Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Bischöfin Rosemarie Wenner

Raum in der Herberge

Angesichts der vielen Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind, bekommen Kirchengemeinden an vielen Orten eine neue Aufgabe: Sie können Räume schaffen, wo Schutzsuchende Beistand finden. Damit erhält die Weihnachtsgeschichte neue Aktualität, sagt Bischöfin Rosemarie Wenner.

Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.« Dieser Satz aus der Weihnachtsgeschichte nach Lukas liefert Stoff für viele Krippenspiele. Maria und Josef ziehen von einem Gasthaus zum nächsten und werden meist harsch, manchmal aber auch anteilnehmend abgewiesen. Schließlich finden sie Zuflucht in einem Stall.

Im Advent fand in Zusammenarbeit mit der weltweiten Missionsbehörde unserer Kirche in Freudenstadt eine Tagung über Migration im weltweiten Kontext statt. Im gastfreundlichen
Hotel Teuchelwald hörten wir erschütternde Berichte von Menschen, die heute Raum zum Leben suchen. So erzählte zum Beispiel Pastorin Marie Sol Sioco Villalon aus den Philippinen, wie junge Menschen aus ihrem Land in moderne Sklaverei hineingeraten, weil sie zuhause keine Arbeits- und Verdienstmöglichkeit finden. Kinder von Frauen, die in illegalen Beschäftigungsverhältnissen ausgebeutet werden, werden ebenfalls nicht registriert. »Die Kinder wachsen als ›Baby Boy‹ oder ›Baby Girl‹ auf«, sagte Pastorin Sioco Villalon.

Miji Leon, ein anderer Teilnehmer, war als Kind mit seinen Eltern aus der Demokratischen Republik Kongo geflohen und lebte sieben Jahre in einem Flüchtlingslager in Angola. »Jedesmal wenn meine Mutter ihre Hand zum Mund führte, begann ich um Essen zu betteln«, sagte er. »In Flüchtlingslagern dreht sich alles um zwei Themen, um Hunger und um die Suche nach Sicherheit.« Heute arbeitet Miji Leon als Seelsorger in einem Flüchtlingslager in Simbabwe. Dort stranden Menschen aus den afrikanischen Krisenländern, die nach Südafrika unterwegs sind.

Am Sonntagnachmittag besuchten uns Pastor Werner Hofmann und seine Frau Waltraud, die den ökumenischen Arbeitskreis Asyl in Freudenstadt leiten, mit einigen Flüchtlingen aus Pakistan, dem Iran, Tansania und Syrien. »Bisher steht jedem Asylbewerber in Deutschland 4,5 Quadratmeter Wohnraum zu, ab nächstem Jahr sollen es sieben Quadratmeter werden«, erzählte Waltraud Hofmann. Die Enge mache den Menschen schwer zu schaffen, sie kämpften ohnehin mit traumatischen Erfahrungen aus ihrer Heimat und während der Flucht.

Hoffnung keimt auf

Wir Christen glauben: Jesus kommt uns in den Menschen entgegen, die heute keinen Raum in menschenwürdigen Herbergen finden. Als wir auf die Leidensgeschichten von Flüchtlingen hörten, keimte bei der Tagung Hoffnung auf: Kirchengemeinden in aller Welt können Räume schaffen, wo Schutzsuchende Beistand finden. In Mexiko, so hörten wir von dem methodistischen Bischof Ruiz, werden zahlreiche Kirchengebäude an den üblichen Fluchtrouten zu Herbergen. Die methodistische Kirche in Italien hat auf Lampedusa und in Sizilien Stationen eingerichtet, wo Neuankömmlinge beraten werden. Jesu Geburts- und Kindheitsgeschichte verdeutlicht, dass der Dienst mit Flüchtlingen in der Mitte unseres Glaubens seinen Ursprung hat: Gott wird Mensch.

Dies ist Grund genug, sich für Mitmenschlichkeit stark zu machen. Möge das Jahr 2015 zu einem Jahr werden, wo wir Jesus unter uns willkommen heißen und auch durch den Dienst mit und an Hilfesuchenden gesegnet werden.

Bischöfin Rosemarie Wenner