Prof. Dr. Michael Nausner, Reutlingen (li.); Luis Velasquez, Atlanta (USA)

Prof. Dr. Michael Nausner, Reutlingen (li.); Luis Velasquez, Atlanta (USA)

Gemeinschaft ist wichtiger als Zahlen

»Christen sind dazu berufen, sich selbst immer als Fremde zu verstehen.« So beschrieb Prof. Michael Nausner das Konzept einer Theologie der Migration.

Am dritten Tag der internationalen Tagung über Migration in Freudenstadt stand die Diskussion grundlegender theologischer Fragen im Mittelpunkt der Gespräche. »Christen sind nicht im Besitz einer eigenen Kultur«, sagte Nausner. Er lehrt als Professor für Systematische Theologie an der TH Reutlingen der Evangelisch-methodistischen Kirche (EmK). Christen müssten sich selbst als »Fremde« sehen und verstehen. Nur so könnten sie den herausfordernden Fragen in der Arbeit mit und für Migranten begegnen. »Methodismus hatte von Anfang an ein besonderes Interesse für Menschen in Not.« Auch seien Methodisten immer den Wanderungsbewegungen von Menschen gefolgt. So stellte er fest: »Methodismus war immer von Mobilität geprägt und wirkte nachhaltig auf ein gleichrangiges Miteinander hin.« Deshalb sei methodistische Theologie dafür wie geschaffen, Menschen in Not zu helfen und gleichzeitig auf die Ursachen Einfluss zu nehmen, die hinter diesen großen Migrationsbewegungen stünden.

In weiteren Beiträgen und Gesprächen wurden die Gedanken aufgegriffen und weiterentwickelt. So wies Christian Alsted, Bischof der EmK in Nordeuropa, darauf hin, dass unbedingt auf Menschen gehört werden müsse, die außerhalb der Kirche leben. »Unsere jungen Leute leben heute in einer Kultur, in der sie völlig selbstverständlich Freunde haben, die keine Ahnung von Kirche haben und aus anderen Kulturen kommen.« Besonders die Lebenserfahrungen und Gedanken von Einwanderern der zweiten und dritten Generation müssten unbedingt für die Umsetzung des kirchlichen Auftrags in der Arbeit mit Migranten aufgenommen werden. Mit solchen Menschen zu sprechen und mit ihnen zusammen nach Wegen zu suchen, unterstrich ein Teilnehmer, indem er sagte: »Es genügt nicht, alles zu messen, um alles zu wissen. Wenn wir wissen wie viele Migranten es gibt, wissen wir nicht alles!« Wie wichtig Gemeinschaft für Migranten sei, bestätigte Luis Velasquez, aus seiner Arbeit mit Migranten in Atlanta (Georgia, USA). In seiner Einrichtung habe sich der Dreischritt »Integration, Beteiligung, Mitarbeit« bewährt. Thomas Kemper, Generalsekretär der internationalen EmK-Kommission für Mission unterstrich die Bedeutung von Gemeinschaft. »Dazu muss sich das Verständnis für Migration und Fremde unter uns verändern«, sagte er und forderte die Teilnehmer der Tagung mit einer gewagten Formulierung heraus: »Lasst uns Migration feiern!«

Klaus Ulrich Ruof

Foto: Prof. Dr. Michael Nausner, Reutlingen (li.); Luis Velasquez, Atlanta (USA); © Arthur McClanahan