Dialog der Religionen

Der Dialog stärkt den eigenen Glauben

Viele Menschen in Deutschland haben Angst vor »dem Islam«. Doch was genau ist damit eigentlich gemeint? Und wen treffen diese Vorurteile? Ann-Christin Puchta, Leiterin des Kindertreffs »Delbrücke« in Berlin, begegnet jeden Tag vielen Muslimen und ist dieser Angst auf den Grund gegangen. Dabei wird deutlich: Auch viele Muslime haben Angst vor »den Christen«. Ohne persönliche Gespräche werden diese Ängste bleiben.

Sara macht sich Sorgen. Seit einiger Zeit geht ihre Tochter mit ihren Freundinnen zur Hausaufgabenhilfe in ein Kinderprojekt in der Nachbarschaft. Dem Mädchen macht es Spaß dort, sie versteht die Textaufgaben in Mathe jetzt viel besser, es gibt da sogar einen Mädchenkreis. Eigentlich ist das alles prima. Wenn es doch nur nicht in einer Kirche wäre!

Wer weiß, was die Leute dort Mariam noch alles beibringen? Vielleicht erzählen sie der Tochter ja, dass Mohammed gar kein Prophet sei? Kann man Christinnen da trauen? Und plötzlich hat Sara Angst, dass ihrer Tochter erst ihr Glaube an Gott und dann ihre Kultur und Identität weggenommen wird. Wird sie ihre Tochter womöglich an diese anderen Einflüsse verlieren?

Moment mal, das ist doch andersrum! Wir werden doch von den Muslimen überrollt, nicht die von uns! Wir müssen doch Angst vor denen haben! Oder? Warum machen wir uns Sorgen, dass der Islam Deutschland verändert und uns bedroht?

Insgesamt eine Minderheit

Zugegeben, in einzelnen Gegenden wie Berlin-Neukölln, wo viele Migrantinnen und Migranten aus dem arabischen Raum, der Türkei oder Südost-Europa leben, kann der Islam auf der Straße sehr präsent sein. Auf Deutschland insgesamt gesehen sieht das schon anders aus. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geht derzeit von einem muslimischen Bevölkerungsanteil von fünf Prozent aus und rechnet dabei sowohl die Aleviten (vorwiegend in der Türkei ansässige eigene Religionsgemeinschaft) als auch völlig säkular denkende Menschen mit, nur weil sie z. B. zufällig aus der Türkei kommen – der Anteil der in irgendeiner Form gläubigen Muslime dürfte also noch um einiges geringer sein. Der Anteil derer, die einer Kirche angehören, liegt in Deutschland bei über 60 Prozent. Warum also fürchten wir eine Minderheit?

Vielleicht, weil das Christentum in unserer Gesellschaft an Bedeutung zu verlieren scheint – in Berlin gibt es zum Beispiel immer mehr Schulen, an denen nicht einmal freiwilliger Religionsunterricht angeboten wird. Vielleicht auch, weil uns Nachrichten über die Grausamkeiten der Terrororganisation IS (»Islamischer Staat«) im Irak oder über Entführungen christlicher Mädchen in Nigeria erschüttern. Das alles verunsichert.

Die Sorge, die eigene Identität zu verlieren; das Gefühl, dass die eigene Religion aufgeweicht wird – all das hat deshalb zur Zeit großen Einfluss auf das christlich-muslimische Verhältnis, und zwar auf beiden Seiten. Da ist das Bedürfnis, den eigenen Standpunkt zu schärfen und die eigenen Traditionen zu stärken, nur natürlich. Problematisch wird es, wenn sich diese Unsicherheiten mit der grundsätzlichen Angst vor dem Fremden verbinden, die in allen Menschen angelegt ist. Dann entsteht oft ein Entweder – Oder: Entweder ich habe einen festen Glauben und verteidige meine Kultur oder ich kann offen auf Angehörige anderer Religionen oder Kulturen zugehen.

Doch dieser Gegensatz scheint mir eine falsche Alternative aufzumachen. Wenn ein arabischer Vater befürchtet, dass sein Sohn nicht mehr regelmäßig betet und sich nicht mit der Frau verheiraten lassen will, die er ihm ausgesucht hat, kann er leicht sagen, dass das an den schädlichen Einflüssen von außen liegt oder daran, dass der Junge zu viel mit Christinnen und Aleviten unterwegs war. Das ist viel leichter, als darüber nachzudenken, ob eine arrangierte Ehe für seinen Sohn das Richtige ist. Und sehr viel leichter als zuzugeben, dass er in der Religion nicht immer ein gutes Vorbild war und dass er sich vielleicht zu wenig um seinen Sohn gekümmert hat.

Verantwortung übernehmen!

Bei uns funktioniert das ähnlich. Wir ärgern uns darüber, dass unsere Kinder kaum noch Bibelstellen auswendig können und schieben das dann auf schlechten Konfirmandenunterricht oder das Desinteresse der Jugendlichen. Fragen wir uns auch, warum wir ihnen nicht selbst mehr davon beigebracht haben?

Es ist immer leichter, die Ursachen für unsere Probleme nach außen zu verlagern, anstatt selbst die Verantwortung dafür zu übernehmen. Gerät eine Religion, ein Glaube ins Wanken, hilft es deshalb nichts, sich vor vermeintlichen Angriffen von außen zu schützen. Statt dessen müssen wir uns um unsere ureigensten Angelegenheiten kümmern. Nur wir selbst können unserem Glauben Tiefe geben, unsere Traditionen authentisch leben.

Dann kehrt auch die Sicherheit zurück, dass wir nicht auf Sand gebaut haben, sondern auf Fels. Je sicherer ich mir selbst bin, desto fröhlicher kann ich auf andere zugehen. Deshalb steht eine feste Position nicht im Widerspruch dazu, auf andere zuzugehen, im Gegenteil. Ich habe eher den Eindruck, dass die Auseinandersetzung mit anderen Sichtweisen hilft, die eigenen Überzeugungen klarer herauszuarbeiten.

Je mehr ich mich mit Menschen jüdischen oder muslimischen Glaubens unterhalten habe, desto genauer musste ich darüber nachdenken, was ich selbst glaube, und es auch begründen. Durch die vielen Fragen, die ich beantworten musste, hat sich mein Glaube weiterentwickelt. Denn plötzlich musste ich erklären, was vorher einfach selbstverständlich erschien.

Zugleich haben mich manche Fragen auf Punkte gestoßen, die ich in meinem religiösen Leben vernachlässigt hatte. Dann geht es nicht darum, aus der anderen Religion etwas zu übernehmen, um so eine vielleicht empfundene Lücke zu füllen. Vielmehr habe ich meine eigenen Traditionen neu entdeckt. Der Dialog zwischen den Religionen kann den eigenen Glauben stärken. Mich hat er fromm gemacht. In einer rabbinischen Geschichte wird der Rabbi gefragt, woran man erkennen könne, dass die Morgendämmerung begonnen habe. »Wenn du das Gesicht deines Nächsten sehen kannst, dann ist es Tag«, antwortet er.

Je mehr muslimischen Menschen ich begegne, desto mehr werde ich feststellen, dass sie genauso unterschiedlich sind wie wir Christinnen und Christen. Je mehr ich sie kennenlerne, desto mehr werde ich sie als Individuen wahrnehmen. Und irgendwann sehe ich nicht mehr eine Muslima oder einen Araber oder einen anderen Fremden, sondern ich sehe Rima und Achmed, Yigithan und Nessrin, ich sehe sie als wirkliches Gegenüber, als meine Nächsten. Ich sehe Menschen, die Ähnliches hoffen und wünschen wie ich, die sich genauso nach Gott sehnen und die genauso wenig irgendwelchen Klischees entsprechen wie ich.

Dann sehe ich, dass Hala nichts mit dem zu tun hat, was irgendwelche Muslime in Nigeria anrichten. Mädchen egal welcher Herkunft oder Religion zu entführen, ist für Hala absolut »haram«, also schwere Sünde. Doch für das, was da tausende Kilometer entfernt geschieht, kann sie weder etwas noch kann sie es ändern. Was man beeinflussen kann, ist, ob kleine Mädchen in Neukölln lesen lernen oder nicht. Also setzt sie, die sich gerade zum Abitur durchkämpft, sich hin und übt mit Erstklässlerinnen – im Kindertreff, in einer Kirche.

Ann-Christin Puchta

aus: FrauenWege 4/2014 »Größer denken«, mit freundlicher Genehmigung der Redaktion
Foto: Volker Kiemle