Wort auf den Weg

Die Kraft der Berührung

Wort auf den Weg von Ingrid Heintz zu einem Vers aus dem 8. Kapitel des Lukas-Evangeliums: »Unter den Leuten war auch eine Frau, die seit zwölf Jahren an starken Blutungen litt. Sie hatte sich schon von vielen Ärzten behandeln lassen und dabei ihr ganzes Vermögen ausgegeben. Aber niemand hatte ihr helfen können.«

Diese Frau ist sehr mutig. Sie setzt sich über alle Regeln hinweg. Oder ist es die Verzweiflung, die sie antreibt? Seit zwölf Jahren blutet sie, sie hat eine Dauerregel. Zwölf lange Jahre war sie von allen Gottesdiensten und religiösen Festen ausgeschlossen. Sie hatte sich von Menschen fernzuhalten. Sie durfte niemand berühren und sie durfte nicht berührt werden. Dazu kommt die Schwächung durch den Blutverlust. Sie hat nicht tatenlos zugesehen. Sie hat ihr ganzes Vermögen zu den Ärzten gebracht, aber der Erfolg blieb aus.

Die Kraft der Berührung

Jetzt nach zwölf Jahren entschließt sie sich, etwas Unerhörtes zu tun. Sie mischt sich unter die Menschen. Sie riskiert alles, um Jesus nahe zu kommen. Sie bewegt sich mitten in die Menschenmenge hinein, die Jesus umgibt. Hier wagt sie es, unbemerkt Jesu Gewand zu berühren. Das scheint ihre letzte Hoffnung. Dafür setzt sie sich über alle Regeln hinweg. Für die Frau war es ein großes Risiko. Es hätte auch schiefgehen können. Jemand hätte sie erkennen und wegschicken können. Sie darf sich nicht in einer Menschenmenge aufhalten, wo sie zufällig jemand berühren könnte. Diese Person würde dadurch unrein werden. Es war sicher auch eine ungeheure Anstrengung, denn nach zwölf Jahren war die Frau bestimmt am Ende ihrer Kräfte. Aber sie hat ein Ziel: Sie möchte gar nicht Jesus selbst berühren. Sie glaubt, das Berühren der Kleidung reiche schon aus. Die Geschichte geht gut aus. Die Frau wird geheilt und Jesus segnet sie zum Abschied: »Meine Tochter, dein Glaube hat dir geholfen. Gehe in Frieden. Du bist geheilt « (Lukas 8,48).

Manchmal überlege ich mir eine Alternative zu dem Geschehen, von dem die Bibel berichtet. Die Geschichte der Frau hätte auch so gehen können: Sie bleibt zuhause. Sie ist von ihrer Krankheit entkräftet. Weil sie als unrein gilt, ist sie von allen Gottesdiensten ausgeschlossen. Sie hört, dass dieser Rabbi Jesus in der Nähe ist – er, der schon viele Kranke geheilt hat. Sie ist niedergeschlagen, weil sie zu schwach ist, um sich auf den Weg zu machen. Sie hält sich an die Vorschrift, ihn nicht berühren zu dürfen. Und Jesus dürfte sie, die Unreine, ja auch gar nicht berühren. Es hätte also gar keinen Sinn, hinzugehen.

Leider verhalte ich mich oft so wie die Frau in meiner Geschichte. Ich akzeptiere einfach, dass es nun mal so ist, wie es ist. Ich lasse mich von Traditionen und Gewohnheiten einschränken. Ich will meine »Komfortzone« nicht verlassen und kein Risiko eingehen. Aber es lohnt sich doch, alle Kräfte zu mobilisieren. Es kann sich lohnen, sich über die Grenzen aus Tradition und Gewohnheit hinwegzusetzen und Neues zu wagen. Sicher, es bleibt ein Risiko. Nicht immer werden alle einverstanden sein und manche werden sich sogar offen dagegen aussprechen. Aber, wenn alle immer nur in ihrer »Komfortzone« bleiben, ändert sich nichts.

Die Frau ohne Namen hat mich angeregt, darüber nachzudenken, wo es sich für mich lohnt, ein Risiko einzugehen. Was ist mir so wichtig, dass ich bereit bin, es auch gegen andere Ansichten und Meinungen zu verteidigen? Wo möchte ich für etwas kämpfen, das es wert ist, darum zu kämpfen? Wenn Frauen das nicht schon früher getan hätten, hätte ich kein Gymnasium besuchen können, dürfte ich nicht wählen gehen ...

Ingrid Heintz

Foto: Volker Kiemle
Beitrag entnommen aus »unterwegs« 21/2014