen kann.
Das klingt einfach...
Jörg Barthel: Das ist es auch! Aber unsere Zeit ist geprägt von einer »Herrschaft des Sekundären«. Das heißt, wir beschäftigen uns viel zu wenig mit den Texten selbst, sondern meist mit Interpretationen, Zusammenfassungen und Erläuterungen dazu. Da macht die Bibel keine Ausnahme. Wir sind es heutzutage gewohnt, riesige Textmengen in immer kürzerer Zeit aufzunehmen - und meinen, sie dann verstanden zu haben. Um mit den biblischen Texten richtig umzugehen, müssen wir das Lesetempo drastisch drosseln. Wir müssen uns darin üben, Wort für Wort, Vers für Vers zu lesen.
Das heißt, die Bibel kann einfach jeder auslegen, ohne vorher über sie Bescheid zu wissen?
Roland Gebauer: Es geht zunächst gar nicht anders. Aber man muss den Rahmen unterscheiden. Wenn ich die Bibel für mich persönlich lese, dann ist die Art und Weise, wie die Texte zu mir sprechen, was sie mir sagen, zunächst einmal eine für mich selbst gültige Auslegung. Anders ist es, wenn ich als Pastor zu predigen habe. Dann kann ich nicht nur erzählen, was mir der Text bedeutet. Vielmehr muss ich versuchen, das biblische Wort so zu verkündigen, dass andere Menschen mit ihren ganz eigenen Fragen auch einen Zugang bekommen. Da muss ich dann auch Literatur hinzuziehen und über die Grundfragen der Bibelauslegung Bescheid wissen. Deshalb studieren Prediger ja in der Regel Theologie.
Jörg Barthel: Mir ist bei der Bibelauslegung der Dreischritt, den der französische Philosoph Paul Ricoeur formuliert hat, sehr einleuchtend: Verstehen - erklären - verstehen. Wir treten immer schon mit einem gewissen Vorverständnis an die Bibel heran. Damit verknüpfen sich auch bestimmte Erwartungen. Das alles spielt in dem, was wir verstehen, eine Rolle. Dennoch ist es wichtig, zunächst zu fragen, was ich selbst verstehe - ohne gleich nach Erklärungen außerhalb des Textes zu suchen. Der zweite Schritt ist der Versuch, mit bestimmten Auslegungsmethoden die Fragen, die aufgetaucht sind, zu beantworten. Die Erklärung dient aber letztlich nur dem dritten Schritt, dem vertieften Verstehen. Ich sollte den Text also nicht in einer fernen Vergangenheit belassen, sondern auf mich beziehen.
Welche Literatur ist geeignet, um mir beim Verstehen der Bibel zu helfen?
Roland Gebauer: Grundsätzlich muss man aufpassen, dass man nicht die Erklärung zum Eigentlichen und damit quasi zum Bibelersatz macht. Literatur, die beansprucht, die richtige Auslegung zu präsentieren, ist mit Vorsicht zu genießen. Eine Auslegung kann immer nur eine Hilfe zum Verstehen sein. Sie muss mir grundlegende historische und theologische Informationen geben, sie muss aber auch Fragen aufwerfen, die ich letztlich nur durch eigene Arbeit an den Texten beantworten kann.
Jörg Barthel: Ich habe manchmal das Gefühl, es wird mehr über das Bibelverständnis gestritten als über die biblischen Texte selbst. Und das sollte nicht sein. Ein guter Kommentar gibt mir Antworten auf Fragen, die sich mir bei der Bibellektüre stellen - und weckt neue Fragen. Ebenso hilfreich kann es sein, die Bibel gemeinschaftlich zu lesen.
Wenn die Bibel auf so viele Arten ausgelegt werden kann, scheint es ja keine falsche Art zu geben...
Jörg Barthel: Doch, die gibt es. Die Bibel lässt verschiedene Auslegungen zu, aber ich kann nicht alles in die Texte hineinlesen, was mich gerade bewegt. Der biblische Text setzt meinen Wünschen einen Widerstand entgegen, und daher ist nicht jede Auslegung möglich. Das Problem sehe ich aber an einer anderen Stelle, nämlich bei der inneren Vielfalt der Bibel. Zum Beispiel haben viele Menschen Probleme mit den gewalthaltigen Aussagen im Alten Testament - etwa bei der Eroberung des Landes -, gleichzeitig lese ich bei den Propheten und in der Bergpredigt die Aufforderung »Liebet eure Feinde«. Um das zusammenzubringen, sollte die ganze Bibel im Blick der Auslegung sein.
Können Sie ein Beispiel nennen?
Jörg Barthel: Wenn ich die Bibel als Ganzes betrachte, kann ich zum Beispiel erkennen, dass darin eine Gotteserkenntnis beschrieben wird, die sich zunehmend vertieft. Es werden immer wieder vergangene Gottesbilder und Gotteserfahrungen korrigiert. Das tun schon die Propheten des Alten Testaments, indem sie sich kritisch etwa mit der Gewalttradition auseinandersetzen. Erst recht gilt das für die Evangelien.
Es gibt Bibelstellen, die oft missverstanden werden. Können Sie Beispiele nennen?
Roland Gebauer: Zu nennen ist da etwa die Offenbarung des Johannes. Hier hat es im Lauf der Zeit nahezu jede Art von Auslegung gegeben. Um dieses Buch wirklich verstehen zu können, muss man ganz tief einsteigen, sich mit der Bildersprache, den theologischen Zusammenhängen und der zeitgeschichtlichen Situation vertraut machen. Das Buch ist ja kein Endzeitfahrplan, sondern in erster Linie ein Trostbuch für die verfolgte Gemeinde. Johannes gibt darin einen Ausblick auf die Vollendung des göttlichen Plans für die Kirche und die Welt. In den Visionen kommt auch nicht die Wirklichkeit an sich zur Sprache, sondern eben nur in Bildern, die gedeutet werden müssen. Um das angemessen tun zu können, muss man sich lange damit beschäftigen.
Jörg Barthel: An diesem Beispiel lässt sich auch gut zeigen, wie die historisch-kritische Auslegung helfen kann, Missverständnisse zu vermeiden. Die Offenbarung ist - ähnlich wie das Buch Daniel - Widerstandsliteratur einer verfolgten Gemeinde.
Gibt es eine spezifische EmK-Auslegung der Bibel?
Jörg Barthel: Die methodistische Bibelauslegung fußt zunächst auf dem Bibelverständnis der Reformation und der anglikanischen Tradition und hat entsprechende Entwicklungen durchgemacht. Allerdings gibt es bestimmte Zielrichtungen, die für methodistische Bibelauslegung charakteristisch sind. Hier ist das Stichwort »quadrilateral«, also der Gedanke von vier Leitlinien der Auslegung, wichtig. John Wesley beschreibt die Kriterien so: Zunächst legt sich die Bibel selbst aus - ähnlich wie Luther -, aber zur Klärung, Vertiefung und Bestätigung sollten wir auch die Tradition der Kirche, die Vernunft und die eigene Erfahrung in Anspruch nehmen.
Was halten Sie denen entgegen, die meinen, die einzig richtige Auslegungsmethode der Bibel zu haben?
Roland Gebauer: Es gibt unter den vielen Methoden nicht die richtige oder die falsche. Alle heben auf ihre Weise etwas von den Schätzen der biblischen Botschaft. Die Kunst besteht darin, diese Vielfalt als Chance zu begreifen, der Vielfalt der Bibel und ihrer Verkündigung besser gerecht zu werden.
Jörg Barthel: Die Methode darf nicht über den biblischen Text herrschen! Es geht darum, welche Fragen der Text aufgibt und welche Wege es gibt, diese Fragen zu beantworten. Jede Methode ist nur ein Hilfsmittel zum besseren Verständnis des Textes.
Wenn die Beschränkung auf eine bestimmte Auslegung die Erkenntnis behindert was ist daran so verlockend?
Jörg Barthel: Das ist ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit und Klarheit in einer Welt, die immer mehr von Verschiedenheit geprägt ist. Die Aggressivität, mit der manche Christen ihr Bibelverständnis verteidigen, kommt meiner Beobachtung nach auch daher, dass kritische Fragen an dieser Sicherheit kratzen.
Roland Gebauer: Im Umgang mit Leuten, die meinen zu wissen, wie man die Bibel richtig auslegt, spüre ich oft ein ängstliches Sich-Verweigern gegenüber Fragen und Meinungen, die die eigene Position ins Wanken bringen könnten.
Jörg Barthel: Die methodistische Tradition ist da für mich sehr hilfreich: Die Bibel ist eben kein systematisches Lehrbuch und schon gar kein Rezeptbuch für alle Lebenslagen. Das Bibelstudium ist, um mit John Wesley zu sprechen, ein »Gnadenmittel« - also ein Mittel, durch das Gott an uns handeln und uns seine Gnade mitteilen will. Dann ist die Frage, mit welcher Methode die Bibel auszulegen ist, eher zweitrangig. Vielmehr geht es darum, ob ich mich diesem Mittel, mit dem Gott an mir arbeiten will, aussetze.

