Wort auf den Weg

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Wort auf den Weg

Der Segen liegt im Teilen

Wort auf den Weg von Christine Erb-Kanzleiter zu einem Vers aus Lukas 12,20+21: »Aber Gott sprach zu ihm: Du Narr! Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; und wem wird dann gehören, was du angehäuft hast? So geht es dem, der sich Schätze sammelt und ist nicht reich bei Gott.«

Erntedank ist mit die schönste Zeit im Kirchenjahr: die bunten Gaben auf dem Altar, die farbenfrohen Kleider und die Dankbarkeit gegenüber Gott für das, was unser Leben reich macht. Wir danken Gott für die Erde und ihren Reichtum. Dabei sehen wir zugleich, dass sie nicht uns gehört, um mit ihr zu tun und zu lassen, was uns gefällt. Wir glauben, dass sie Gottes Schöpfung ist und wir das Privileg haben, sie zu bewohnen und zu bewahren – in der Erwartung, dass wir sie unseren Kindern in einem besseren Zustand hinterlassen, als wir sie angetroffen haben.

Erntedank gibt uns die Gelegenheit, uns an die Schönheit und Fülle der Schöpfung zu erinnern, und lädt uns ein, gute Haushalter zu sein, damit auch die Generationen nach uns das Leben auf diesem Planeten genießen können. Erntedank lehrt uns, wie wir teilen können. Das Land, in dem wir leben, hat fast alles, was diese Welt zu bieten hat, während Menschen in anderen Teilen der Welt nicht einmal das Lebensnotwendigste zur Verfügung steht. Wenn wir das Gleichnis vom reichen Kornbauern (Lukas 12,16–21) anschauen, wird deutlich, dass wir lernen müssen, Prioritäten zu setzen.

Der Segen liegt im Teilen

Manche mögen beim Erntedank der Versuchung erliegen, dass steigender Konsum und wachsender Besitz Gründe zum Feiern sind. Aber Erntedank ist nicht die Gelegenheit, Gott dafür zu danken, dass es uns wieder einmal gelungen ist, unseren Besitz zu vergrößern. Es geht nicht ums Ansparen und Behalten, sondern um das Teilen dessen, was wir haben. So wird es anderen zum Segen.

Jesus erzählt den Menschen, die sich um ihn drängen, dass sie sich weniger um materielle Dinge kümmern sollen, egal, wie arm oder reich sie sind. Ich mag diese Botschaft. Sie befreit mich und erlaubt mir großzügig zu sein. Jesus möchte, dass die Menschen aufhören, sich um sich selbst zu sorgen. Sie sollen mit den anderen leben. Er scheint gewusst zu haben, dass das Streben nach immer mehr materiellen Gütern keine Zufriedenheit bringt. Egal, wie viel Menschen verdienen und erreichen, zufrieden sind sie immer erst dann, wenn es noch ein wenig mehr ist … Der Gedanke, dass Lebensglück mit dem Anhäufen von Besitz einhergeht, kann letztendlich nur unzufrieden machen. Ungeteilter Reichtum bringt Sicherheit aber nicht notwendigerweise auch Glück. Dinge, die wir zurückhalten, Ernten, die wir lagern statt zu benutzen, machen niemanden froh, nicht einmal den Besitzer. Im Gegenteil: Je mehr wir abgeben und verschenken, desto glücklicher werden wir.

Mit anderen zu teilen, lernen wir Christen von Jesus. Er besaß nichts, er gab alles, und er gab sich selbst für die anderen. Seinem Beispiel können wir folgen. Die Frage dabei ist: Wie weit würden wir gehen? Pelagius, ein Mönch im 4. Jahrhundert, schrieb einmal: »Du hast wenig, doch bist du zufrieden mit dem, was du hast. Du bist ärmer als die meisten, doch fühlst du keinen Neid auf die Reichtümer anderer. Du trägst ein einfaches Gewand wie eine königliche Robe. Eine winzige Hütte ist für dich ein Palast, eine Schüssel Haferbrei ein Festmahl. Und deine Schuhe kommen dir vor wie eine goldene Kutsche.«

Ich wünsche mir und Ihnen die Fähigkeit, eine goldene Kutsche zu sehen, wenn wir auf unsere vom Alltag verstaubten Schuhe blicken. Nicht mehr und nicht weniger.

Christine Erb-Kanzleiter

Beitrag erschien in »unterwegs« 20/2014