Bischöfin Rosemarie Wenner

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Mauerfall - Geschenk und Auftrag

Bischöfin Rosemarie Wenner mit Gedanken zu 25 Jahre Mauerfall und dem Prozess der Wiedervereinigung.

Vermutlich wissen die meisten Deutschen, die älter als 35 Jahre sind, wo sie die Nachricht hörten: »In Berlin sind die Grenzübergänge offen!« Mein Mann und ich waren am 9. November 1989 im Urlaub auf den Azoren. Wir konnten nicht glauben, was wir zufällig im Fernsehen sahen. Und der portugiesische Nachrichtensprecher war für uns nicht zu verstehen. Wir vergewisserten uns durch einen Anruf in Deutschland, dass gerade ein Traum wahr wurde. Dies ist nun 25 Jahre her. Noch heute ist mein erster Kommentar zu dem, was damals geschah: »Gott sei Dank!«

Geschenk und Auftrag

Die Öffnung der Grenzen und der gesamte Prozess der Wiedervereinigung fielen nicht vom Himmel. Dass der Kampf vieler Menschen in der DDR zu einem solch friedlichen Wandel führte, sehe ich zusammen mit vielen Christen dennoch als großes Gottesgeschenk. Die Gebete, mit denen so manche Demonstrationen im Herbst 1989 begannen, wurden erhört. Das Geschenk der Vereinigung Deutschlands ist gleichzeitig ein Auftrag. In unserer Welt gibt es zu viele Grenzen, die unüberwindlich scheinen, von der Sehnsucht unzähliger Menschen nach einem Leben in Freiheit und Würde ganz zu schweigen.

Das koreanische Volk ist seit 1948 geteilt, der Krieg zwischen dem Norden und dem Süden endete 1953 mit einer Waffenruhe, ein Friedensvertrag steht immer noch aus. Bei Besuchen in Südkorea wurde ich aufgefordert: »Betet mit uns, damit auch bei uns die Teilung überwunden wird!« Ich habe mir dies zur Aufgabe gemacht. Weiterhin werbe ich dafür, dass wir vor Ort und weltweit teilen, was uns geschenkt wurde. In unserem Land gibt es viele Menschen, die weit mehr als genug haben. Ich gehöre dazu.

Böses meiden Gutes vermehren

Wir können Raum für die Flüchtlinge schaffen, die bei uns ankommen. Misstrauen oder gar Hass gegen Fremde gilt es an der Wurzel zu bekämpfen. Die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 darf sich nicht wiederholen. Damals brannten die Synagogen in Deutschland und die meisten Menschen, unter ihnen viele Christen, schauten zu. Die Erinnerung an diese Schuldgeschichte ist ebenso zu vergegenwärtigen wie die Freude der Wiedervereinigung. Aus beidem können wir lernen, wie wir Böses meiden und Gutes vermehren können, um mit Gottes Hilfe heute Träume von Freiheit und Versöhnung wahr werden zu lassen.

Bischöfin Rosemarie Wenner