Debatte Homosexualität

»Es ist Zeit, offen zu reden«

Sechs Bischöfe, zwei Stunden, ein Thema: In Oklahoma City wurde live im Internet über den Umgang mit homosexuellen Menschen in der EmK diskutiert.

Sechs Mitglieder des Internationalen Bischofsrats der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK) und der Chef des US-amerikanischen EmK-Verlagshauses haben über den Umgang mit homosexuellen Menschen in der EmK diskutiert. Die Debatte wurde live im Internet übertragen. Sie warben dafür, unterschiedliche Auffassungen zu respektieren und sich auf den Auftrag der Kirche zu konzentrieren.

Melvin Talbert ist ungeduldig: »Ich werde zunehmend ärgerlich, weil wir hier so schöne Worte sprechen«, erklärte der jetzt im Ruhestand in Nashville lebende EmK-Bischof. Zusammen mit den Bischöfinnen Hope Morgan Ward und Rosemarie Wenner, den Bischöfen Gregory V. Palmer, Kenneth H. Carter und Michael J. Lowry sowie Neil Alexander, dem Chef des US-amerikanischen EmK-Verlagshauses, debattierte er am 1. November über den Umgang der EmK mit Homosexualität. Viel zu lange, sagte Talbert, hätten die Bischöfe zu diesem Thema geschwiegen – und damit sowohl die Diskriminierung Homosexueller als auch eine Doppelmoral in Kauf genommen. »In unserer Kirche herrscht in Sachen Homosexualität die Einstellung: ›Frag nicht, sag nichts‹«, erklärte Talbert. Alle wüssten, dass es homosexuelle Pastorinnen und Pastoren und Trauungen gleichgeschlechtlicher Partnerschaften gebe, obwohl das »Book of Discipline« (Verfassung, Lehre und Ordnung der EmK – kurz: Kirchenordnung) dies ausdrücklich untersage. Erst, wenn darüber öffentlich gesprochen werde, sei es ein Problem. »Es ist Zeit, dass wir diesen Schleier wegziehen und darüber reden«, betonte Talbert. Dabei sieht er in erster Linie seine Kollegen in der Pflicht: Die Bischöfinnen und Bischöfe seien nicht der Kirchenordnung verpflichtet, sondern ihrer Berufung. Und die gründe sich auf das Evangelium von Jesus Christus. »Wir müssen die Autorität unseres Amtes nutzen und eingestehen, dass unsere bisherige Position falsch ist. Dann können wir weitergehen und brauchen nicht mehr darüber diskutieren, was uns eint.«

Genau um diese Frage aber drehte sich die fast zweistündige Debatte über weite Strecken. Denn klar ist: In der Frage des Umgangs mit Homosexualität geht ein tiefer Riss durch die weltweite EmK. Gegner praktizierter Homosexualität stehen Verfechtern einer vollen Anerkennung homosexueller Praxis durch die Kirchenordnung gegenüber. Dort wird betont, dass die homosexuelle Praxis mit der Bibel unvereinbar ist, wobei in der deutschen Kirchenordnung eine ergänzende Formulierung die unterschiedliche Interpretation der Bibel zur Ausübung der Homosexualität vermerkt.  Praktizierende Homosexuelle können somit kein geistliches Amt in der EmK bekleiden. Ändern könnte das nur die Generalkonferenz, das höchste Entscheidungsgremium der weltweiten EmK. Nachdem es vor zwei Jahren aber nicht einmal gelang, die unterschiedlichen Standpunkte anzuerkennen, hat die Debatte vor allem in den USA an Schärfe zugenommen. Um eine drohende Eskalation und damit die akute Gefahr einer Kirchenspaltung abzuwenden, hat der Connectional Table (eine Art internationaler Runder Tisch) einen Dialog angeregt, zu dem unter anderem diese Live-Diskussion gehört.

Einheit in Verschiedenheit

Dort plädierte Bischöfin Rosemarie Wenner für eine »Einheit in versöhnter Verschiedenheit«, wie sie die Kirchen Europas praktizieren. Auch hier sei man sich in Sachen Homosexualität nicht einig. »Aber die Unterschiede sind nicht das Herzstück unserer Einheit, sondern die Berufung zur Mission.« Und diese Aufgabe sei »zu groß, um sie gespalten anzupacken«. Dabei brauche es aber beides – die Berufung durch Christus und die Kirchenordnung.

Bischof Michael J. Lowry gab zu bedenken, dass auch Methodisten »Kinder der Reformation« seien. So habe es einen Moment gegeben, in dem die Abspaltung von der anglikanischen Kirche unausweichlich gewesen sei. »Einheit ist wichtig, aber sie muss gelebt werden können«, betonte Lowry. In einer tief gespaltenen Kirche wie der EmK sei dies aber schwierig. »Es gibt einen Zeitpunkt, in dem wir zwischen Einheit und Mission wählen müssen.«

Gegen ein leichtfertiges Aufgeben der Einheit wandte sich Bischof Gregory V. Palmer. »Die Einheit der Kirche ist ein Geschenk«, betonte er. »Es ist unsere Verantwortung, wie wir mit diesem Geschenk umgehen.« Es sei nicht die Frage, ob uns die Mission oder eine Ordnung eine. »Wir sind getauft auf den Namen Christi, das eint uns.« Um in der Homosexualitäts-Debatte weiterzukommen, müsse man nicht auf die Generalkonferenz 2016 warten. »Es ist wichtig, dass wir jetzt ins Gebet und ins Gespräch darüber eintreten, was es bedeutet, unseren Nächsten so zu lieben wie uns selbst«, sagte Palmer.

Bischof John Yambasu aus dem westafrikanischen Sierra Leone konnte nicht persönlich teilnehmen, weil Reisende aus Ebola-Gebieten derzeit nicht in die USA einreisen dürfen. Dies mache klar, dass die EmK dort gegenwärtig andere Probleme habe als eine Debatte um Homosexualität, sagte Neil Alexander, der Yambasus Abwesenheit erklärte. Yambasu hatte sich in seinem Beitrag zum Buch kritisch über die Debatte geäußert. »Die Frage der Homosexualität beherrscht fast jedes bedeutende Gespräch innerhalb unserer Kirche, besonders in Nordamerika in einem Ausmaß, dass sie ein wichtiges Werkzeug in der Hand des Teufels ist«, schreibt er. »Sie hält die Kirche von den hauptsächlichen Zielen unserer Existenz ab.« Die EmK sei ein Haus, das gegen sich selbst kämpfe. »Und die Bibel sagt, dass so ein Haus nicht stehen kann.«
Schon immer habe es in der Christenheit Spaltungen gegeben. Etwa wegen der unterschiedlichen Auffassungen zur Beschneidung oder in der jüngeren Geschichte wegen der Frage der Sklaverei. »Aber die gute Nachricht ist, dass Gott durch alle diese Zeiten hindurch einen Plan und einen Zweck für seine Kirche ausgearbeitet hat.«

»Menschen als Menschen behandeln«

Bischof Kenneth H. Carter appellierte an die Kirche, homosexuelle Menschen nicht als Diskussionsthema, sondern als Menschen zu behandeln. Genau das hatte Pastorin Sarah Thompson Tweedy, die sich als Vertreterin schwul-lebischer Gruppen in der EmK in einem Video an die Diskutanten wandte, bemängelt. »Wir werden ›Fall‹ oder ›Problem‹ genannt und die Kirchenordnung sieht uns als Glieder zweiter Klasse.«, sagte sie. »Aber niemand redet direkt mit uns!« Deshalb appellierte sie an die EmK: »Redet mit uns, redet mit den Eltern, deren homosexuelle Kinder sich umgebracht haben.« Homosexuelle Menschen könnten »nicht auf die Kirchenordnung warten um so zu sein, wie Gott uns geschaffen hat«.
Für das Gespräch plädierte auch Bischöfin Rosemarie Wenner. »Wir brauchen Räume, um uns als Schwestern und Brüder in Christus zu begegnen. Das ist nicht die Aufgabe der Generalkonferenz, sondern unser aller Aufgabe.« Es sei wichtig, die Tagung der Generalkonferenz schon jetzt im Gebet vorzubereiten.

Bewegende Videos

Die Diskussion setzte auch auf die Beteiligung der Zuschauer. So wurden vier Videos eingespielt, die Methodisten zuvor eingeschickt hatten. Dabei berichtete ein Mann, dessen Partner Kirchenmusiker in der EmK gewesen war, von seinem großen Schmerz, weil die EmK eine kirchliche Trauung nicht erlaubt hatte – obwohl dies der innigste Wunsch des Paares gewesen war. Eine Mutter erzählte von ihrem schwulen Sohn, dem ein EmK-Pastor ins Gesicht gesagt hatte, er werde wegen seiner sexuellen Orientierung direkt in die Hölle kommen. Der Sohn entfremdete sich der Kirche und brachte sich später um. »Die Kirchenordnung schafft Menschen zweiter Klasse«, sagte sie und forderte die Bischöfe auf: »Bitte seid mutig, und ändert das!«
Auch per Twitter und Facebook konnte man sich an der Debatte beteiligen. Kurzzeitig schaffte es das Twitter-Schlagwort #cttalks (Connectional Table Talks) auf Platz 6 der meistgenutzten Schlagwörter in den USA. Bemängelt wurde von einigen, dass keine Homosexuellen mit auf dem Podium saßen. Das begründete Moderatorin Amy Valdez Barke damit, dass dieses Mal nur Autoren des Buches »Finding Our Way« (Unseren Weg finden) eingeladen wurden. In diesem von Neil Alexander herausgegebenen Buch werden die unterschiedlichen Positionen zur Homosexualität dargelegt.

Wenner: Offene Diskussion nötig

Ein positives Fazit zog Bischöfin Wenner. »Die Diskussion hat mich bereichert, was unter anderem den Videobeiträgen und auch den Fragen durch Twitter und Facebook zu verdanken ist«, sagte sie nach der Veranstaltung. Sie hoffe, dass sich mehr Menschen auf die Suche nach einem Weg für die EmK begeben, Einheit in versöhnter Verschiedenheit zu leben und sich dabei für die Menschen öffnen, die sich wegen ihrer sexuellen Orientierung an den Rand gedrängt erleben. Auch in Deutschland brauche es Möglichkeiten zum von Gebet und Offenheit getragenen Diskurs. »Dies ist nicht leicht, weil es um tiefe Fragen nach dem Wert von Menschen, nach der Treue zur Heiligen Schrift und nach dem Miteinander von Menschen aus vielen Kulturen und Prägungen geht. Aber mit Gottes Hilfe wird der Weg weitergehen.«

Volker Kiemle, Reinhold Parrinello

Die Debatte auf Twitter

Infos zur Debatte

www.umc.org/homosexuality - Voraussichtlich ab Montag, 3. November, wird die Debatte online als Aufzeichnung zur Verfügung stehen.

Artikel (engl.) von Heather Hahn (UMNS) zur Veranstaltung.

Deutsche Links zum Thema: