Interview Reiner Stahl

»Indem man etwas wagt, erfährt man Gott«

Die eigene Berufung im Leben zu finden ist nicht immer einfach. Vor allem für Christen geht es dabei nicht um Selbstverwirklichung, sondern um Nachfolge. Dabei ist der schwerere Weg oft der bessere, sagt Reiner Stahl. Im Gespräch mit Volker Kiemle erzählt der Pastor von seiner Berufung und welche Rolle Gehorsam dabei spielt.

Herr Stahl, wie findet man die eigene Berufung?

Reiner Stahl: Da gibt es ganz unterschiedliche Wege, wie Menschen ihre geistliche Berufung finden. Manche streben sie an. Andere suchen gar nicht und finden sie doch. Für beides gibt es biblische Beispiele – etwa den Perlenhändler, der die wertvolle Perle sucht und sie findet; und auf der anderen Seite den Bauern, der seine tägliche Arbeit macht und dabei den Schatz im Acker findet. Ich selbst bin bei meiner Berufswahl zuerst von meinen Begabungen ausgegangen: Ich wollte Chemiker werden, weil ich in der Schule gut in Chemie war. Später dann habe ich im Zivildienst einen tollen Arzt kennengelernt und gedacht, das wäre ja auch ein Beruf für mich.

Wann kam die Berufung zum Pastor?

Reiner Stahl: Die kam von außen. Nicht nur einmal, sondern mehrmals haben mich Menschen angesprochen die meinten, ich solle Pastor werden. Sie sagten, ich hätte eine Art, den Glauben zu leben, die Ausstrahlung hätte. So bin ich ins Fragen gekommen. Ich habe mich länger innerlich gewehrt, dann aber zu Gott gesagt: »Wenn du willst, dann will ich gehorsam sein.« Und ich habe Gott um Zeichen gebeten.

Berufung ist also weniger ein Suchen,sondern ein Gefundenwerden ...

Reiner Stahl: Es kann beides sein. Ich habe auch Menschen erlebt, die bewusst gesucht haben, weil sie ihr Leben mit Christus gestalten wollten.

Es gibt ja auch viele andere Berufe und Berufungen. Wie kann man als junger Mensch die Richtige finden?

Reiner Stahl: Zunächst sollte man von Gaben und Neigungen ausgehen und sich dem widmen, was einem Freude macht. Aber zu wirklicher Berufung gehört auch das Gefühl, Teil von etwas Größerem und Wichtigerem zu sein oder anders gesagt der Eindruck, dass man an dieser Stelle Gott dienen kann. Die Frage danach halte ich für sehr wichtig.

Können Sie Berufungen im Lauf des Lebens ändern?

Reiner Stahl: Das kann schon sein, aber sie haben dann etwas mit der ersten Berufung zu tun. Die Felder, auf die wir gerufen werden, sind groß, so dass sich auch Spezialisierungen oder andere Ausprägungen ergeben können. Außerdem hat das Leben einen Spannungsbogen. Manche Dinge passen zu einem bestimmten Lebensalter besser und werden daraus zur Berufung. Ich habe erlebt, dass eine ganze Reihe von Leuten, die in der Jugendarbeit ihre Berufung gesehen haben, später in die Diakonie gegangen sind oder therapeutische Berufe ergriffen haben.

Manche spüren, dass die erste Berufung ein Irrweg ist ...

Reiner Stahl: Ja, das kann vorkommen und ist dann ein großer Schmerz und verbunden mit Erfahrungen von Misserfolg, von Ablehnung und einer Erschütterung des eigenen Glaubens. Vielleicht hat es dann auch an ausreichender Prüfung der ersten Berufung gefehlt. Aber es gibt auch einen positiven Aspekt. Zur Zeit erleben wir vermehrt, dass sich Menschen, in fortgeschrittenem Alter und mit Berufserfahrung fragen, ob sie einen Neustart im geistlichen Dienst wagen sollten. Da spielt sicher auch Ernüchterung im Wirtschafts- und Berufsleben eine Rolle. Aber sie bringen dann auch Erfahrungen mit, die jetzt an anderer Stelle hilfreich sein können. Diese so genannten Spätberufenen sind sehr wertvoll für unsere Kirche!

Was ist, wenn ein Pastor an seiner Berufung zweifelt?

Reiner Stahl: Ich denke, das ist ganz natürlich. Die Herausforderungen im pastoralen Dienst sind groß und auch nach eigenem Eindruck wird man ihnen nicht immer gerecht. Und manchmal tut man sich auch schwer mit bestimmten Situationen und Menschen. Ich habe mich öfter gefragt: Will Jesus dich an dieser Stelle und in diesem Dienst haben? Manchmal zwingen auch Krankheit oder Verpflichtungen dem Ehepartner oder der Familie gegenüber zu Einschränkungen, die einen fragend machen. Es gibt auch Zweifel über die eigene Begabung. Zurzeit etwa spielt die Fähigkeit zur Leitung eine große Rolle im Pastorenberuf. Es gibt Menschen, die sind gute Seelsorger und gute Prediger, tun sich aber sehr schwer in der Leitung und überlegen, ob sie das Amt noch ausüben können.

Ist es immer nötig, dass eine Berufung von außen bestätigt wird?

Reiner Stahl: Ich bin überzeugt, dass die biblische Berufung auf drei Säulen beruht – und jede ist notwendig: Dazu gehören die eigene Überzeugung, gewisse Gaben, die ich habe oder auch bekomme, und die Bestätigung von außen, von anderen, die erleben, dass Gott durch den Berufenen wirkt. Diese drei Dinge gehören zusammen. Das geht natürlich nicht mit einer Momentaufnahme, sondern es braucht eine längere Beobachtung und Prüfung.

Was raten Sie Menschen, die viele Berufungen spüren?

Reiner Stahl: Es kommt darauf an, die Motive der einzelnen Berufungen zu prüfen. Daraus lässt sich schon erkennen, welche Berufung mehr ich-bezogen ist und welche stärker hineinführt in einen Auftrag Gottes. Hilfreich ist die Frage, wohin Christus mich zieht. Was lässt mir keine Ruhe? Wo flüchte ich vor einem Auftrag, den ich spüre? Der Gehorsam ist ein Kriterium. Ich habe großen Respekt vor jemand, der sich dem Schwereren zuwendet. Denn Glauben heißt wagen. Indem man etwas wagt, erfährt man Gott.

Die meisten Menschen suchen aber eher ein einfaches und gutes Leben ohne große Verbindlichkeit ...

Reiner Stahl: Ich spüre das auch. Aber diese Einstellung trägt meist nicht weit. Oft ist der schwierige Weg der tragfähigere – weil, er auch meine inneren Kräfte stärkt. Und weil dieser Weg meist sinnvoller ist als ein anderer.

Beitrag und Bild entnommen aus »unterwegs« 24/2014